Sal auf den Kapverden: Zwischen Salz, Wind und Kitesurfern
Vor einer halben Stunde bin ich mit dem Flugzeug aus Mindelo angekommen. Schon am Flughafen beginnt das Gerangel am Taxistand. Irgendwann sitze ich in einem Wagen, der seine besten Jahre eindeutig hinter sich hat.
Das Einzige, was tadellos funktioniert, ist das Autoradio des etwa 25-jährigen Fahrers.
Aus den Lautsprechern dröhnen tiefe Bässe und wilde Rhythmen. Der Text ist leicht zu verstehen. Besonders abwechslungsreich ist er allerdings nicht. Im Wesentlichen besteht er aus zwei Wörtern:
„Sexy“ und „Baby“.
Immer wieder neu kombiniert.
Ich überstehe die Fahrt und möchte eigentlich nur noch kurz an den Strand, etwas essen und anschließend ins Bett fallen.
Doch mein erster Abend auf Sal verläuft anders als erwartet.

Sal – Die Sonneninsel der Kapverden
In Reiseführern und Reisebürokatalogen wird Sal gerne als die Sonneninsel der Kapverden bezeichnet.
Das mag durchaus stimmen.
Dass die Passatwinde die Insel von November bis weit ins Frühjahr fest im Griff haben, hatte ich zwar gelesen, aber nicht weiter beunruhigend gefunden.
Wem schadet schon ein bisschen Wind?
Mit diesem Gedanken trete ich auf die Straße – und sehe Touristinnen und Touristen in dicken Jacken unter Wärmelampen sitzen.
So viel zum Thema Sonneninsel.
Die Hauptstraße von Santa Maria besteht gefühlt aus Bars, Restaurants und Souvenirläden. Hinter beinahe jeder Tür wartet jemand darauf, Kundschaft hereinzulocken.
„Hello, Miss!“
„Come in, it’s free!“
Ich möchte eigentlich nur spazieren gehen, werde aber alle paar Meter angesprochen. Nach den ruhigeren und persönlicheren Begegnungen auf den anderen kapverdischen Inseln fühlt sich das ungewohnt an. Besonders anders hatte ich zuvor Praia, die Hauptstadt der Kapverden erlebt – mit ihren Märkten, der Street-Art und den Musiklokalen.
Auch das Abendessen kann meinen ersten Eindruck nicht retten. Das oft gelobte Fischrestaurant ist deutlich teurer als vergleichbare Lokale auf den anderen Inseln. Das Essen überzeugt mich dafür weniger, und die Bedienung wirkt, als hätte sie an diesem Abend lieber frei.
Sal und ich – wir starten nicht besonders harmonisch miteinander.
Glücklicherweise bekomme ich für den nächsten Tag noch einen Mietwagen.
Die Rundfahrt über die kleine Insel mit ihrer überraschend großen Geschichte versöhnt mich schließlich doch noch mit ihr.
Pedra de Lume: Die alte Saline auf Sal
Die bekannteste Sehenswürdigkeit der Insel ist die stillgelegte Saline von Pedra de Lume.
Schon der gleichnamige Ort kurz vor der Saline wirkt auf mich wie eine verlassene Kulisse aus einem Western.
Alte Gebäude stehen leer, Mauern bröckeln und die ehemalige Verladestation verfällt langsam. Jeden Moment könnte Clint Eastwood aus einem der Häuser treten, einen Colt ziehen und dabei die Melodie aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ pfeifen.
Die Person, die sich schließlich tatsächlich von einer Hauswand löst, ist natürlich nicht Clint Eastwood.
Es ist ein Guide, der uns seine Dienste anbietet.
Auch gut.



Salzgewinnung in einem Vulkankrater
Die Saline liegt in der Caldera eines erloschenen Vulkans.
Der Boden des Kraters befindet sich unterhalb des Meeresspiegels. Durch das poröse Vulkangestein dringt Meerwasser in die Senke. Verdunstet das Wasser, bleibt das Salz zurück.
So entstand mitten im Vulkankrater eine Landschaft aus flachen Becken, weißen Salzrändern und pastellfarben schimmerndem Wasser.
Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeiteten hier Hunderte Menschen. Das Salz wurde abgebaut und mit einer Seilbahn aus dem Krater bis zur Küste transportiert. Bis zu 25 Tonnen sollen auf diese Weise pro Stunde bewegt worden sein.
Heute ist die industrielle Salzgewinnung Geschichte.

Baden im Salzsee von Pedra de Lume
Einige wenige Menschen kümmern sich nun um die Besucherinnen und Besucher, die Eintritt bezahlen, durch die Anlage spazieren, im Restaurant einkehren oder im stark salzhaltigen Wasser baden.
Wenn das Meer wegen des Windes schon wenig einladend wirkt, dann lege ich mich eben in einen Salzsee.
Das Wasser ist so salzhaltig, dass der Körper automatisch an der Oberfläche bleibt. Ich lasse mich vorsichtig zurücksinken und stelle fest:
Ja, es funktioniert tatsächlich.
Ich gehe nicht unter.
Das Gefühl ist eigenartig. Schwimmen kann man es kaum nennen. Man liegt mehr oder weniger schwerelos im Wasser und versucht dabei, möglichst nichts davon in die Augen zu bekommen.
Sehr entspannend – solange man keine kleinen Verletzungen an der Haut hat.

Ausflug in den Fischerort Palmeira
Im Anschluss unternahmen wir einen Abstecher in den kleinen Fischerort Palmeira. Wie wurden von den vielen bunten Schirmchen angezogen. Von weitem sah alles ein bisschen seltsam aus: helle Sanddünen und dahinter flitzten Kite-Schirme über den blauen Himmel. Das Meer war unsichtbar, ebenso wie die Kitesurfer selbst.
Für Kitesurfer ist Sal ein Paradies. Ich bin ja viel zu feig für solch eine rasante und windige Sportart, aber den Sportlern zuzuschauen war ein tolles Erlebnis.
Palmeira und die bunten Kites am Horizont
Nach dem Besuch der Saline fahren wir weiter nach Palmeira.
Der kleine Ort an der Westküste ist einer der wichtigsten Häfen der Insel und wirkt deutlich weniger touristisch als Santa Maria.
In der Ferne ziehen jedoch vor allem bunte Schirme unsere Aufmerksamkeit auf sich.
Zunächst sieht das Ganze etwas seltsam aus: Vor uns liegen helle Dünen, dahinter flitzen farbige Kites über den Himmel. Das Meer selbst können wir von unserem Standort kaum erkennen.
Auch die Kitesurfer bleiben zunächst unsichtbar.
Nur ihre Schirme tanzen über dem Horizont.

Kitesurfen auf Sal
Für Kitesurfer ist Sal ein Paradies.
Der starke und beständige Wind, über den ich mich seit meiner Ankunft beklage, ist für sie der eigentliche Grund, auf die Insel zu kommen.
Ich selbst bin für diese Sportart viel zu vorsichtig. Mich freiwillig von einem riesigen Schirm über das Wasser ziehen und dabei gelegentlich in die Luft schleudern zu lassen, gehört nicht zu meinen Urlaubsträumen.
Zusehen kann ich dafür stundenlang.
Die Kiter rasen über das Wasser, springen über die Wellen und lassen sich vom Wind tragen. Manche Bewegungen wirken beinahe schwerelos.
Plötzlich ergibt der Wind auf Sal einen Sinn.
Zumindest für alle, die einen Kite besitzen.

Sal oder doch lieber Vento?
Am Abend sitze ich am Meer und beobachte den Sonnenuntergang.
Sonnenuntergänge am Wasser funktionieren schließlich fast immer. Auch dann, wenn der Wind an der Kleidung zerrt und der Sand durch die Luft fliegt.
Während die Sonne langsam im Atlantik versinkt, kommt mir ein Gedanke:
Vielleicht sollte man Sal umbenennen.
„Sal“ bedeutet auf Portugiesisch Salz. Das passt natürlich zur Geschichte der Insel und zur Saline von Pedra de Lume.
Doch „Vento“, das portugiesische Wort für Wind, würde mindestens ebenso gut passen.
Ich bin mir ziemlich sicher, die Kitesurfer wären auf meiner Seite.
Mehr über meine Reise auf die Kapverden
Sal war die letzte Station meiner Reise durch die Kapverden – und die Insel, mit der ich am meisten gefremdelt habe.
Santa Maria wirkte nach Santiago, Fogo, São Vicente und Santo Antão deutlich touristischer. Auf Santo Antão war ich außerdem auf dem spektakulären Küstenwanderweg von Ponta do Sol nach Cruzinha da Garça unterwegs Die vielen Souvenirläden, die höheren Preise und die ständigen Ansprachen auf der Straße waren nicht das Kap Verde, das ich in den beiden Wochen zuvor kennengelernt hatte.
Die Rundfahrt über die Insel zeigte mir jedoch eine andere Seite.
Die verlassene Salzverladestation von Pedra de Lume, die Saline im Vulkankrater, der Hafen von Palmeira und die Kitesurfer im starken Passatwind machten den misslungenen Start wieder wett.
Sal ist Sonne.
Sal ist Salz.
Vor allem aber ist Sal Wind.
Warum die Kapverden meine Reise trotzdem schon sehr früh für sich entschieden hatten, erzähle ich in meinem Beitrag 5:0 für die Kapverden.
Ich war von 1.- 16.Jänner 2015 auf den Kapverdischen Inseln unterwegs, davon zwei Nächte auf Sal.

Andere Reiseblogger, andere Berichte: Die ReiseEule hat auf Sal die versteckte Buchten entdeckt
2 Kommentare
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GUDRUN KRINZINGER
Reiseblog von einer reiselustigen, strickbegeisterten, lesesüchtigen und fotografiewütigen Oberösterreicherin mit Hauptsitz Wien und Alte Donau.
Seit 2010 schreibe ich über meine Reisen auf dem Blog Reisebloggerin.at.
Hallo Grudrun,
also der Start ist mal richtig schlecht 🙁 hoffentlich hat die Fahrt auf der Insel dich etwas vertröstet. Für mich jedoch wäre es dort schon fast zu fad.
LG Tanja
Ja, der Start war gar nicht nach meinem Geschmack. Mir hat der eine Tag gereicht. Für Sonnenanbeter, Kitesurfer und Badeurlauber ist es das Paradies!