Der Aralsee in Usbekistan – ein See verschwindet

Ich erinnere mich dunkel. Lernten wir die Liste der weltgrößten Seen in der Volks- oder doch erst in der Hauptschule auswendig? Kaspisches Meer, Oberer See, Victoriasee und dann kam auch schon der Aralsee mit ursprünglich 66.000 Quadratkilometern Ausdehnung. Damit war er in etwa so groß wie Bayern.

Doch da wo ich jetzt stehe, ist weit und breit kein Wasser zu sehen, nicht der kleinste Tropfen. Ich müßte mir schon einen Jeep samt Fahrer mieten und 120 km Richtung Norden brettern. Da würde ich dann die traurigen Überreste eines Sees entdecken, den die Dichter vor vielen Jahren als das „Meer Mittelasiens“ bezeichneten. Das ehemalige Meer hat sich in drei Teile aufgeteilt: Nördlicher Aralsee, Westlicher Aralsee und Barsakelmessee. Dazwischen hat sich die Wüste Aralkum gebildet, die jüngste Wüste der Welt.

Über die Gründe der Austrocknung wird noch immer gestritten. Die einen nennen es die größte vom Menschen verursachte Naturkatastrophe, die anderen sprechen von geologischen Ursachen. Fakt ist, der ehemals viertgrößte See der Welt existiert nicht mehr. Was in Moynak, einer ehemals belebten Hafenstadt vom Aralsee übrig geblieben ist, sind elf verrostete Schiffe, eine verlassene Fischfabrik und ein geschlossenes Museum.

Friedhof der Schiffe am Aralsee

ehemaliger Leuchtturm am Aralsee

Der Friedhof der Schiffe am Aralsee

Um die Schiffe aus der Nähe betrachten zu können, steige ich die Betonstufen zum Grund des Sees hinab. Ein hässlicher Wind pfeift mir um die Ohren. Er bildet wellenförmige Muster im Sand. Von der Aussichtsplattform sehen die Schiffe klein aus, doch als ich unten ankomme, merke ich, wie sich das Größenverhältnis ändert. Neben den rostigen Kuttern bin ich plötzlich ganz klein.

Ich streiche über das von Wind und Salz zerfressene Metall. Manche der verrosteten Flächen sind über und über mit Graffiti versehen, kyrillische Buchstaben, die für mich auf den ersten Blick keinen Sinn ergeben. Und dann erkenne ich doch eine Lösung hinter all dem Gekritzel. Die eingeritzten Herzen zwischen den Namen deuten auf Liebesbeweise hin.

Eines der Schiffe sieht wie ein abgenagtes Skelett aus, ich strecke meine Hand durch den nicht mehr vorhandenen Schiffsrumpf. Sand hat sich zwischen die Metallstreben breit gemacht, dazwischen liegen kleine Muscheln. Die unverwüstlichen Saxaulsträucher wiegen sich im Wind, sie haben sich den Seegrund Untertan gemacht. Ansonsten entdecke ich nicht das kleinste Lebewesen. Kein einziger Vogel kreist über dem ehemaligen Aralsee, keine Ameise klettert an den Sträuchern empor, keine Eidechse lässt sich blicken. Der See hat kapituliert, die Wüste hat übernommen.

Ein Schiffswrack am Aralsee

Friedhof der Schiffe am Aralsee

Schiffsschraube

Schiffswrack am Aralsee


Die meisten Touristen reisen mit dem Flugzeug von Taschkent nach Nukus und von dort aus mit dem Auto zum ehemaligen Ufer des Aralsees. Die Fahrt mit dem Auto von Nukus nach Moynak dauert in etwa 3 Stunden. Das Museum hatte am Tag unseres Besuches wegen Umbau geschlossen. Es soll sehr sehenswert sein. 

In Nukus ist das nach seinem Gründer benannte Savitsky Museum einen Besuch wert. Igor Savitsky sammelte bevorzugt Bilder von Künstlern, die unter der Herrschaft Stalins mit Repressalien zu rechnen hatte. Der Sammler hatte sich extra ins von Moskau weit entfernte Nukus zurückgezogen. Zusätzlich zu den Bildern trug er Kunstgegenstände aus Karakalpakistan zusammen. Nicht weniger als 90.000 Exponate befinden sich heute in den Besitz des Museums. 

Savitsky Museum in Nukus

Die Rundreise in Usbekistan erfolgte auf Einladung von Reisefieber – Der Asien Spezialist für Asien Reisen. 

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22 Kommentare

  1. Veröffentlich von Angela am 28/11/2017 um 20:41

    Liebe Gudrun,
    das ist ja eine spannende Geschichte. Traurig und faszinierend zugleich. Ist es nicht erstaunlich, dass so etwas in einer Zeitspanne von weniger als einem Menschenleben passiert: ein See wird zur Wüste.
    Danke, dass du uns an deinen Eindrücke teilhaben lässt!
    Liebe Grüße
    Angela

    • Veröffentlich von Reisebloggerin am 30/11/2017 um 19:12

      Irgendwo habe ich gelesen, die Aralkum sei die jüngste Wüste der Welt…

  2. Veröffentlich von Gina am 29/11/2017 um 08:36

    wow, das wusste ich noch gar nicht, dass der Aralsee ausgetrocknet ist! Beeindruckend und bedrückend, die Bilder von den vor sich hinrostenden trocken gefallenen Schiffen.

    Liebe Grüße
    Gina

  3. Veröffentlich von DieReiseEule am 30/11/2017 um 15:13

    Wie krass ist das denn…
    Das der See so klein geworden ist, war mir gar nicht klar. Aber die Fotos mit den Wracks hat was. Traurig und faszinierend zugleich.

    Es grüßt
    DieReiseEule

    • Veröffentlich von Reisebloggerin am 30/11/2017 um 19:08

      Du hast recht, traurig und faszinierend zugleich.

  4. Veröffentlich von Michelle am 30/11/2017 um 15:16

    Eigentlich eine sehr traurige Geschichte. Aber ich stelle mir diese ganzen, alten Schiffe durchaus sehr interessant vor.
    Die Kulisse sieht also wirklich echt cool aus, aber schade, dass die Wüste gesiegt hat.

    Ganz liebe Grüße aus Singapur!
    Michelle <3
    gowhereyourhearttellsyoutogo.wordpress.com

    • Veröffentlich von Reisebloggerin am 30/11/2017 um 19:07

      Die Wracks waren sehr faszinierend, nur die Umweltkatastrophe müsste nicht sein..

  5. Veröffentlich von Daniela (rassambla) am 30/11/2017 um 16:14

    Oh wie traurig. Aber ich kann mich auch noch daran erinnern, dass wir in der Schule damals schon gelernt haben, dass der Aralsee austrocknen wird, wenn es so weiter geht. Echt nicht schön, wie wir mit unserer Erde umgehen 🙁
    Trotzdem beeindruckende Fotos und ein schöner Bericht!

    • Veröffentlich von Reisebloggerin am 30/11/2017 um 19:07

      Nein, wir sollten wirklich mehr aufpassen auf unseren Planeten, da hast Du recht!

  6. Veröffentlich von Pia am 30/11/2017 um 16:25

    Hallo Gudrun,
    wow, es ist wirklich unvorstellbar, dass an dieser „kargen Stelle“ früher wirklich mal ein so riesiger See gewesen sein soll.
    Danke, für das Mitnehmen auf deine Reise!
    Lieben Gruß,
    Pia

  7. Veröffentlich von Marlene am 30/11/2017 um 17:13

    Hallo Gudrun,

    jetzt bin ich gerade etwas geschockt. Hilfe! Da wollte ich doch auch unbedingt noch hin. Oh man, oh man! Danke aber für deinen ehrlichen Einblick. Ich nehm mir dann wohl nen Jeep…

    Lieben Gruß Marlene

    • Veröffentlich von Reisebloggerin am 30/11/2017 um 19:05

      Ja, mittlerweile brauchst Du in Usbekistan einen Jeep um wirklich ans Ufer zu kommen…

  8. Veröffentlich von Tina am 30/11/2017 um 17:14

    Beeindruckende Bilder und ein wundervoll geschriebener Artikel, der Lust auf mehr macht.

  9. Veröffentlich von Dagmar von Bestager-Reiseblog. am 30/11/2017 um 18:35

    Sehr informativer Blogbeitrag. Mir war gar nicht bewusst, dass der Aralsee sich mehr oder weniger in Wüste verwandelt hat

  10. Veröffentlich von Carolin am 01/12/2017 um 09:12

    Hallo Gudrun!

    Tatsächlich war mir nicht wirklich bewusst, dass es den Aralsee nicht mehr in seinen ursprünglichen Ausmaßen gibt!
    Ich hoffe, dass sich die Natur ihren Lebensraum dort wieder zurückholen kann und etwas Lebendiges entstehen kann!

    Vielen Dank für diese Informationen und die eindrucksvollen Fotos!

    Liebe Grüße
    Carolin

  11. Veröffentlich von Ina am 03/12/2017 um 18:17

    Ich wusste das schon, aber das so anschaulich beschrieben zu lesen mit diesen trotz allem tollen Bilder, macht schon Eindruck1
    Danke für den tollen Bericht!

    LG aus Norwegen
    Ina

    http://www.mitkindimrucksack.de

  12. Veröffentlich von aydin am 02/01/2018 um 14:50

    Hallo. Ich bin aus Karakalpakstan, die Aralsee liegt hat. Also, die Autor schreibt alles klar. Ich empfehle ihnen Savitskiy Museum zu besuchen. Dort hat viele Bilder ueber Aralsee.Früher und Heute.
    Mit freundlichen Grüßen Aydin

  13. Veröffentlich von uwe neuhaus am 04/01/2018 um 23:31

    DARAN HAT DER BAUMWOLLANBAU EINEN GROSSEN ANTEIL :DIE ZUFLÜSSE WERDEN FÜR DIE
    BEWÄSSERUNG VERBRAUCHT:DAS WIRD SICH FÜR USBEKISTAN NOCHMAL BÖSE RÄCHEN ;DIESER RAUBBAU !!!!

  14. Veröffentlich von Marek am 02/02/2020 um 10:48

    Durch Zufall bin ich auf deinen Blog gestoßen, vielen Dank für deinen Reisebericht. Dieser hilft mir auf meiner Usbekistan & Aralsee Rundreise im September.

    Gruß Marek

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GUDRUN KRINZINGER

Ich tue. Ich reise. Ich bin.


Reiseblog von einer reiselustigen, strickbegeisterten, lesesüchtigen und fotografiewütigen Oberösterreicherin mit Hauptsitz Wien und Alte Donau.

Seit 2010 schreibe ich über meine Reisen auf dem Blog Reisebloggerin.at.

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