Zu Besuch beim Munotwächter

Etwas erstaunt taxierten uns die umstehenden Leute als wir aus einer Art Brunnenschacht in den Hof des Munot krochen. Dabei wurde ich noch weniger bestaunt als Christian Beck, der als Munotwächter in seiner Uniform alle Blicke auf sich zog. Beruf Munotwächter! Da hätten sich die Fragesteller in Robert Lembkes Quizshow „Was bin ich? – Das heitere Beruferaten“ sicherlich schwer getan diesen Beruf zu erraten. Die typische Handbewegung wäre gewesen das Munotglöckchen fünf Minuten lang zu läuten, eine Tätigkeit, die der Munotwächter jeden Abend um Punkt 9 Uhr ausführen muss.

Je nach Tagesverfassung klingt das Glöckengeläut anders, mal mehr, mal weniger rhythmisch. Böse Zungen behaupten, das hänge mit dem Weinkonsum des Munotwächters zusammen, sogar die Hanglage und der Jahrgang lasse sich am Läuten erkennen, erzählt mir Christian Beck mit einem Augenzwinkern. Eine 420 kg schwere Glocke per Lederriemen zum Läuten zu bringen ist jedoch Schwerstarbeit und dass er bei seinem Dienstantritt 2006 ordentlich ins Schwitzen kam, als er als neuer Wächter die Glocke zum ersten Mal läutete und jeder Schaffhausner am Fenster stand und lauschte, ist somit verständlich.

Eingang

Wehrgang zum Munot

Wehrgang

Weitere Pflichten des Munotwärters sind die Versorgung des Damwilds im Munotgraben, Führungen für Touristen und Mithilfe bei den zahlreichen Veranstaltungen auf der Zinne. Singen muss er ebenfalls können, und zwar das Munotlied. Christian Beck beweist mir seine Sangeskunst und begleitet sich mit einer Drehorgel, die er von seinem Vater geschenkt bekommen hat. Der Liedtext stammt aus dem Jahre 1911 und man könnte sagen, er sei schon etwas altmodisch. Aber nicht für den Munotwächter, der mir im Anschluss an die „normale“ Variante eine gerappte Version darbringt, die auf Youtube nachzuhören ist.

Munotwächter Christian Beck mit Drehleier in der Waffenkammer des Munot

Wandmalereien in der Waffenkammer

Christian Beck zeigt mir fast alles im Munot, die Kasematten und Caponnieren, die Schießöffnungen und die Reitschnecke. Nur seine Wohnung im Turm bleibt mir und anderen neugierigen Touristen verwehrt. Um diese Wohnung herrscht ein Rätselraten, kaum jemand weiß wie es in der Munotwohnung hoch über Schaffhausen aussieht. Sogar mit Drohnen wurde versucht in sein Reich einzudringen, doch er habe einen besonderen Abwehrmechanismus erfunden um unerwünschte Gäste aus der Luft fernzuhalten.

Munot Turm

Reitschnecke

Um den Blick über die Stadt ist er auf alle Fälle zu beneiden. Weniger beneide ich ihn um die Arbeitszeiten.

Munot in Schaffhausen

Und trotzdem öffne ich am Abend mein Fenster im Hotelzimmer, betrachte den Munot in der Abendsonne und lausche fünf Minuten den Klängen des Munotglöckchens. Traditionen sind etwas Schönes. Was wäre der Munot ohne Wächter, ohne Glöckchen und ohne Lied?

Vielen Dank an Schweiz Tourismus und Schaffhauserland Tourismus, die meine Reise in die Schweiz organisiert haben.
Vielen Dank an Christian Beck, der sich Zeit genommen hat, mir sein zu Hause zu zeigen.

Mehr Informationen zum Munot gibt es auf der Seite des Munotvereins, die das ganze Jahr über Veranstaltungen wie die Munotbälle organisieren.

 

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