Zlín: Wo ein Schuster eine ganze Stadt baute
Als ich an diesem frostigen Dezembermorgen in Zlín in Tschechien ankomme, habe ich nur eine vage Vorstellung davon, wer Tomáš Baťa eigentlich war. Ein Schuhfabrikant – ja, das wusste ich. Dass dieser Mann jedoch eine ganze Stadt geprägt, ja nahezu erfunden hat, wird mir erst im Laufe des Tages bewusst. Den ersten Schritt, um mir diesem außergewöhnlichen Lebenswerk anzunähern, macht eine Führung durch das berühmte Gebäude 21, den sogenannten Baťa-Wolkenkratzer.

Das Herz des Imperiums: Der Baťa-Wolkenkratzer
Ich stehe also vor diesem als Ikone gepriesenen Gebäude in Zlín und recke unwillkürlich den Hals in die Höhe. Das soll also ein Wolkenkratzer sein? Er wirkt ganz anders als die gläsernen Giganten moderner Metropolen. Und doch zieht er meinen Blick nach oben.
Im Eingangsbereich herrscht reges Kommen und Gehen: Menschen betreten das Haus, andere verlassen es wieder, Aktenmappen unter dem Arm, Mobiltelefone am Ohr. Heute ist das Gebäude kein Museum, sondern ein lebendiger Teil der Stadt. Hier sind Verwaltungsstellen untergebracht, das Finanzamt und Büros der Stadtverwaltung.
Genau diese Selbstverständlichkeit macht den Ort so spannend. Der Baťa-Wolkenkratzer, offiziell Verwaltungsgebäude Nr. 21, ist bis heute in Gebrauch. Als unsere Gruppe das Foyer betritt, fällt mein Blick sofort auf den Paternoster, der jedoch außer Betrieb ist. Stattdessen warten wir auf den Lift, der uns hinauf in die 16. Etage bringen wird.
Und erst oben rückt die Dimension des Gebäudes ins Bewusstsein: Entworfen vom Architekten Vladimír Karfík und 1938/39 fertiggestellt, ragt der Bau 77,5 Meter in den Himmel. Zur Zeit seiner Errichtung war er eines der höchsten Hochhäuser Europas. Kein Prunk, kein Zierrat, sondern Funktionalismus in Reinform. Ein Gebäude, das nicht beeindrucken will – und es gerade deshalb tut.

Das fahrende Büro: Effizienz auf die Spitze getrieben
Noch bevor wir uns der Aussicht widmen, lenkt unser Guide die Aufmerksamkeit auf das wohl berühmteste Detail dieses Hauses – eines, von dem wir bereits gehört haben und das dennoch etwas völlig anderes ist, wenn man tatsächlich davorsteht: das Aufzugsbüro.
Ein Büro, das sich bewegt
Wir stehen vor dem Lift. Und obwohl wir ungefähr wissen, was uns erwartet, ist der Moment, in dem sich die Türen öffnen, überraschend. Kein leerer Aufzug, sondern ein Büro. Ein echtes, funktionierendes Büro, eingebaut in einen Fahrstuhl. Schreibtisch, Lampen, Stauraum – alles da.
Dieses fahrende Büro gilt als die berühmteste Kuriosität des Baťa-Wolkenkratzers – und als der konsequenteste Ausdruck der Baťa-Idee, dass Zeit eine Ressource ist, die man nicht verschwenden darf. Entworfen wurde es für Jan Antonín Baťa, den Halbbruder und Nachfolger von Tomáš Baťa. Das rund 6 × 6 Meter große Büro war für seine Zeit bemerkenswert ausgestattet: mit eigener Klimaanlage, zwei Telefonen und sogar einem Waschbecken mit fließendem Wasser. Der Gedanke dahinter war ebenso schlicht wie radikal: Der Chef bewegt sich zwischen den Etagen – und arbeitet dabei weiter.
Wir dürfen einsteigen und fahren bis nach unten, dann wieder hinauf. Das Gefühl ist surreal. Wir fahren durch ein Verwaltungsgebäude und stehen dennoch in einem Büro. Genau hier wird greifbar, wie Baťas Denken funktioniert haben muss: Arbeit kennt keinen Stillstand.
Effizienz statt Überwachung
Rund um dieses Aufzugsbüro ranken sich bis heute zahlreiche Geschichten. Oft wird erzählt, der Chef habe es genutzt, um seine Angestellten unangekündigt zu kontrollieren. Doch das ist ein Mythos. Die schmalen Türen erlaubten kaum Einblick in die weitläufigen Großraumbüros, und ein Indikator an der Außenseite zeigte jederzeit an, auf welcher Etage sich das Büro befand.
Außerdem hat Jan Antonín Baťa dieses hochmoderne Büro nie wirklich genutzt. Als das Gebäude 1939 fertiggestellt wurde, zwang ihn der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zur Emigration. Das fahrende Büro blieb zurück.






Tomáš Baťa: Der Mann, der nicht nur Schuhe, sondern eine Stadt erschuf
Während wir mit dem Aufzug fahren und auch im Anschluss daran, beginnt unser Guide zu erzählen. Und spätestens hier wird klar: Das fahrende Büro ist nicht nur eine technische Kuriosität, sondern ein Schlüssel zum Verständnis jenes Mannes, der hinter all dem steht. Tomáš Baťa (1876–1932) war kein gewöhnlicher Unternehmer. Er dachte größer, schneller, konsequenter als viele seiner Zeitgenossen.
Baťa stammte aus einfachen Verhältnissen. Gemeinsam mit seinen Geschwistern Anna und Antonín gründete er 1894 in Zlín eine kleine Schuhmacherwerkstatt. Der Anfang war alles andere als glamourös. Schon bald stand das junge Unternehmen vor dem Ruin. Doch Baťa ließ sich nicht aufhalten.
Die Idee, die alles veränderte
Der entscheidende Durchbruch gelang ihm mit einer mutigen Idee: Statt teures Leder zu verwenden, begann er, Schuhe aus günstigem Leinen herzustellen. Diese sogenannten „Baťovky“ waren erschwinglich und robust. Plötzlich konnte sich auch die breite Bevölkerung Schuhe leisten – und Baťa hatte sein erstes Massenprodukt.
Auf der Aussichtsterrasse im 16. Stock setzt unser Guide die Geschichte fort. Von hier oben blickt man über die Stadt – und versteht, warum Baťa später weit über Zlín hinausdachte. Prägend für seine weitere Entwicklung waren vor allem seine Reisen in die USA. Dort studierte er die Fließbandarbeit in den Autofabriken von Henry Ford und beschloss, diese Prinzipien auf die Schuhproduktion zu übertragen. Zlín sollte nach amerikanischem Vorbild industrialisiert werden: effizient, standardisiert, leistungsfähig.
Vom lokalen Betrieb zum Weltkonzern
Der Erste Weltkrieg beschleunigte diesen Prozess dramatisch. Ein Großauftrag zur Produktion von Millionen von Soldatenstiefeln für die k.u.k.-Armee katapultierte das Unternehmen endgültig an die Weltspitze. In den 1930er-Jahren beschäftigte Baťa Zehntausende von Menschen, und allein in Zlín erreichte die Tagesproduktion 250.000 Paar Schuhe.
Während wir über das streng gegliederte Stadtbild blicken, wird deutlich: Diese Zahlen sind nicht abstrakt. Sie haben sich in Backstein, Beton und Straßenzügen materialisiert.


Leben in Baťas Utopie: Zwischen Fürsorge und Kontrolle
Tomáš Baťa schuf nicht nur Arbeitsplätze – er entwarf eine ganze Lebenswelt. Die Architektur Zlíns ist der Ausdruck seiner sozialen Vorstellungen, die sich irgendwo zwischen Fürsorge und Kontrolle bewegten.
Das Markenzeichen der Stadt ist ein standardisiertes Stahlbetonskelett mit einem immer gleichen Modul von 6,15 × 6,15 Metern. Die Zwischenräume wurden mit unverputzten Ziegeln ausgemauert und mit großen Fensterflächen versehen. Dieses System ermöglichte den schnellen und kosteneffizienten Bau von Fabriken, Verwaltungsgebäuden, Schulen – und tausenden Wohnhäusern.
Besonders deutlich wird Baťas Idee einer idealen Arbeiterstadt in der Gartenstadt Letná. Dort entstanden die typischen Arbeiterhäuser: rote Backsteinwürfel, freistehend, jeweils mit einem kleinen Garten. Baťas Leitgedanke lautete „Gemeinsam arbeiten, individuell leben“. Große Mietskasernen lehnte er bewusst ab – nicht zuletzt aus Sorge, dass sich die Arbeiterschaft dort politisch oder gewerkschaftlich organisieren könnte.
Genau hier zeigt sich die Ambivalenz des Systems Baťa. Einerseits bot er seinen Angestellten für die damalige Zeit außergewöhnliche Bedingungen: gute Löhne, modernen Wohnraum, ein eigenes Krankenhaus, Kinos, Sportanlagen und umfassende Weiterbildungsmöglichkeiten. Andererseits war das Leben stark reglementiert. Das Unternehmen mischte sich bis ins Private ein, führte Kontrolllisten über Lebensführung und Ordnungssinn – vom gepflegten Garten bis zur moralischen Integrität.


Das Baťa-Prinzip im Museum
Bevor wir den Baťa-Wolkenkratzer verlassen, werfen wir noch einen letzten Blick von oben auf die Stadt. Von hier wirken die kleinen, roten Häuser beinahe wie Spielzeug – ordentlich gereiht, jedes mit seinem eigenen Garten, eingebettet in das strenge Raster der Stadt.
Dann geht es hinunter, hinaus aus dem Hochhaus und weiter zum nächsten Programmpunkt: dem Museum Südostmährens, das im 14|15 Baťa-Institut untergebracht ist. Das Museum befindet sich in zwei ehemaligen Fabrikgebäuden.
Die zentrale Ausstellung trägt den Titel „Prinzip Baťa: Heute Fantasie, morgen Wirklichkeit“. Sie führt durch die Entwicklung der Firma, erklärt die unternehmerische Philosophie und macht sichtbar, wie radikal modern Baťas Ideen für ihre Zeit waren. Besonders eindrucksvoll ist die umfangreiche Schuhsammlung, eine der größten in Mitteleuropa.
Ein eigener Ausstellungsbereich widmet sich zudem den Zlíner Filmstudios, die ursprünglich von Baťa gegründet wurden, um Werbefilme für seine Produkte zu produzieren.




Das Tomáš-Baťa-Denkmal
Der letzte Programmpunkt dieses Tages steht erst am Abend auf dem Plan. Es ist bereits dunkel, als wir uns dem Tomáš-Baťa-Denkmal nähern. Von außen ist zunächst kaum zu erkennen, was sich hinter dem gläsernen Kubus verbirgt. Das Gebäude wirkt geheimnisvoll, fast abstrakt.
Unser Guide nutzt diesen Moment bewusst. Sie lässt uns raten, stellt Fragen, deutet an – und steigert damit die Spannung. Erst danach treten wir ein.
Drinnen verändert sich die Stimmung schlagartig. Der Raum ist offen und lichtdurchflutet. Das Tomáš-Baťa-Denkmal, entworfen von Baťas Hausarchitekten František Lýdie Gahura, ist der vielleicht emotionalste Ort in Zlín. Es ist ein Meisterwerk des Funktionalismus.
Das 1933 fertiggestellte Gebäude wirkt wie ein funkelnder Kristall. Die Architektur beschränkt sich auf das Wesentliche: ein Stahlbetonskelett, vollständig mit Glas verkleidet. Der Innenraum ist minimalistisch und von einer beinahe sakralen Ruhe erfüllt.
Das Denkmal sollte die Persönlichkeit Tomáš Baťas widerspiegeln: Klarheit, Einfachheit, Wahrhaftigkeit.
Errichtet wurde das Denkmal genau ein Jahr nach dem Tod Tomáš Baťas, der am 12. Juli 1932 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Im Zentrum des ansonsten leeren Raumes befinden sich nur zwei Elemente: eine elegante Treppe, deren Form von der Seite betrachtet an ein Z erinnert – ein Verweis auf Zlín – und das Modell des Junkers-F13-Flugzeugs, jenes Typs, mit dem der Firmengründer verunglückte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor das Denkmal seine ursprüngliche Bedeutung. Es wurde umgebaut und jahrzehntelang als Haus der Kunst genutzt. Erst nach einer umfassenden Restaurierung wurde es vor wenigen Jahren wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Heute ist es wieder das, was es immer sein sollte: ein Gedenkort.



Das lebendige Erbe von Zlín
Die Reise nach Zlín war für mich wie eine Reise in eine andere Welt. Tomáš Baťa hat mich nachhaltig fasziniert. Ich habe nach dem Besuch weiter recherchiert, Artikel gelesen, Videos gesehen – und dennoch blieb mir der Mensch hinter der Vision fremd. Baťa prägte eine ganze Stadt und hinterließ Spuren, die bis heute wirken und Fragen offenlassen.
Heute geht Zlín auf bemerkenswerte Weise mit diesem Erbe um. Die funktionalistischen Backsteingebäude sind längst keine Schuhfabriken mehr. Sie wurden behutsam adaptiert und beherbergen heute moderne Unternehmen, Teile der Universität, Behörden und kulturelle Einrichtungen. Das System Baťa ist Geschichte – doch seine architektonischen Spuren prägen die Stadt bis heute.

Kurz & praktisch: Zlín auf einen Blick
Wo liegt Zlín?
Zlín liegt im Osten Tschechiens (Ostmähren), nahe der slowakischen Grenze. Die Stadt ist vor allem für ihre funktionalistische Architektur und das Erbe des Schuhfabrikanten Tomáš Baťa bekannt.
Anreise nach Zlín
Mit dem Zug: Von Wien aus bequem mit Railjet oder EC bis Otrokovice, von dort sind es rund 10 Minuten mit Bus oder Taxi nach Zlín.
Mit dem Auto: Ab Wien etwa 2,5 bis 3 Stunden Fahrzeit, je nach Route.
Vor Ort: Zlín ist kompakt, viele Sehenswürdigkeiten lassen sich gut zu Fuß erkunden.
Restaurant-Tipp
La Villa Zlín bietet gehobene, moderne Küche und wurde soeben mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet. Das Restaurant befindet sich in einem geschichtsträchtigen Gebäude, in dem einst der Vater von Václav Havel wohnte, der ebenfalls bei Baťa beschäftigt war.

Hotel-Tipp
Hotel Prior & Energy Spa liegt zentral, nur wenige Schritte vom Baťa-Wolkenkratzer entfernt. Moderne Zimmer, ein gutes Frühstück und ein Wellnessbereich machen es zu einer sehr angenehmen Basis für die Stadtbesichtigung.

Advent in Zlín
Auch während der Adventzeit lohnt sich ein Besuch. Am zentralen Platz der Stadt findet ein Weihnachtsmarkt statt, der Zlín eine stimmungsvolle Atmosphäre verleiht.
Nicht wundern: Das Konzept von besinnlicher Weihnachtsmusik dürfte in Tschechien unbekannt sein. Bei meinem Besuch dröhnten rockige Live-Klänge von der großen Bühne. Ich fands sehr sympathisch.

Wo du Führungen buchen kannst
Tourist Information Center Zlín
Das städtische Tourismusbüro ist der zentrale Ansprechpartner für geführte Touren, Architekturspaziergänge und individuelle Führungen. Du kannst dort Termine, Zeiten und Preise erfragen: visitzlin.eu
- Adresse: náměstí Míru 12, 760 01 Zlín
- E-Mail: is@zlin.eu
- Öffnungszeiten: meist Mo–Fr, teils auch Sa/So geöffnet visitzlin.eu
Inspirace Zlín
Angebot von Führungen in englischer Sprache
Tel.: +420 604 236 494
E-mail: info@inspiracezlin.eu
www.inspiracezlin.eu
Marie Vitovjáková
Angebot von Führungen in englischer und deutscher Sprache
Tel.: +420 737 533 166
E-mail: mvitovjakova@seznam.cz

2 Kommentare
Hinterlassen Sie einen Kommentar
GUDRUN KRINZINGER
Reiseblog von einer reiselustigen, strickbegeisterten, lesesüchtigen und fotografiewütigen Oberösterreicherin mit Hauptsitz Wien und Alte Donau.
Seit 2010 schreibe ich über meine Reisen auf dem Blog Reisebloggerin.at.
Liebe Gudrun,
ja, Zlín ist schon wirklich eine besondere Stadt, bis heute nicht wirklich schön, aber total faszinierend. Und das Bata-Denkmal gehört für mich zu den spektakulärsten funktionalistischen Bauten in der ganzen Republik.
Herzliche Grüße, Gabi
Faszinierend! Das Detail mit dem Fahrstuhl könnte man sogar für eine Fantasiegeschichte verwenden. Hat was von Charlie Chaplin…