Santo Antão mit dem Mietwagen: Zwischen grünen Tälern, Grogue und dichtem Nebel
Santo Antão gilt als die Wanderinsel der Kapverden. Einen Küstenwanderweg und eine Wanderung durch das Tal von Paúl haben wir bereits hinter uns. Unsere Beine wissen das inzwischen sehr genau.
Für unseren letzten Tag auf der Insel wählen wir deshalb eine bequemere Art der Fortbewegung: Wir mieten ein Auto samt Fahrer.

Mit Dongo über Santo Antão
Unser Fahrer heißt Dongo. Er ist nicht nur ein erfahrener Chauffeur, sondern auch Unternehmer. Zwölf Autos und vier Aluguers, die typischen Sammeltaxis der Kapverden, gehören ihm.
Dongo kennt seine Insel. Und er findet offenbar, dass wir noch längst nicht genug davon gesehen haben.
Immer wieder hält er an, scheucht uns aus dem Auto und schickt uns auf Entdeckungsreise.
Diese Kirche müssen wir unbedingt anschauen. In jenem Dorf sollen wir eine Runde drehen. Und hier, genau hier, müssen wir aussteigen und fotografieren.
Nur mit dem Wetter ist Dongo nicht zufrieden.
Er blickt aus dem Seitenfenster, schnalzt missbilligend mit der Zunge und murmelt:
„Bad weather, bad weather.“
Dann deutet er in eine weiße Wand aus Nebel.
Normalerweise, erklärt er uns, hätte man von diesem Aussichtspunkt einen fantastischen Blick hinunter in das Tal von Paúl. Wir sehen dichte Nebelfetzen, die über den Gebirgskamm jagen.
Und sonst nichts.

Santo Antão – die grüne Insel der Kapverden
Die Täler im Nordosten Santo Antãos sind überraschend grün.
Das ist auf den Kapverden keineswegs selbstverständlich. Wasser ist kostbar. In manchen Regionen legen Menschen weite Strecken zurück, um sauberes Wasser von einem Brunnen zu holen. Plastikkanister werden auf dem Kopf, auf Eseln oder mit einfachen Transportmitteln nach Hause gebracht.
Wo Wasser vorhanden ist, wird es sorgfältig verteilt.
Wie auf Madeira oder im Oman ziehen sich Bewässerungskanäle durch die Landschaft. Sie leiten das Wasser zu kleinen Feldern und schmalen Terrassen, die sich an die steilen Hänge schmiegen.
Wir erkennen Bananenstauden, Papayas, Mangos, Brotfruchtbäume und sogar Äpfel. Wo in Asien Reisterrassen angelegt werden, wachsen auf Santo Antão Maispflanzen.
Bis weit hinauf in die Berge wird jedes fruchtbare Stück Boden genutzt.
Die Felder wirken manchmal so schmal und steil, dass ich mich frage, wie sie überhaupt bewirtschaftet werden können. Doch genau diese Terrassen prägen die Kulturlandschaft der Insel.

Aus Zuckerrohr wird Grogue
Eine Pflanze begegnet uns auf Santo Antão besonders häufig: Zuckerrohr.
Daraus wird Grogue hergestellt, der traditionelle Zuckerrohrschnaps der Kapverden. Oft wird er als Rum bezeichnet, auch wenn die lokale Herstellung ihre ganz eigenen Traditionen hat.
Früher wurden die Zuckerrohrpressen von Ochsen oder Eseln angetrieben. Die Tiere liefen im Kreis und setzten dabei die schweren Walzen in Bewegung.
Heute erledigen motorisierte Pressen die Arbeit wesentlich schneller.
Die Zuckerrohrstangen werden zwischen den Walzen zerquetscht. Der austretende Saft wird aufgefangen und anschließend in Fässer gefüllt. Dort beginnt er zu fermentieren. Nach einigen Tagen wird die vergorene Flüssigkeit destilliert.
Das Ergebnis ist ein klarer Schnaps, der je nach Herstellung erstaunlich kräftig ausfallen kann.
Guten Grogue kann man im Tal von Paúl beim Österreicher Alfred Mandl verkosten. Dort haben wir bereits am Vortag verschiedene Sorten probiert.
Ob man anschließend noch wandern sollte, ist allerdings eine andere Frage.



Ein Abstecher nach Xôxô
Unsere Fahrt führt uns weiter nach Xôxô.
Das Dorf liegt inmitten einer eindrucksvollen Berglandschaft. Steile Felswände ragen über den Häusern auf, während kleine Felder und Terrassen die Hänge überziehen.
Dongo hält selbstverständlich an.
Wir steigen aus, gehen ein Stück durch den Ort und betrachten die Landschaft. Das Wetter bleibt wechselhaft, doch gerade die tief hängenden Wolken verleihen den Bergen eine besondere Stimmung.
Santo Antão wirkt hier wild und weich zugleich. Schroffe Felsen treffen auf grüne Felder, schmale Wege auf steile Abgründe.
Über die alte Passstraße nach Porto Novo
Anschließend fahren wir über die alte Passstraße von Ribeira Grande nach Porto Novo.
Die Straße windet sich wie eine Schlange durch die Berge. Sie besteht größtenteils aus Pflastersteinen und wurde in mühevoller Arbeit direkt in die steile Landschaft gebaut.
Immer wieder hält Dongo an.
Das Wetter lässt zwar zu wünschen übrig, doch diese Straße muss fotografiert werden. Da hat er recht.
Am Delgadim müssen wir erneut aussteigen. Der Name leitet sich vom portugiesischen Wort „delgado“ ab und bedeutet so viel wie schmal oder dünn.
Und schmal ist dieser Berggrat tatsächlich.
Die Straße verläuft direkt oben auf dem Kamm. Links geht es steil hinunter. Rechts ebenfalls.
Ich gehe vorsichtshalber genau in der Mitte der Fahrbahn. Dass dort normalerweise Autos fahren, erscheint mir in diesem Moment beinahe nebensächlich.
Der Blick in die Tiefe verursacht mir ein mulmiges Gefühl. Gleichzeitig ist die Lage der Straße so spektakulär, dass ich natürlich trotzdem fotografiere.

Der Vulkankrater Cova de Paúl
Unser nächster Stopp ist der Vulkankrater Cova de Paúl.
Hier hätten wir am Vortag eigentlich unsere Wanderung hinunter nach Vila das Pombas beginnen sollen. Die klassische Route führt vom Kraterrand steil bergab und anschließend durch das fruchtbare Paúl-Tal bis zum Meer.
Unseren Knien zuliebe hatten wir die Tour allerdings umgedreht.
Wir starteten unten im Tal und gingen bergauf. Die Wanderung endete bei Alfred Mandl mit einer Verkostung verschiedener Grogue-Sorten.
Danach rückte der Vulkankrater verständlicherweise in weite Ferne.
Heute erreichen wir ihn bequem mit dem Auto.
Je höher wir fahren, desto stärker verändert sich die Landschaft. Plötzlich glaube ich, irgendwo in einem nassen österreichischen Wald gelandet zu sein.
Sind das tatsächlich Kiefern?
Die Stämme und Äste sind mit Moos bedeckt. Wasser tropft von den Bäumen. Die Straße glänzt feucht und sieht rutschig aus.
Ein Wanderpaar kommt uns entgegen. Beide sind völlig durchnässt und wirken nicht besonders glücklich.
Zumindest an diesem Tag scheint das Auto die bessere Entscheidung gewesen zu sein.

Nebel in Cova do Engenheiro
Im Dorf Cova do Engenheiro wagen wir uns nur kurz aus dem Wagen.
Nebel liegt über den Häusern, zieht durch die Straßen und verschluckt die umliegenden Berge.
Nebel vor uns.
Nebel hinter uns.
Nebel über uns.
Dongo betrachtet den Himmel und wiederholt sein Urteil:
„Bad weather.“
Wir können ihm kaum widersprechen.
Er startet den Motor und wir fahren weiter.

Von der Nebelwand in die Sonne
Nur wenige Kilometer später überqueren wir den Gebirgskamm.
Und plötzlich scheint die Sonne.
Die Landschaft auf dieser Seite Santo Antãos könnte kaum unterschiedlicher sein. Eben noch fuhren wir durch einen feuchten, moosbewachsenen Wald, nun liegen staubtrockene Hänge vor uns.
Der Kontrast zwischen dem grünen Nordosten und dem trockenen Süden der Insel ist enorm.
Wir halten ein letztes Mal an und blicken zurück.
Die Wolken schieben sich über den Berggrat, als würden sie an einer unsichtbaren Grenze stoppen. Dahinter liegt die feuchte „Bad-weather-Zone“. Vor uns öffnet sich die trockene Landschaft rund um Porto Novo.

Abschied von Santo Antão
Porto Novo wird oft als Hauptstadt Santo Antãos bezeichnet, ist vor allem aber der wichtigste Hafen der Insel.
Von hier fahren die Fähren nach Mindelo auf São Vicente.
Am nächsten Morgen werden auch wir Santo Antão verlassen.
Nach den Wanderungen, den grünen Tälern, dem Grogue und dieser Fahrt durch Nebel und Sonne habe ich das Gefühl, mehrere Inseln auf einmal erlebt zu haben.
Santo Antão ist rau und fruchtbar, trocken und feucht, karg und üppig.
Und manchmal liegen zwischen dichtem Nebel und strahlender Sonne nur wenige Kilometer.
Bis morgen, Santo Antão.
3 Kommentare
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GUDRUN KRINZINGER
Reiseblog von einer reiselustigen, strickbegeisterten, lesesüchtigen und fotografiewütigen Oberösterreicherin mit Hauptsitz Wien und Alte Donau.
Seit 2010 schreibe ich über meine Reisen auf dem Blog Reisebloggerin.at.
Wow, eindrucksvolle Bilder! Und gerade die dichten Nebelschwaden schaffen eine ganz besondere Atmosphäre, finde ich. 🙂
Danke, Dominik! Ja, im Nachhinein war es eh eindrucksvoll, live war’s eher „entrisch“, wie wir Oberösterreicher sagen….
Dongo heisst im übrigen Albertino 😉