Wandern auf den Kapverden: Küstenwanderung auf Santo Antão

„Mama“, scheinen die großen braunen Augen zu fragen, „warum haben diese Erwachsenen so komische Stöcke dabei? Und warum tragen sie so hohe Schuhe? Ich gehe diesen Weg jeden Tag in Flip-Flops.“

Eine durchaus berechtigte Frage.

Der etwa achtjährige Junge mustert uns neugierig. Wir sehen aus, als wären wir gerade einem österreichischen Wanderprospekt entstiegen: Wanderschuhe, Funktionskleidung, Rucksack und Wanderstöcke.

Dabei haben wir erst die ersten 30 Minuten des Küstenwanderwegs von Ponta do Sol nach Cruzinha da Garça hinter uns.

Der Junge trägt Flip-Flops.

Vermutlich würde er die gesamte Strecke schneller zurücklegen als wir.

Wanderin mit Rucksack und Wanderstöcken auf dem Küstenweg von Santo Antão
Mit Wanderstöcken und Bergschuhen unterwegs zwischen den Felsen von Santo Antão.

Wanderschuhe gehören zur österreichischen Grundausstattung

Nach meiner Schulzeit und den damit verbundenen obligatorischen Wandertagen verschwand das Wandern weitgehend aus meinem Leben.

Vermisst habe ich es nicht.

Wanderschuhe besitze ich natürlich trotzdem. Schließlich gehören sie beinahe zur Grundausstattung jedes österreichischen Haushalts. Man weiß ja nie, wann plötzlich ein Berg auftaucht.

Als unser Reiseziel Kap Verde feststand und Santo Antão fix in die Route aufgenommen wurde, war allerdings schnell klar: Die Wanderschuhe müssen entstaubt werden.

Santo Antão gilt schließlich als die Wanderinsel der Kapverden. Besonders häufig werden die Küstenwanderung von Ponta do Sol in Richtung Chã de Igreja und die Tour durch das Paúl-Tal empfohlen.

Zur Sicherheit besorgen wir uns zusätzlich zum Reiseführer den Rother Wanderführer für die Kapverden und eine Wanderkarte.

Vier Stunden und zwanzig Minuten reine Gehzeit sind darin für die gesamte Küstenwanderung veranschlagt.

Den Einstieg in den Wanderweg sehen wir uns deshalb bereits am Vorabend an. Schließlich wollen wir nicht gleich in den ersten fünf Minuten daran scheitern, überhaupt den richtigen Weg zu finden.

Wir wissen schon vorher, dass wir länger brauchen werden.

Viel länger vermutlich.

Bunte Häuser von Fontainhas an einem steilen Berghang auf Santo Antão - Wandern auf den Kapverden
Fontainhas liegt spektakulär zwischen Felsen und schmalen Terrassen, perfekt zum Wandern auf den Kapverden

Frühmorgens geht es in Ponta do Sol los

Um sieben Uhr morgens starten wir in Ponta do Sol.

Der Ort ist noch ruhig, doch die ersten Menschen sind bereits unterwegs. Eine Marktfrau möchte uns Ziegenkäse verkaufen. Der Käse ruht in einem Eimer, den sie auf dem Kopf trägt.

Als Wanderjause wäre er vermutlich ausgezeichnet. Nur lässt er sich in dieser Form denkbar schlecht in unseren Rucksäcken verstauen.

Außerdem stellt sich die Frage: Zählt kapverdischer Ziegenkäse eigentlich als Doping?

Wir lehnen dankend ab und marschieren weiter.

Der gepflasterte Wanderweg führt zunächst an der Küste entlang und steigt anschließend in Richtung Fontainhas an. Das Dorf klebt spektakulär an einem steilen Berghang. Die farbigen Häuser wirken, als hätte jemand sie vorsichtig zwischen Felsen und Terrassen gesetzt.

Schon bei der Ankunft in Fontainhas erkennen wir, dass unser Gehtempo nur wenig mit den Zeitangaben des Wanderführers zu tun hat.

Wir sind deutlich langsamer.

Das liegt nicht ausschließlich an unserer mangelnden Wandererfahrung. Wir bleiben ständig stehen, fotografieren und betrachten die Landschaft.

Hinter jeder Kurve wartet ein neuer Ausblick.

Wie soll man da bitte schnell weitergehen?

Schmale dunkle Felsformation am Küstenwanderweg auf Santo Antão
Schroffe Felsnadeln prägen die Landschaft entlang des Küstenwanderwegs.

Fontainhas: ein Dorf am steilen Hang

Fontainhas gehört zu jenen Orten, die man schon lange sieht, bevor man sie erreicht.

Oder man glaubt zumindest, sie bald zu erreichen.

Der Weg schlängelt sich in unzähligen Kurven den Berghang entlang. Die Häuser stehen auf schmalen Terrassen über tiefen Tälern. Dazwischen wachsen Bananenstauden, Zuckerrohr und andere Pflanzen.

Die Landschaft ist steil, rau und gleichzeitig erstaunlich grün.

Von Weitem wirkt das Dorf beinahe unwirklich. Aus der Nähe sehen wir kleine Häuser, Menschen auf den Wegen und Kinder, die offenbar wesentlich müheloser durch die Berge laufen als wir.

Verlassene Steinhäuser vor steilen Berggipfeln auf Santo Antão
Alte Steinhäuser verschmelzen beinahe mit der schroffen Berglandschaft von Santo Antão.

Dörfer, die mit den Bergen verschmelzen

Die wenigen Dörfer entlang der Route schmiegen sich eng an die Küste und an die steilen Berghänge.

Viele Häuser sind nicht verputzt. Ihre dunklen Steinmauern haben fast dieselbe Farbe wie die umliegenden Felsen. Aus der Entfernung sind die Gebäude deshalb oft kaum zu erkennen.

Dasselbe gilt für unseren Wanderweg.

Immer wieder verschwindet er im gegenüberliegenden Hang. Manchmal können wir nur anhand einer Stromleitung erahnen, auf welcher Höhe sich der Weg fortsetzt.

Das ist nicht immer beruhigend.

Wir blicken hinüber und fragen uns, wie wir jemals dorthin gelangen sollen. Doch der gepflasterte Pfad findet zuverlässig seinen Weg durch die Berge.

Kurve für Kurve.

An diesem Tag ist es staubtrocken. Tiefe Furchen in den Felswänden zeigen jedoch, mit welcher Kraft das Wasser bei Regen durch die Täler stürzen muss. Dann entstehen hier vermutlich eindrucksvolle Wasserfälle.

Auch ohne Wasser ist die Landschaft spektakulär.

Gepflasterter Küstenwanderweg mit Pflanzen und Blick auf den Atlantik auf Santo Antão
Der alte Pflasterweg führt hoch über der felsigen Atlantikküste entlang.

Zwischen Berghang und Atlantik

Ein Teil der Strecke führt unmittelbar am Atlantik entlang.

Auf der einen Seite ragt die Felswand auf, auf der anderen fällt der Hang steil zum Meer ab. Die Wellen schlagen so laut gegen die Küste, dass wir unser eigenes Wort kaum verstehen.

Der Weg ist an manchen Stellen schmal, aber gut gepflastert. Er stammt aus einer Zeit, in der diese Pfade die einzige Verbindung zwischen den abgelegenen Dörfern darstellten.

Für uns ist es eine Wanderroute.

Für die Menschen, die hier leben, ist es ein ganz normaler Weg.

Uns begegnen Kinder, Frauen mit Einkaufstaschen und Männer, die zu Fuß zwischen den Orten unterwegs sind. Sie tragen weder Wanderstöcke noch hohe Bergschuhe.

Manche gehen in einfachen Sandalen oder Flip-Flops.

Wir fühlen uns erneut ein wenig überausgerüstet.

Esel neben einer Steinmauer in der kargen Landschaft von Santo Antão
Esel gehören zum Alltag in den abgelegenen Bergregionen von Santo Antão.

Durch Corvo und entlang schwarzer Strände

Der Weg führt weiter nach Corvo.

Das kleine Dorf liegt in einem schmalen, fruchtbaren Tal. Auf den Terrassen werden Mais, Gemüse und andere Pflanzen angebaut. Ziegen stehen in kleinen Felsnischen, die ihnen als Ställe dienen.

Hinter Corvo wird die Landschaft wieder karger.

Wir sehen schwarze Strände tief unter uns und beobachten, wie die Wellen gegen die dunklen Felsen schlagen. Die Berge steigen beinahe senkrecht aus dem Meer auf.

Der Atlantik ist während der gesamten Wanderung unser Begleiter.

Mal liegt er weit unter uns, mal führt der Weg fast direkt an der Küste entlang. Manchmal hören wir ihn nur. Dann taucht er hinter der nächsten Kurve wieder auf.

Wanderin auf einem gepflasterten Weg bei der Markierung nach Corvo auf Santo Antão
Die weiß aufgemalte Wegmarkierung weist den Weg in Richtung Corvo.

Unser Zeitplan verabschiedet sich

Die im Wanderführer angegebenen Zeiten haben wir inzwischen endgültig aufgegeben.

Wir wandern langsam, bleiben stehen, fotografieren und machen Pausen.

Der Weg ist zwar nicht technisch schwierig, doch das ständige Auf und Ab macht sich bemerkbar. Vor allem unsere Knie beginnen, sich deutlich zu Wort zu melden.

Auch die Schienbeine melden sich.

Dann das Kreuz.

Schließlich die Hüften.

Eigentlich tut langsam alles weh.

Nach etwa sechseinhalb Stunden erreichen wir Cruzinha da Garça.

Bis Chã de Igreja wäre es noch ein Stück bergauf. Laut Wanderführer könnten wir die Wanderung dort regulär beenden.

Wir stehen am Ortsrand und überlegen kurz.

Sehr kurz.

Denn in Cruzinha warten bereits mehrere Aluguers auf müde Wanderer. Die Fahrer kennen ihre Kundschaft. Sie sehen uns an und wissen sofort, dass wir nicht mehr nach Chã de Igreja weitergehen werden.

Sollen wir unsere müden Knochen tatsächlich noch einmal bergauf bewegen?

Oder lassen wir uns nach Ponta do Sol zurückbringen?

Die Entscheidung fällt einstimmig aus.

Aluguer, bitte kommen!

Müde, aber glücklich am Ziel

Wir steigen in das Sammeltaxi und lassen uns zurück nach Ponta do Sol bringen.

Die Fahrt dauert weniger als eine Stunde. Durch das Fenster sehe ich noch einmal die Berge, Täler und kleinen Orte, durch die wir gewandert sind.

Meine Beine sind schwer, meine Knie beleidigt und mein Rücken möchte an diesem Tag keine weiteren Aufgaben mehr übernehmen.

Trotzdem bin ich glücklich.

Die Küstenwanderung auf Santo Antão war anstrengender, als ich erwartet hatte. Sie war aber auch eine der eindrucksvollsten Wanderungen, die ich bis dahin gemacht hatte.

Der Weg führt durch eine Landschaft, die gleichzeitig rau, grün, steil und wunderschön ist. Vor allem zeigt er, wie eng der Alltag der Menschen hier mit den Bergen verbunden ist.

Für uns war es ein Abenteuer.

Für den kleinen Jungen in Flip-Flops vermutlich einfach nur der Weg nach Hause.

Wanderin in orangefarbenem Shirt rastet an der Küste von Santo Antão
Nach sechseinhalb Stunden ist eine Pause mit Blick auf den Atlantik dringend nötig.

Santo Antão abseits der Wanderwege

Santo Antão ist vor allem bei Wanderern beliebt. Die Insel lässt sich aber auch auf andere Weise entdecken.

Am nächsten Tag gönnen wir unseren Beinen eine Pause und mieten ein Auto mit Fahrer. Damit fahren wir über die spektakulären Bergstraßen der Insel und besuchen weitere Dörfer und Aussichtspunkte.

Nach dieser Wanderung fühlt sich selbst eine kurvenreiche Autofahrt beinahe wie Wellness an.

Ich bin am 12. Jänner 2015 von Ponta do Sol bis Cruzinha da Garça gewandert. Für die Strecke benötigten wir mit zahlreichen Fotopausen etwa sechseinhalb Stunden.

Weitere Reiseberichte und Wanderungen

Am nächsten Tag erkundeten wir Santo Antão mit einem Auto samt Fahrer und entdeckten die Insel abseits der Wanderwege. Alle weiteren Beiträge dieser Reise findest du in meiner Übersicht über die Kapverden. Eine weitere spektakuläre Insellandschaft zum Wandern habe ich auf Madeira erlebt.

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6 Kommentare

  1. Veröffentlicht von TanjasBunteWelt am 18/01/2015 um 22:03

    Genial, ich glaube Ziegenkäse wäre hier auch kein Doping gewesen 😉
    Sieht traumhaft aus und ja Grundausstattung jedes Österreichers sollten schon Wanderschuhe sein..
    Liebe Grüße Tanja

    • Veröffentlicht von Reisebloggerin am 19/01/2015 um 12:38

      Der Ziegenkäse dort war übrigens köstlich, nur eben nicht wandertauglich! Wanderst Du?

  2. Veröffentlicht von Melanie am 19/01/2015 um 18:39

    Eine traumhafte Route. Wir waren leider während unseres Kapverden Aufenthalts nicht auf den grünen Inseln. Sieht aber einfach nur wundervoll aus – und anstrengend, wenn ich mir die Steigungen anschau 🙂

    • Veröffentlicht von Reisebloggerin am 20/01/2015 um 11:23

      Die grünen Inseln sind wirklich eine Reise wert. Die Steigungen waren gar nicht so schlimm, man hat ja alle Zeit der Welt. Schlimmer war für mich dass man das Ziel zB ein Dorf schon sieht und sich dann Weg dann doch noch gefühlte Stunden um Buchten schlängelt, bevor man dieses Dorf betritt.

  3. Veröffentlicht von Martin am 21/01/2015 um 14:34

    Still und heimlich sind die Kapverden nach deiner Wanderbeschreibung auf meine To-Do-List gewandert. 🙂 Danke für die Impressionen.

    • Veröffentlicht von Reisebloggerin am 21/01/2015 um 15:11

      Kapverden ist ein Paradies für Wanderer! Die beiden Insel Sao Antao und Fogo kann ich Dir da empfehlen, die Insel Brava soll aber auch sehr sehr schön sein…

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GUDRUN KRINZINGER

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