Sant’Erasmo – Die Gemüseinsel von Venedig

Schon die Anreise nach Sant’Erasmo ist ein kleines Abenteuer. Mein Transportmittel ist der Wasserbus mit der Nummer 13, der tuckernd einmal in der Stunde, selten zweimal, die Strecke in die nördliche Lagune aufnimmt. Abfahrtsort ist die Anlegestelle an der Fondamente Nove, ein Ort bevölkert von Touristen, die nach Murano und Burano aufbrechen.

Vaporetto 13 legt zwar ebenfalls in Murano an, jedoch völlig unbeachtet von Touristen. Mit mir am Boot befinden sich Pensionisten und Pendler, vertieft in lebhafte Gespräche. Um sich die halbstündliche Fahrt nach Sant’Erasmo zu vertreiben, ist auch das Lösen von Kreuzworträtsel sehr beliebt.

Wie in Venedig üblich ist die Wasserstraße von briccole flankiert. Diese Holzpfähle markieren die befahrbaren Kanäle und werden von missmutig dreinblickenden Möwen bewacht. Ab und an entdecke ich einen Kormoran, der seine Federn in der Sonne trocknen lässt.

Vaporetto Venedig
Mit dem Vaporetto Nr.13 geht es zur Insel Sant’Erasmo
Segelschiff auf Sant'Erasmo
Dieses Segelschiff ankert im Hafen

Angekommen in Sant’Erasmo

Nach einem Zwischenstopp in Murano Faro und Vignole  – auch so eine unbekannte Insel in der Lagune – schleppe ich meinen Rucksack von Bord. Ich werde von eifrig schnatternden Enten und zwei Schwänen begrüßt. Eine zehnminütige Wanderung bis zu meinem Quartier steht auf dem Programm.

Via de le motte
Wo geht es zu meiner Herberge?
Weingärten und Hahnenfuss
Im Hintergrund sind die Weinfelder zu erkennen

Zur Geschichte von Sant‘Erasmo

Sant’Erasmo ist die zweitgrößte Insel der venezianischen Lagune. Im Mittelalter diente die Insel als Hafen für die Inseln Torcello und Murano. Etwa zur gleichen Zeit begannen die Klöster San Giorgio Maggiore und San Zaccharia und einige adelige Familien den fruchtbaren Boden für Gemüse- und Obstanbau zu nutzen.

Der Gelehrte Francesco Sansovino schwärmte Ende des 16.Jahrhunderts in einem seiner Bücher von den Feldern und Weingärten, die der Stadt Venedig eine Fülle an Kräutern und Obst garantierte.

Nach dem Untergang der venezianischen Republik und mit der Dominanz der Franzosen und Österreicher in der Lagune entstanden auf Sant’Erasmo Befestigungsanlagen. Der Zugang zum Hafen San Nicolò auf dem Lido wurde von hier aus kontrolliert und gegebenenfalls auch verteidigt.

Heute geht es auf Sant’Erasmo friedlich und beschaulich zu. Zumindest ist das mein Eindruck, als ich die schmale Straße zu meiner Unterkunft laufe.

Schild im Weingarten
Das Weingut Vino dei Doge auf der Insel
Haus mit grünen Fensterläden
So sehen die meisten Häuschen auf der Insel aus

Agriturismo Basegò – Meine Unterkunft auf der Insel

Mit meinen Gastgebern habe ich großes Glück. Paolo verwandelte vor wenigen Jahren sein Elternhaus in eine kleine Pension mit vier sehr wohnlichen Zimmern. Statt Zimmernummern prangen die Namen von Kräutern an den Türen. Im Eingangsbereich befindet sich der Frühstücksraum, wo es täglich köstlichen Kuchen und selbstgemachtes Joghurt gibt.

Agriturismo Basego - Ein kleines Bauernhaus auf der Insel Sant'Erasmo
Agriturismo Sant’Erasmo
Bett im Zimmer der Agriturismo Basego
Mein Zimmer in der Agriturismo Basego
Frühstücksraum mit Tischen
Der Frühstücksraum

Im Preis der Unterkunft inkludiert ist die Miete für ein Fahrrad. Damit strample ich täglich zur Anlegestelle und wieder zurück. Das Fahrrad nutze ich natürlich auch für eine Tour über die Insel.

Mit dem Fahrrad über die Insel Sant’Erasmo

Verloren gehen kann man auf Sant’Ersamo kaum. Via del le Motte heißt die Hauptverkehrsader, die mich vorbei an der Tankstelle zur Kirche Christo Re bringt.

Schmale Wasserkanäle zwischen den Feldern dienen zur Bewässerung, sie werden „barene“ genannt. Eigentlich sind es natürliche Kanäle, doch um die Wasserversorgung der Felder zu garantieren, werden sie auf Sant’Erasmo mit Schleusen reguliert. Vorbei an Artischockenfeldern führt meine Fahrradtour an den nördlichsten Zipfel der Insel und ich winke hinüber nach Burano.

Zapfsäulen
Tankstelle von Sant’Erasmo
Innenraum Kirche
Der Innenraum der Kirche
Artischockenfeld
Hier werden die berühmten violetten Artischocken angebaut
Burano ist zu sehen
ganz hinten in der Lagune kommt Burano in mein Blickfeld

Retour geht es über einen schmalen geschotterten Weg, wo ich nach links abbiege. Nach wenigen Minuten Fahrzeit lande ich am Strand von Sant’Erasmo. Zwei Reiher stapfen leichtfüßig durch die Lagune und versuchen einen oder mehrere Fische aufzuspüren. Im Hintergrund zwitschern die Vögel, unterbrochen von einer kreischenden Möwe. Zwei Katzen halten ihre Nasen in die Sonne und flüchten, als ich vorbeiradle.

Fahrrad, Baum und Meer
Radfahren auf Sant’Ersamo

Sowohl das Restaurant Al Bacan als auch der Torre Massimiliana sind geschlossen. Der Turm ist ein Überbleibsel der österreichischen Befestigungsanlage und trägt seinen Namen zu Ehren des Erzherzogs Maximilian Joseph von Österreich-Este.

Schild mit der Aufschrift Miele
Neben Wein und Artischocken gibt es auch Honig auf der Insel
Strand von Sant'Erasmo
Der Strand von Sant’Erasmo
Torre Massimiliano
Torre Massimiliano

Links von mir kommt die Nachbarinsel Vignole in mein Blickfeld.

Ich strample weiter Richtung Anlegestelle Capanonne und biege rechts ab in die Via del le Motte. Im Feld neben einem Kanal steht ein kleiner Foodtruck. Der Pizzabäcker befeuert seinen Ofen und gibt mir mit Händen und Füßen zu verstehen, dass ich in einer Stunde wiederkommen soll.

Foodtruck auf Sant'Erasmo
Hier wird gerade der Pizzaofen befeuert

Jetzt habe ich es nicht mehr weit bis zur Agriturismo Basegò. Vorbei am Weingut Orto di Venezia radle ich nach Hause, Pinocchio winkt mir zu. Insgesamt hat mein kleiner Ausflug zwei Stunden gedauert.

Pinocchio aus Holz im Garten
Ich wurde immer freundlich gegrüßt auf Sant’Erasmo

Sant’Erasmo – Der Gemüsegarten von Venedig

Bewirtschaftet wurde die Gemüseinsel von Venedig seit vielen Jahrhunderten. Doch erst im späten 19.Jahrhundert siedelten sich Familien vom Festland und aus Murano an. Neben den Gemüsegärten wurden die Weinsorten Raboso und Trebbiano kultiviert. In den Fischteichen züchtete man Meeräschen und Brassen.

Im Jahr 1966 vernichtete die große Flut (Aqua grande) einen großen Teil der bewirtschaftbaren Flächen. Das Salzwasser veränderte die Bodenbeschaffenheit.

Glücklicherweise ist davon heute nichts mehr zu sehen. Berühmt ist Sant’Erasmo vor allem für die violetten Artischocken. Die ersten Knospen der Pflanze heißen „castraure“ und sind eine Spezialität. Am Rialtomarkt entdecke ich zwar noch andere Gemüsesorten, die auf der Insel gedeihen und zum Verkauf angeboten werden, doch nur der Artischocke wird jährlich im Mai ein eigenes Fest auf der Insel gewidmet.

Artischockenfelder
Links und rechts wachsen die berühmten Artischocken
Artischockenfelder
Noch mehr Artischockenfelder…
Am Rialtomarkt wird das Gemüse aus Sant'Erasmo verkauft
Am Rialtomarkt wird das Gemüse aus Sant’Erasmo gekennzeichnet

Und wer weiß? Vielleicht packe ich dann wieder meinen Rucksack und lande auf der Gemüseinsel von Venedig?

Tipps für Sant’Erasmo

  • Der Wasserbus 13 fährt von der Anlegestelle Fondamente Nove zur Insel. Hier geht es zum Fahrplan
  • Es gibt zwei Hotels auf Sant’Erasmo: Agriturismo Basegó und Il Latto Azzurro
  • Essen gehen auf Sant’Erasmo: Es gibt ein Restaurant im Il Latto Azzurro und das Strandrestaurant Al Bacan, zusätzlich sind mehrere Foodtrucks auf der Insel verteilt.
  • Fahrradverleih: Il Latto Azzurro vermietet Fahrräder (ca. 15 Minuten Gehzeit von der Anlegestelle Cappannone)

Noch mehr Bilder von Sant’Erasmo

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6 Kommentare

  1. Veröffentlicht von Felicitas am 11/04/2022 um 15:18

    Hallo liebe Gudrun,
    wir fahren nächste Woche nach Venedig. Da kommen mir deine schönen frischen Beiträge über die Stadt gerade recht! Mal schauen, ob wir bis nach Sant’Erasmo kommen. Deine Infos zur Geschichte finde ich jedenfalls super spannend!

    Viele Grüße
    Felicitas

    • Veröffentlicht von Reisebloggerin am 11/04/2022 um 16:16

      Liebe Felicitas! Viel Spaß in Venedig! Und Sant’Erasmo kann ich wärmstens empfehlen…

  2. Veröffentlicht von Elke am 11/04/2022 um 16:37

    Cara Gudrun, grazie per il buon consiglio, mi piace tanto questo Sant‘ Erasmo. Ma adesso ho un po‘ di fame. Ciao, Elke

  3. Veröffentlicht von Claudia Braunstein am 12/04/2022 um 08:44

    Hallo Gudrun, ich war dutzende Male in Venedig, aber diese Insel kenne ich nicht. Steht auf meiner Liste. Liebe Grüße, Claudia

  4. Veröffentlicht von Barbara am 12/04/2022 um 08:47

    Hallo Gudrun,
    danke für den schönen Bericht und den Tipp, einmal die etwas ruhigeren, beschaulicheren Inseln nahe Venedig zu besuchen. Das merke ich mir für den nächsten Besuch in Venedig einmal vor. Einschließlich des Pizzamobils! 🙂
    Liebe Grüße
    Barbara

  5. Veröffentlicht von Tanja am 12/04/2022 um 11:50

    Liebe Gudrun!
    Steht schon auf der Liste! 🙂
    Liebe Grüße
    Tanja

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GUDRUN KRINZINGER

Ich tue. Ich reise. Ich bin.


Reiseblog von einer reiselustigen, strickbegeisterten, lesesüchtigen und fotografiewütigen Oberösterreicherin mit Hauptsitz Wien und Alte Donau.

Seit 2010 schreibe ich über meine Reisen auf dem Blog Reisebloggerin.at.

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