Wandern in den schottischen Highlands
Ein Gastbeitrag von Sonja Warter
Wandern in den schottischen Highlands ist ein Traum. Saftige Wiesen, beeindruckende Berge, spektakuläre „Löcher“ (korrekterweise Lochs). Dass der Regen immer wieder mal von allen Seiten kommen kann, gehört einfach dazu. Und an ein bisschen Wind ist auch noch keiner gestorben. Ganz ehrlich: Die Highlands ohne Schlechtwetter wären fad. Dann ist die dazwischen hervorblitzende Sonne gleich noch viel schöner. Und die heiße Dusche nach einer Tour will schließlich verdient sein. In der Gegend von Gairloch könntest du übrigens wochenlang wandern, ohne einen Weg zweimal gehen zu müssen. Und ganz nebenbei in die lokalen Legenden und die Geschichten der Clans samt ihrer Schlösser und Burgen eintauchen.

Eine Gegend wie aus dem Bilderbuch
Schon die Berge hinter dem kleinen Städtchen sind spektakulär. Nicht, weil sie so hoch sind, sondern weil es da aussieht wie in einem Bildband über Schottland. Saftig-grüne Talböden, die von aufragenden felsigen Bergen umschlossen werden. Widerstandsfähige Pflanzen, die Wind und Wetter trotzen. Mooriger Untergrund, der dir schnell zeigt, wie dicht deine Wanderschuhe wirklich sind.

Dazu muss ich sagen: Selbst an einem Tag ohne Regen kann es beim Wandern passieren, dass du nasse Füße bekommst. Ein Schritt ins Moor und du versinkst fast bis zu den Knöcheln im Matsch. Ein falscher Schritt bei einer Bachüberquerung und das Wasser schwappt dir von oben in die Wanderschuhe. Der Fairness halber sollte ich erwähnen, dass das Netz der Wanderwege in den Highlands wirklich gut ausgebaut und erhalten ist. Was Fehltritte natürlich nicht ausschließt.
Neben der spektakulären Landschaft gibt es hier extrem freundliche Menschen, edles Wild und Herrschaftshäuser, die bis heute einem Clan gehören.
Von Clans und Legenden
In der Gegend von Gairloch ist nicht nur, aber vor allem der MacKenzie-Clan zu Hause. Ein Clan umfasste früher eine Gruppe von Familien in einem bestimmten Gebiet wie einem Tal oder einer Insel. Dabei mussten die Mitglieder nicht unbedingt miteinander verwandt sein. Wichtig war die Loyalität zum Clanchef, der eine Art Mischung aus König, Heerführer und Richter war. Auch wenn die Clans heute keine zentrale Rolle mehr spielen und die Schotten eine gewählte Regierung haben, gibt es doch immer noch regelmäßige Clantreffen, zu denen sogar ausgewanderte Mitglieder extra anreisen.
Während die Clans tatsächlich existier(t)en, sind die Ursprünge von Legenden nicht immer so klar. Wie in allen Gegenden mit langen dunklen Wintern erzählt man sich auch in den schottischen Highlands gerne Geschichten. In der Gegend von Loch Gairloch zum Beispiel die von einer riesigen Gestalt namens Ghillie Dhu.

Die Legende von Ghillie Dhu
Ghillie Dhu war ein Waldgeist von wildem Äußeren und mit durchdringenden Augen, der von oben bis unten mit Blättern, Moos und anderen Pflanzen bedeckt war. Er war der Beschützer des Waldes, in dem er lebte. Doch er war nicht der Einzige, der zwischen den Bäumen umherstreifte. Das tat auch die kleine abenteuerlustige Jessie Macrae, obwohl ihre Eltern es ausdrücklich verboten hatten. Eines Abends bemerkte sie, dass sie vom Pfad abgekommen war und die Orientierung verloren hatte. Ein Baum sah wie der andere aus. Tränen stiegen in ihre Augen, ihr Herz hämmerte. Was sollte sie nur tun?
Da löste sich eine Gestalt aus dem Dickicht und fragte mit sanfter Stimme: „Warum weinst du denn?“ Es war der Waldgeist Ghillie Dhu. „Ich finde nicht mehr nach Hause“, sagt das Mädchen weinend. „Kein Problem, ich bringe dich sicher heim“, versprach der sanfte Riese. Gesagt – getan. Auf dem Weg nach Hause erzählte Ghillie Dhu der Kleinen allerlei Geschichten über die Magie und die Geheimnisse des Waldes. Schnell versiegten ihre Tränen. Als die beiden schließlich vor Jessies Haus ankamen, drehte sie sich um, um ihrem Retter zu danken. Doch der war längst in den Tiefen seiner ganz speziellen Heimat verschwunden.
Von Inverewe Garden nach Poolewe
Nicht ganz so mystisch geht es in Inverewe Garden zu, einem der am weitesten nördlich gelegenen botanischen Gärten der Erde. Dank des Golfstroms gedeihen in dieser Bucht Pflanzen aus aller Welt, teilweise in überdimensionalen Größen.
Und im dazugehörigen Geschenkeladen gibt es neben den typischen Wollprodukten und Ansichtskarten auch ungewöhnliche Mitbringsel, zum Beispiel eine Schokolade mit Haggis-Gewürz (Haggis ist ein typisch schottisches Gericht, bei dem ein Schafsmagen mit allerlei anderen Innereien gefüllt wird). Na dann Mahlzeit!
Ausgehend von Inverewe Garden haben wir eine malerische Wanderung vorbei an Loch Kernsary, Loch Maree und River Ewe bis Poolewe gemacht. Und uns dort mit Algenchips belohnt. Die sind gar nicht so schlecht!

Wanderung von Loch zu Loch
An dieser Stelle ist wohl eine kurze Begriffsklärung angebracht: Ein „Loch“ in Schottland ist kein Loch im Erdboden, sondern eine Art Überbegriff für stehende Gewässer. Meist sind es Seen, manchmal sogar ganz kleine, die bei uns wohl eher Teiche oder Lacken wären, aber auch Meeresbuchten oder Fjorde. Flüsse gehören nicht dazu.
Auf unserer Wanderung vorbei an Loch Kernsary und Loch Maree haben wir wieder einmal erlebt, wie rasch sich das Wetter in den Highlands ändern kann. Von tiefschwarzen Wolken und Regen bis zu strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel waren es nur Minuten. In die Gegenrichtung allerdings auch. Merke: Das Wasser kann von jeder Seite kommen, außer von unten!
Der Pfad am Ufer der verschiedenen Lochs führt ausnahmsweise angenehm flach dahin und lässt einen weit über Ebenen und Lochs blicken, während sich gleichzeitig die Berge am Horizont abzeichnen.
Es gibt hier so viel Grün! Ich wusste gar nicht, wie viele Schattierungen davon es geben kann. Zwischen den Grüntönen finden sich allerdings immer wieder einige Blumen in kräftigem Rosa, um das Ganze nicht zu eintönig zu machen. Doch damit nicht genug der Sinneseindrücke. Der Wind pfiff uns kräftig um die Ohren, manchmal war sogar ein fester Stand gefragt, um nicht umgeweht zu werden. Es war herrlich!

Mit den Mitches am Beinn Eigh National Reserve
Tatsächlich halbwegs stabiles Wetter braucht man im Beinn Eigh National Reserve, wenn man den gleichnamigen Berg besteigen will. Sonst könnte es hier durchaus rutschig und damit gefährlich werden.
Der Mountain Trail führt einigermaßen steil nach oben, was ihn durchaus anstrengend macht, auch wenn es gar nicht so viele Höhenmeter sind. Als wir beim Parkplatz ankamen, merkten wir schnell, dass wir nicht allein waren. Das Problem waren nicht die anderen Wanderer, sondern die Mücken, hier Mitches genannt. Die sind viel kleiner, als wir gewohnt sind, und treten in riesigen Schwärmen auf. Diese gemeinen Biester hörst du nicht, aber du fühlst sie, spätestens wenn sie dich stechen. Mitgebrachte Insektensprays helfen zum Teil, besser sind allerdings die lokalen, die man in fast allen Geschäften kaufen kann. Die verhindern zwar nicht, dass dir die Mitches auf den Leib rücken, tötet sie aber ab, sobald sie auf dir Platz genommen haben. Ich war auf diese Art und Weise recht schnell mit Hunderten von kleinen schwarzen Leichen übersät.
Pro-Tipp: Wer schnell aufsteigt, wird auch die kleinen Biester früher los, denn ab einer gewissen Seehöhe kommen sie nicht mehr vor.

Grandioser Ausblick mit leichtem Nebengeschmack
Am Anfang führt der Weg durch Gebüsch, Farne und unter Bäume hindurch. Danach wird es felsig und es kann durchaus sein, dass du neben den Beinen auch die Hände brauchst, um weiter aufzusteigen. Zurückschauen lohnt sich definitiv bei jedem Schritt: Der Ausblick auf das Loch Maree und die dahinterliegenden Berge ist grandios! Ebenfalls von oben gut zu sehen ist ein Flussdelta, in dem sich ein Fluss mit dem Loch vereinigt. Die Gegend hat allerdings eine weniger einigende Geschichte: Im 14. Jahrhundert gab es dort einen Kampf zwischen dem Clan der Macleods und dem der MacKenzies. Die MacKenzies gingen dabei als Sieger hervor, köpften ihre Gegner und warfen ihre Köpfe in den Fluss.
Ein Gruß von Outer Space

Davon unbeeindruckt sind wir trotzdem weiter nach oben gewandert. Am höchsten Punkt ist die Landschaft geradezu alpin und hat gleichzeitig ein bisschen was von Outer Space. Sowohl von der Gegend her als auch von den Temperaturen. Beim Aufstieg ordentlich ins Schwitzen gekommen, kühlten wir, als wir an einen Felsen gedrückt unser Lunchpaket verspeisten, innerhalb von Minuten ordentlich aus. Selbst Handschuhe hätte ich jetzt schon brauchen können. Im August wohlgemerkt.
Schnell machten wir uns wieder an den Abstieg, allerdings nicht ohne am Lunar Loch vorbeizukommen. Das Lunar Loch hat gerade mal die Größe eines kleinen Teichs und hat eigentlich nichts Extraterrestrisches an sich. Mit seinem Namen soll es an die erste Mondlandung im Jahr 1969 erinnern. Warum das gerade hier notwendig ist, hat sich mir allerdings nicht erschlossen …
Obwohl der Mountain Trail eine Art Rundweg ist und wir in einer Schleife wieder abstiegen, ging es so steil runter wie rauf. Das ist jedenfalls nichts für Menschen mit Knieproblemen. Die Betreiber des National Reserve haben sich auch hier angestrengt: Am Weg gibt es immer wieder Hinweisschilder zu geologischen Auffälligkeiten, botanischen Besonderheiten oder landschaftlichen Highlights.
Wieder unten angekommen, war mir allerdings eher nach einer Pause und einem kleinen Schluck „Isle of Skye Liquor“. Den hatten wir uns verdient.
Praktische Wandertipps für die Highlands
- Vorab: Wetter checken, am besten mit lokalen Apps (Einheimische fragen). Überraschungen sind trotzdem nicht ausgeschlossen.
- Unbedingt hohe Wanderschuhe anziehen
- Schuhe imprägnieren (ev. auch Kleidung)
- Wanderstöcke mitnehmen, die können vor allem beim Abstieg hilfreich sein
- Zwiebelprinzip beachten: mehrere Schichten, die du rasch an- oder ausziehen kannst
- Eventuell Kleidung zum Wechseln dabei haben, wenn du nach einem Aufstieg völlig verschwitzt bist
- Sonnenschutz nicht vergessen!
- Insektenschutzmittel griffbereit haben (am besten lokal kaufen)
- Getränke und Essen nach persönlicher Vorliebe einpacken (bei den schottischen Köstlichkeiten am besten die Kalorien ignorieren)
- Jede Wetterlage genießen, denn wirklich jede hat etwas für sich!

Seit 2024 schreibt Sonja als Gastautorin auf dem Blog der Reisebloggerin. Als PR-Profi und Ghostwriter beruflich eher sachlich unterwegs, genießt sie es, wenn sie hier auch über ihre Lieblingsspeisen oder unnützes Wissen berichten kann. Bisherige Lieblingsländer: Marokko, Island und Kanada. Sinnlosestes Wort in ihrem Wortschatz: Sää, das finnische Wort für „Wetter“. Sie liebt Fish & Chips mit kanadischem Wildlachs und hasst französische Austern.
Das ist der zweite Teil von Sonjas Highland-Saga. Falls du die Reise von Anfang an mitverfolgen möchtest: Teil 1 findest du hier, Teil 3 hier.
GUDRUN KRINZINGER
Reiseblog von einer reiselustigen, strickbegeisterten, lesesüchtigen und fotografiewütigen Oberösterreicherin mit Hauptsitz Wien und Alte Donau.
Seit 2010 schreibe ich über meine Reisen auf dem Blog Reisebloggerin.at.