Sizilien – Ein Tag in Erice
„Das schönste Bergdorf Siziliens“ – so wird Erice in unzähligen Blogbeiträgen beschrieben. Ein Titel, der mich ehrlich gesagt immer ein bisschen misstrauisch macht. Zu oft entpuppen sich solche Superlative als übertrieben oder touristisch glattpoliert. Entsprechend vorsichtig waren auch meine Erwartungen, als wir Erice im Rahmen unserer Sizilienreise besuchten.
Hinzu kam, dass vieles von dem, was sonst gerne über Erice gelesen wird, für uns gar nicht zutraf. Die oft gelobte Seilbahnfahrt von Trapani aus? Keine Option – im März fährt die Gondel nicht. Stattdessen waren wir mit dem Wohnmobil unterwegs und entschieden uns für den direkten Weg nach oben: über schmale, kurvenreiche Serpentinen, die sich den Monte Erice hinaufschlängeln. Früh am Morgen war das überraschend entspannt, gut fahrbar – und wir hatten sogar das Glück, einen Parkplatz zu ergattern. Ein Detail, das in der Hochsaison wohl eher Wunschdenken bleibt.
Was man über Erice ebenfalls wissen sollte: Das Bergdorf ist berühmt – oder berüchtigt – für seinen Nebel. Die spektakuläre Fernsicht, die auf Postkarten und in Reiseführern versprochen wird, kann sich hier im wahrsten Sinne des Wortes in Luft auflösen.
Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – hat Erice uns nicht enttäuscht. Denn jenseits von Panoramaversprechen und Superlativen entfaltet das Dorf hoch oben über der Westküste Siziliens eine ganz eigene Magie. Kopfsteinpflaster, stille Gassen, jahrhundertealte Mauern, der Duft von Mandelgebäck und eine Atmosphäre, die sich nicht planen lässt.

Ein Schritt ins Mittelalter
Bevor wir durch das historische Stadttor treten, gönnen wir uns noch einen schnellen Espresso. Eine kleine Bar hat gerade erst geöffnet, der Duft von frisch gemahlenem Kaffee mischt sich mit der kühlen Morgenluft – der perfekte Auftakt für unseren Rundgang.
Wenig später stehen wir vor der Porta Trapani, dass uns wie ein Portal in eine andere Welt erscheint. Kaum haben wir es durchschritten, fühlt sich das 21. Jahrhundert plötzlich sehr weit entfernt an. Die engen, verwinkelten Gassen, die dicken Mauern aus grauem Stein, das glatte Kopfsteinpflaster, das von Jahrhunderten abgelaufen wurde – alles in Erice wirkt alt und beinahe entrückt. Noch ist kaum jemand unterwegs.

Ein praktischer Hinweis, den man nicht oft genug geben kann: Tragt unbedingt festes Schuhwerk! Das historische Pflaster sieht zwar wunderschön aus, hat es aber in sich – es ist uneben, teils rutschig und bei feuchtem Wetter besonders tückisch.
Gut gerüstet – und mit einem kleinen Schuss Koffein im Blut – machen wir uns nun auf den Weg. Unser Spaziergang durch Erice kann beginnen.
Start an der Porta Trapani und der majestätischen Chiesa Madre
Kaum durch das Stadttor spaziert, entdecke ich ein Schild, das von der „Erice Card“ erzählt – einem Kombiticket, das Zutritt zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten des Dorfes bietet. Klingt praktisch, denke ich mir, doch die Hoffnung wird gleich wieder zunichte gemacht: Die Karte gibt es nur während der Hauptsaison. Wir sind im März da – zu früh. Schade, aber kein Drama.
Denn die erste Sehenswürdigkeit steht ohnehin schon imposant vor uns: die Chiesa Madre, auch Real Duomo genannt. Man sieht dem Gotteshaus an, dass es schon viel erlebt hat: Im 19. Jahrhundert stürzte es ein und wurde später im neugotischen Stil wiederaufgebaut. Die originale Fassade blieb erhalten – ein schönes Detail für Geschichtsliebhaber.




Gleich daneben ragt der Torre di Re Federico in den Himmel. 28 Meter hoch, wurde der freistehende Glockenturm 1315 als Wachturm errichtet – ein Jahr nach der Kirche. Die beiden Gebäude wirken wie ein altes Ehepaar: Seit Jahrhunderten Seite an Seite, stolz, unabhängig – aber unzertrennlich. Natürlich lassen wir uns den Aufstieg nicht entgehen: Wer die Stufen hinaufsteigt, wird mit einem ersten kleinen Blick über Erice belohnt – und mit dem Gefühl, mitten in einem mittelalterlichen Filmset gelandet zu sein.


Spaziergang abseits der Hauptstraße: Begegnungen im stillen Erice
Statt uns dem Trubel auf der Hauptflaniermeile hinzugeben – so viel Trubel wie es im März eben gibt – entscheiden wir uns für einen Umweg. Wir biegen in die Via Carvini ein, die parallel zur Hauptstraße verläuft.
Hier begegnen wir das verschlossene und zugeknöpfte Erice: Hinterhöfe, die wie private Gärten wirken, liebevoll arrangierte Blumentöpfe, bizarre eiserne Türklopfer an wettergegerbten Holztüren. Zwei weiße Katzen hocken auf einem moosfleckigen Pflaster, beobachten uns aus halbgeschlossenen Augen – als würden sie uns prüfen.
Einige der Gebäude tragen Spuren klösterlicher Vergangenheit. Hier und da ein vergittertes Fenster, ein steinernes Schild mit lateinischer Inschrift, eine zugesperrte Tür. Alles wirkt wie in Wartestellung.
Wir folgen den Gassen weiter, biegen ab, lassen uns treiben – und plötzlich stehen wir wieder vor einem Tor: Porta Carmine, eine der weiteren Ausfallstraßen des Dorfes. Das Mittelalter hat uns wieder ausgespuckt, direkt vor eine weitere Kirche. Und wieder: verschlossen.
So eine kleine Stadt – und so viele Kirchen! Wir zählen mit, aber verlieren schnell den Überblick.




Bummel durchs Herz der Stadt: Piazza della Loggia
Irgendwann – nach ein paar weiteren Gassen, ein paar stillen Ecken, einem windschiefen Haus und einem weiteren geschlossenen Kloster – stehen wir plötzlich mitten im Zentrum. Oder sagen wir lieber: Wir werden dort ausgespuckt. So fühlt es sich zumindest an. Die engen Wege führen uns wie von selbst zur Piazza della Loggia, auch bekannt als Piazza Umberto I, dem Hauptplatz von Erice.

Die Stille der Nebenstraßen weicht dem Gemurmel einer Schülergruppe, die sich – laut, lebendig und bestens gelaunt – zwischen Rathaus und Museum verteilt. Wir sind nicht mehr allein. Und auch unser Magen meldet sich jetzt zu Wort.
Während wir uns nach einem netten Lokal umsehen, werfe ich einen Blick auf das Gebäude des ehemaligen Klosters San Rocco, das heute das Museo Cordici beherbergt. Die Sammlung soll beeindruckend sein – mit punischen Münzen, römischen Bruchstücken und einem antiken Kopf der Aphrodite aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. Vielleicht später, denke ich. Jetzt spricht erstmal mein Magen und der will etwas zu essen.
Wir schlendern also weiter und entdecken ein unscheinbares Lokal, das uns magisch anzieht – das Caffè San Giuliano.

Eine sizilianische Mittagspause
Drinnen erwartet uns eine Szenerie, wie sie nur in Sizilien entstehen kann: ein bisschen Wohnzimmer, ein bisschen Tante-Emma-Laden, ganz viel Charme. Hinter dem Tresen steht ein älteres Ehepaar, das mit sichtbarer Hingabe das Kommando führt. Sie taucht regelmäßig in der Küche ab, er serviert, plaudert und organisiert alles mit einer Mischung aus Routine und Herzlichkeit.

Vom Nebel verschluckt
Gestärkt und zufrieden möchten wir uns auf den Weg zum höchsten Punkt von Erice – dem Castello di Venere – machen. Der Plan: eine kleine Verdauungsrunde durch die Gärten, ein kurzer Blick auf die Burg, ein langer Blick über die Landschaft. Der Realität macht uns allerdings einen Strich durch die Rechnung.
Denn während wir unsere Trofie, die typischen sizilianischen Nudeln verspeisen, zieht draußen dichter Nebel auf. Nicht der romantische, fotogene Morgendunst, sondern eine graue Wand, die alles verschluckt – Gassen, Fassaden, Türme. Selbst die Carabinieri-Station wirkt plötzlich wie die Kulisse eines Spukfilms.
Die Kirche an der Piazza ist kaum noch als solche erkennbar, das Castello zeigt sich nur schemenhaft, sein Turm ragt geisterhaft zwischen den Bäumen hervor. Wo eigentlich Panorama sein sollte, starren wir ins graue Nichts.



Süßer Trost: Ein Besuch bei Maria Grammatico
Nachdem uns also der Nebel jegliche Aussicht verhüllt und selbst das Castello sich nur noch als Schatten zeigt, machen wir das einzig Vernünftige: Wir flüchten zurück ins Zentrum.
Ziel unserer Flucht: die wohl bekannteste Adresse in ganz Erice – die Pasticceria Maria Grammatico.
Jetzt könnte man sagen: Aber ihr habt doch gerade erst gegessen! Ja, stimmt. Aber wer kann schon an einem Schaufenster voller sizilianischer Köstlichkeiten vorbeigehen, ohne schwach zu werden? Wir jedenfalls nicht. Und ganz ehrlich: Für Süßes ist immer noch Platz.
Drinnen ist es warm, es duftet nach Mandeln, Vanille, Honig und Zucker – eine Mischung, die direkt ins Herz (und auf die Hüften) geht. Wir probieren uns durch das Sortiment: Genovesi, noch leicht warm und pudrig, dolci di mandorle in allen erdenklichen Formen, und natürlich bello e brutto – außen rustikal, innen weich und zitronig. Jedes Stück ein kleines Gedicht.
Maria Grammatico ist in Erice längst eine Legende. Ihre Geschichte – vom Waisenkind zur Pasticceria-Patronin – ist ebenso beeindruckend wie ihre Backkunst. Und während wir noch kauen, überlegen wir, ob wir nicht doch noch eine kleine Schachtel für später mitnehmen sollten. Man weiß ja nie, wann wieder Nebel aufzieht.


Erice – das schönste Dorf Siziliens?
Ob Erice wirklich das schönste Dorf Siziliens ist? Das kann ich nicht beurteilen. Vielleicht muss man es an einem klaren Tag erleben, wenn sich der Blick weit über die Küste und die Ägadischen Inseln erstreckt. Ich hätte die berühmte Aussicht jedenfalls gerne gesehen. Aber der Nebel war anderer Meinung.
Was ich allerdings mit Überzeugung sagen kann: Erice ist ganz sicher das nebeligste Dorf Siziliens.
Praktische Tipps für deinen Besuch in Erice
Damit dein Ausflug reibungslos verläuft – oder du zumindest besser auf den Nebel vorbereitet bist als wir:
Beste Besuchszeit: Die schönsten Lichtstimmungen gibt es am späten Nachmittag, wenn der Nebel sich lichtet (vielleicht). Ideal sind die Monate April bis Dezember.
Dauer: Plane etwa 2 bis 3 Stunden für den Rundgang ein – plus Zeit für Mandelgebäck.
Schuhe: Unbedingt festes, bequemes Schuhwerk tragen – das historische Pflaster sieht harmloser aus, als es ist.
Wetter: Rechne mit allem – Sonne, Wind, aber vor allem: Nebel. Der ist in Erice keine Ausnahme, sondern ein Markenzeichen.

GUDRUN KRINZINGER
Reiseblog von einer reiselustigen, strickbegeisterten, lesesüchtigen und fotografiewütigen Oberösterreicherin mit Hauptsitz Wien und Alte Donau.
Seit 2010 schreibe ich über meine Reisen auf dem Blog Reisebloggerin.at.