Laufen in Lissabon

Mit „Es sind nur noch 199 Meter!“ wollte mich Pedro locken. Doch keine Chance. Ich blieb stur, drosselte das Lauftempo und schritt neben ihm her. Ich bin eben keine Kämpfernatur, sondern ein Genussläufer. Meine Laufstrecken müssen möglichst flach, das Wetter phänomenal gut und die Außentemperatur bei mindestens 10 Grad plus sein, ansonsten ziehe ich mir die Laufschuhe gar nicht an. In Wien bin ich Profi im Genusslaufen, aber in Lissabon? Ein Hügel reiht sich an den anderen. Und bevor ich in den Gassen der Alfama verlorengehe, suche ich mir lieber einen Profi, der erstens sämtliche Laufstrecken in Lissabon kennt und mir zweitens die Sehenswürdigkeiten der Stadt näherbringt. So landete ich auf der Homepage der Lisbon City Runners und buchte einen Morgenlauf.

Pünktlich um 7 Uhr 30 steht Pedro vor meinem Hotel. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Pedro ist Marathonläufer. Und ein schneller noch dazu! Doch zuerst besprechen wir die Laufroute und Pedro versichert mir, er werde sich an mein Lauftempo anpassen. Der Arme…

Wir starten an der Avenida da Liberdade, dem Prachtboulvard Lissabons. Auf historischem Pflaster laufen wir vorbei an Hotels, Luxusgeschäften, dem Kriegerdenkmal und dem Cinema S.Jorge Richtung Tejo. Prachtvolle Paläste mit historischer Vergangenheit stehen hier. Wir laufen vorbei an der Art-Deco Fassade des Eden Teatro, ehemals Großkino und Drehort des Filmes „Bis ans Ende der Welt“ von Wim Wenders. Heute ist hier ein Hotel untergebracht.

Historisches Pflaster in Lissabon

Kriegerdenkmal auf der Avenida

Eden Teatro in Lissabon

Unsere erste Pause legen wir vor dem Bahnhof Rossio ein. Ich hätte dieses reich verzierte Gebäude auf den ersten Blick nicht als Bahnhof identifiziert. Pedro erklärt mir, dass dieser Kopfbahnhof ein Beispiel für neomanuelinische Architektur ist. Maurische und gotische Baustile vermischen sich. Mich erinnern die beiden Eingangstore an Hufeisen.

Bahnhof Rossio

Kaum laufen wir über die Straße, sind wir auch schon am Rossio. Hochoffiziell heißt der Platz Praça de Dom Pedro IV. Der König thront als Bronzefigur auf einer Marmorsäule hoch über dem Platz. Könnte er sich umdrehen, würde er das Nationaltheater bewundern.

So schaut er Richtung Tejo und wir folgen seinem Blick und laufen über das schönste wellenförmige Pflaster, das Lissabon zu bieten hat, in die Gassen der Baixa, der Unterstadt.

Rossio

1755 wurde hier alles durch ein Erdbeben zerstört. Marques de Pombal zeichnete sich für den Wiederaufbau verantwortlich und verband Geometrie mit Funktionalität. Es entstand ein geradliniges, systematisches Stadtviertel, die Häuser hatten einheitlich fünf Stockwerke und die Längstraßen wurden einzelnen Zünften und Berufsgruppen zugeordnet.

Wir biegen jedoch nicht in die Rua Aurea („Goldene Straße“ und somit Straße der Goldschmiede und Uhrmacher), sondern in die Rua Augusta. Hier fällt mein Blick sofort auf die köstlichen Pasteis de Natas, die in den Auslagen der kleinen Bars auf Käufer warten. Ich würde ja schwach werden, aber Pedro ist schon wieder einige Meter vor mir. Na gut, ich muss mir dieses köstliche Dessert eben erst verdienen.

Pasteis de Nata

Vorbei geht es am neuen Design- und Modemuseum MUDE (einem ehemaligen Bankgebäude) durch den Arco Triunfal. Da will ich rauf, denke ich mir noch, und schon sind wir weitergelaufen, durch die Arkadengänge des  Praça do Comércio, vorbei an einem weiteren Bauwerk mit neomanuelinischen Einflüssen, der Igreja de Nossa Senhora da Conceição Velha.

Schließlich landen wir vor dem „Haus der Spitzen“ oder „Diamantenhaus“, auf portugiesisch heißt das Gebäude Casa dos Bicos. Die Erbauung geht auf das Jahr 1523 zurück und angeblich wurde in jede Steinpyramide ein Diamant eingearbeitet. Heute ist im Gebäude das Jose Saramago Museum untergebracht und unter dem Olivenbaum vor dem Haus wurde die Urne des 2010 verstorbenen Literaturnobelpreisträgers bestattet.

Designmuseum

Arco Triunfal

Igreja

Jose Saramago Museum

Nach diesem Ausflug in die Literatur laufen wir weiter in Lissabons musikalischstes Viertel und landen in der Alfama. Das Fadomuseum liegt sozusagen direkt vor der Tür des Stadtviertels und wir tauchen ein in die schmalen Gassen. Noch schlafen fast alle und ich keuche bergauf und bergab.

Fado Museum

Alfama

Nach der Musik ist dann die Kunst an der Reihe. Pedro zeigt mir an einem Gebäude am Hafen ein Bild der Street-Art-Künstlers Vhils und Pixel Panko. Vhils bearbeitet mittels Schlagbohrer und Sprengstoff die Hausmauern und zählt mittlerweile zu den berühmtesten Künstlern in Lissabon.

Streetart

Entlang des Tejo führt unsere Laufrunde weiter. Ich würde ja schon gerne in den Liegestuhl fläzen, aber noch sind wir nicht am Ziel. Schon bald stehen wir am Praça do Comércio, diesmal von der anderen Seite. Früher wurden hier die kostbaren Gewürze abgeladen, später Kaiser und Könige empfangen und mittlerweile wird der Platz für Feierlichkeiten aller Art genutzt.

Liegestühle am Tejo

Praça do Comércio

Für Pedro und mich geht es ein kurzes Stück weiter am Flussufer entlang, rechts rein in die Gassen um die letzte Sehenswürdigkeit dieser Tour zu betrachten. Elevador de Santa Justa. Und nein, der Aufzug wurde nicht von Gustave Eiffel erbaut, sondern von seinem Schüler Raoul Mesnier de Ponsard.

Elevador de Santa Justa

Um ins Hotel zu kommen kann ich leider keinen Aufzug benützen, ich muss laufen. Und zwar immer leicht bergauf die Avenida entlang. Bis mir genau 199 Meter vor dem Hotel die Puste ausgeht und ich trotz Pedros gut gemeinter Motivationsversuche aufgebe.

Trotzdem, ich bin in 43,31 Minuten 5,8 km gelaufen und liebäugle mit einem Pastel de Nata beim Frühstücksbuffet. Marathonläufer werde ich sowieso keiner mehr. Pedro hat zwei Wochen später den Paris-Marathon in der unglaublichen Zeit von 2h57 geschafft. Herzliche Gratulation, Pedro!

Copyright Foto: Pedro von Lisbon City Runners

Laufen und gleichzeitig fotografieren wäre für mich unmöglich gewesen. Daher bin ich die Strecke am nächsten Tag abgegangen und habe die Fotos gemacht. Das Foto vom Elevador entstand einen Tag früher.

Du willst ebenfalls in Lissabon laufen aber nicht alleine? Hier geht es zu den Lisbon City Runners! 

6 comments to Laufen in Lissabon

  • WOW – ich fand schon das „normale“ laufen super anstrengend, Respekt! 😉

    LG
    Verena

    • Ich finde Laufen in Kombination mit Sightseeing nicht so schlimm. Erstens bleibt man öfter stehen und zweitens lenken mich die Sehenswürdigkeiten vom Laufen ab! Ich sollte also mehr im Ausland laufen, vielleicht renne ich dann noch mal den Marathon (so in 20 Jahren)!

  • Hallo Gudrun,

    der arme Pedro *gg*
    Wow, die Bilder sind klasse, also durch Lissabon (oder Teile) zu laufen, darauf muss man mal kommen. Ich sehe kaum Menschen auf den Straßen? Wann fangt bei denen denn leicht das bunte Arbeitsleben an?
    LG Tanja

  • Antje Aly

    Toller Bericht, ich laufe dort immer am Tejo! Ich glaube das ist vom Messezentrum aus! Der Weg am Wasser ist voll mit Läufern jeglichen Alters und Können!
    Laufen in Lissabon gehört zu meinen schönsten Reiseerlebnissen!

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