Torcello – Wo Venedig seinen Ursprung hat
Ein Besuch auf Torcello war eigentlich gar nicht eingeplant. Ursprünglich wollte ich von Venedig nach Murano, doch der Himmel war so strahlend blau und ich hatte keine Eile. Also blieb ich einfach im Vaporetto sitzen und fuhr weiter bis nach Burano. Dort stiegen nur ein paar Hartgesottene mit mir um – jene Besucher, die wissen, dass auf Torcello die Geschichte Venedigs beginnt.
Während auf Burano die Farben glitzern und die Menschen über die Brücken strömen, liegt Torcello nur wenige Minuten entfernt und wirkt doch wie eine andere Welt.

Eine Insel, die älter ist als Venedig selbst
Torcello war einer der ersten besiedelten Orte der Lagune. Als im 5. und 6. Jahrhundert die Menschen im römischen Altinum vor germanischen und hunnenzeitlichen Invasionen flohen, suchten sie hier Schutz. Die Insel entwickelte sich schnell zu einem wichtigen religiösen und politischen Zentrum. Lange bevor der Markusplatz überhaupt existierte, stand auf Torcello bereits eine Kathedrale.
Im 14. Jahrhundert änderte sich alles: Die Lagune versumpfte, Malaria breitete sich aus, der Hafen verlandete. Die Menschen zogen weiter – nach Burano, Murano und schließlich nach Venedig. Heute ist davon nicht mehr viel sichtbar – die einstige Großstadt ist zu einer fast menschenleeren Insel geschrumpft. Nur rund ein Dutzend Menschen leben hier dauerhaft.

Ankunft auf Torcello
Mit mir steigen rund zwanzig Menschen in Torcello aus dem Vaporetto. Gemeinsam spazieren wir entlang des Kanals Richtung Campanile. Links liegen ein paar Lokale, vor einem Haus werden Souvenirs verkauft, und ein Obstgarten kommt in Sicht. Schließlich taucht auch die Brücke des Teufels auf – jene Brücke, um die sich natürlich eine venezianische Sage dreht.

Die Brücke des Teufels – Ponte del Diavolo
Diese besondere Brücke ist dabei nicht nur wegen ihrer Form auffällig – sie kommt ohne Geländer aus –, sondern auch wegen der vielen Legenden, die sich um sie ranken.
In der bekanntesten Version verliebt sich eine junge Venezianerin in einen österreichischen Soldaten. Als er stirbt, erscheint ihr der Teufel und verspricht, ihn zurückzubringen – allerdings nur im Austausch für die Seele eines Kindes, das die Brücke überquert. Die Frau sagt zu, bereut es aber. Am Abend des Treffens verstecken die Bewohner alle Kinder, und der Teufel erscheint vergebens. Wütend verschwindet er und soll seither jedes Jahr auf der Brücke zurückkehren.
Je nach Quelle tauchen in der Geschichte allerdings auch andere Figuren auf:
Manchmal ist es nicht der Teufel, sondern eine Hexe, manchmal spielt eine schwarze Katze eine Rolle, und gelegentlich ist sogar von sieben Kindern die Rede, die angeblich geopfert werden sollten. Welche Version stimmt?

Ich lasse die Brücke samt ihrer Legende hinter mir und erreiche einen kleinen Platz, auf dem ein paar Souvenirstände winterfest in Plastik verpackt sind. Jetzt im November ist wirklich nicht viel los. Vor mir stehen mehrere Gebäude: links und geradeaus die beiden Museumsbauten, umringt von alten Steinen, rechts eine niedrige Kirche, und dahinter die große Basilika. Über allem ragt der Campanile auf.
Ich spaziere zuerst ein wenig herum, fotografiere den Turm und das Kirchenschiff von hinten und werfe noch einen Blick hinüber zur Lagune. Erst danach gehe ich zur Kassa. Ein Schild fällt sofort ins Auge: Wegen Renovierungsarbeiten ist ein Teil des Apsismosaiks verdeckt. Na gut. Das war bei meinem letzten Besuch 2018 auch schon so. Aber wenn ich schon hier bin, schaue ich natürlich trotzdem in die Kirche.

Die Basilika Santa Maria Assunta
Von außen wirkt der schlichte Ziegelbau unauffällig. Doch die ältesten Teile der Basilica Santa Maria Assunta stammen aus dem Jahr 639. Sie ist damit die älteste Kirche der gesamten Lagune.
Da das große Apsismosaik aktuell teilweise hinter einem Gerüst verschwindet, fällt der Blick sofort auf die Westwand. Und die ist ein Kunstwerk für sich. Das Jüngste Gericht erstreckt sich über die gesamte Wandfläche und wirkt wie eine riesige, leuchtende Bühne.
Unten sieht man die Auferstehenden, darüber Engel, Apostel und Christus in einer strengen, fast strahlenden Komposition. Die Farben – Gold, Ocker, kräftiges Blau – sind erstaunlich lebendig. Ich stehe lange davor und entdecke immer neue Details: die Hände der Engel, die feinen Linien der Gewänder, die eindringlichen Blicke der Figuren.
Trotz der Arbeiten in der Apsis kann man die übrigen Kostbarkeiten erkennen, wie zum Beispiel die geometrischen Marmorintarsien am Boden, die vergoldete Ikonostase aus dem 15. Jahrhundert und Fragmente der älteren Wanddekoration, die den Übergang von byzantinischer zu venezianischer Kunst zeigen.
Fotografieren ist im Kirchenschiff übrigens nicht erlaubt, von daher kann ich euch keine Fotos zeigen.

Der Campanile – Rampen statt Stufen und ein Blick bis zu den Alpen
Hinter der Basilika ragt der 55 Meter hohe Campanile auf. Der Aufstieg ist überraschend angenehm: Keine engen Stufen, sondern flache Rampen, die sich Etage für Etage nach oben winden. Nur an den Ecken warten ein paar Stufen.
Ich schaue nach oben in den Schacht des Turms, wo sich die Rampen wie ein geometrisches Muster übereinander schieben. Oben gelange ich direkt in den Glockenbereich. Die gewaltigen Bronzeglocken hängen in einem massiven Holzgerüst, und ich denke mir kurz, dass ich hier lieber nicht stehen möchte, wenn sie läuten.


Und dann öffnet sich der Blick: Die Lagune liegt wie ein glitzerndes Aquarell unter mir. Kanäle ziehen sich wie feine Linien durchs Grün, kleine Inseln wirken wie zufällig hingetupft. Unter mir erkenne ich die runde Kuppel der Santa Fosca, die Dächer der Basilika und die verstreuten Häuser von Torcello. Bei dem heutigen klaren Wetter sehr ich sogar die die schneebedeckten Berge am Horizont.
Ich gehe einmal rundum und bleibe ständig stehen, weil jeder Blick ein anderer ist: Burano mit seinen Farben, weite Wasserflächen im Norden, die Silhouetten Venedigs im Süden. Vor einigen Jahren bin ich schon mal hier gestanden, als ich für den Artikel „Venedig von oben“ recherchierte.




Nachdem ich den Turm wieder hinabgestiegen bin, gehe ich weiter zur kleinen Kirche nebenan – Santa Fosca.
Santa Fosca – ein Kreislauf aus Stein
Gleich neben der Basilika steht diese kleine Kirche, ein beinahe runder Bau, der wirkt, als wäre er direkt aus der Landschaft gewachsen. Innen ist Fotografieren nicht erlaubt. Die Kirche wirkt roh, fast ungeschliffen, mit ihren klaren Linien und den schlichten Ziegelwänden.
Erbaut wurde Santa Fosca zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert, um die Reliquien der heiligen Fosca und ihrer Amme Maura aufzunehmen, die um das Jahr 1000 aus Nordafrika hierhergebracht wurden. Auffällig ist die fünfeckige Vorhalle, die an byzantinische Zentralbauten erinnert.
Draußen sitzt eine Katze in der Sonne, als gehöre sie zum Inventar. Mittlerweile sind mehr Besucher eingetroffen, doch es bleibt ruhig.



Der Thron des Attila – und ich gehe einfach daran vorbei
Und dann gäbe es auf Torcello da noch den berühmten Thron des Attila. Den hätte ich natürlich fotografieren sollen. Habe ich aber nicht. Warum? Weil ich ihn schlicht übersehen habe. Während andere Besucher darauf sitzen und sich königlich fühlen, bin ich offenbar mit offenen Augen daran vorbeimarschiert – ohne auch nur zu merken, dass hier eine „Sehenswürdigkeit“ steht.
Der Marmorsitz wird gern Attila, dem Hunnenkönig, zugeschrieben. Historisch betrachtet ist das eher unwahrscheinlich. Vermutlich war es ein Richterstuhl oder der Sitz eines lokalen Würdenträgers. Die Legende hält sich trotzdem tapfer – und ich habe sie dieses Mal elegant ignoriert. Beim nächsten Besuch nehme ich mir vor, wenigstens kurz Platz zu nehmen. Ehrenhalber.

Das Torcello-Museum – zwei Häuser voller Vergangenheit
Zum Schluss werfe ich noch einen Blick ins Museum von Torcello, das sich auf zwei kleine Gebäude verteilt. Von außen wirken sie unauffällig, fast wie einfache Wohnhäuser, doch innen steckt viel Geschichte. In den Räumen liegen römische, griechische und sogar ägyptische Fundstücke, dazu Keramik, Werkzeuge und Skulpturen aus der Zeit, als Torcello noch eine richtige Stadt war.
Ich bin nur kurz durchgegangen, aber die Sammlung ergänzt das Bild der Insel perfekt. Zwischen den alten Steinen, Fragmenten und Reliefs wird plötzlich klar, wie groß Torcello einmal gewesen sein muss.


Locanda Cipriani – derzeit geschlossen
Die berühmte Locanda Cipriani, in der schon Hemingway abgestiegen ist, hat aktuell geschlossen – Renovierungsarbeiten. Ein bisschen schade, denn der Garten gilt als einer der schönsten Plätze der Insel.
Wer trotzdem einkehren möchte, weicht am besten nach Burano oder Mazzorbo aus. Eine gute Option direkt auf Torcello ist die Osteria Ponte del Diavolo – mit schattiger Terrasse und einem sehr angenehmen Ambiente.

Was Torcello wirklich besonders macht
Torcello fühlt sich an wie ein Ort dazwischen: zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen Wasser und Land, zwischen Mythos und archäologischen Fakten. Hier hat die Natur mehr zu sagen als wir Menschen.
Nach meinem Besuch setze ich mich auf eine Bank mit Blick auf die Lagune und lasse den Blick schweifen. Kein Lärm, kein Gedränge, nur diese Ruhe, die Torcello im November ausstrahlt. Innerlich wappne ich mich allerdings schon für den Trubel auf Burano.

Praktische Tipps für deinen Besuch auf Torcello
Anreise
- Vaporetto Linie 12 ab Fondamente Nove nach Burano
- Fahrzeit bis Burano ca. 40 Minuten, weiter mit der Linie 9 nach Torcello: Dauer ca. 5 Minuten
- Rückfahrt: letzte Boote je nach Saison zwischen 20:00 und 21:30 Uhr
Beste Besuchszeit
- Früh morgens oder am späten Nachmittag
- Im November ist besonders ruhig und stimmungsvoll
- In der Hauptsaison besser unter der Woche
Tickets & Öffnungszeiten
- Basilika, Campanile und Museum haben separate Tickets
- Kombitickets sind ebenfalls erhältlich
- Achte auf Hinweise zu Renovierungsarbeiten – Mosaike sind nicht immer komplett sichtbar
Essen & Trinken
- Locanda Cipriani derzeit geschlossen
- Alternative: Osteria Ponte del Diavolo
- Mehr Auswahl in Burano und Mazzorbo (nur 5 Minuten entfernt)
Kombination mit anderen Inseln
- Torcello lässt sich perfekt mit Burano kombinieren
- Ein Besuch ist ideal für einen entspannten Inseltag abseits des Trubels

GUDRUN KRINZINGER
Reiseblog von einer reiselustigen, strickbegeisterten, lesesüchtigen und fotografiewütigen Oberösterreicherin mit Hauptsitz Wien und Alte Donau.
Seit 2010 schreibe ich über meine Reisen auf dem Blog Reisebloggerin.at.