Filmtipp MELT – Eine Reise vom Verschwinden
Es gibt diese Art von Reise-Sehnsucht, die mit einem einzigen Bild beginnt: absolute Stille, Weiß bis zum Horizont, ein Licht, das jede Kontur weicher macht. Vielleicht steht die Antarktis deshalb schon seit Ewigkeiten auf meiner Reiseliste. Und auch wenn ich keine Skifahrerin bin und mir fehlender Schnee ehrlich gesagt kaum abgeht – dass Eis, Schnee und Gletscher verschwinden, lässt mich trotzdem nicht kalt. Und so war ich froh, dass ich es noch ins Kino geschafft habe: „MELT“ von Nikolaus Geyrhalter nimmt uns mit auf eine Reise rund um den Globus – dorthin, wo man das Verschwinden des ewigen Eises nicht mehr übersehen kann.

Der Film beginnt dort, wo Schnee Alltag ist
Gleich am Anfang führt uns der Film nach Japan, zu Reisbauern in der Provinz Niigata. Es schneit ununterbrochen – und doch liegt über diesen Bildern kein beruhigendes „So war es immer“. Im Gegenteil: Es geht um den Schnee, der sich verändert hat. Früher schien sich der Schnee über den Winter zu verteilen – heute fällt er oft nur noch an wenigen Tagen, dafür mit Wucht und in Massen. Die Erzählung des Reisbauern bleibt hängen, weil es so beiläufig erwähnt wird – fast so, als würde man über eine verschobene Routine sprechen, nicht über einen Kipppunkt.
Und genau so arbeitet der Film: nicht mit großen Erklärungen, sondern mit Sätzen, die sich im Kopf festsetzen.
Danach führt „MELT“ in die Schweiz aufs Jungfraujoch. „Die Touristen flippen aus,“ meint ein Arbeiter, der die Schneefräse bedient, – und gleichzeitig erzählt er, ganz nüchtern: Trotz allem wird es weniger.
Das ist der Moment, an dem der Film für mich persönlich noch stärker wurde, weil ich die Region kenne: Ich war selbst schon oben, stand da und habe gestaunt, habe gar nicht mehr gewusst, was ich fotografieren soll, weil dieses Weiß so überwältigend ist. Und genau dieses Staunen steht plötzlich neben der Erkenntnis, dass man hier nicht nur ein Postkartenmotiv sieht, sondern eine Landschaft, die man vielleicht irgendwann nur noch aus Erinnerungen kennt.

Eine Weltreise in Etappen: Schnee als Show, Rohstoff und Kulisse
Geyrhalter führt uns in „MELT“ wie auf einer Weltreise von Szene zu Szene – und überall geht es um dieselbe Frage: Wie lange lässt sich Winter noch festhalten? In Japan fräsen Bulldozer Schneekorridore frei, meterhohe Schneewände werden zur Attraktion. Weiter in Frankreich, wo Winter produziert wird: Schnee aus der Maschine, damit die Illusion für die Gäste hält, als wäre Winter längst eine Dienstleistung.
In Kanada zeigt der Film Winter nicht als Spektakel, sondern als Alltag, der alles bestimmt: Wege, Rituale, Infrastruktur – und wie sehr ein ganzes Leben an gefrorenes Wasser gebunden ist. Und dann ist man plötzlich in Osttirol und am Dachstein näher dran, fast vertraut – und genau deshalb schmerzlich, weil der Rückzug der Gletscher nicht mehr „irgendwo auf der Welt“ stattfindet, sondern auch bei uns. Am Ende steht die Antarktis: dieser Sehnsuchtsrand, der im Film wie ein stiller Prüfstein wirkt. Denn wenn die Veränderung dort eindeutig wird, ist sie anderswo längst Realität.
Warum „MELT“ so eindringlich wirkt
Das Verstörende an „MELT“ ist nicht der große Knall, sondern die Normalität. Diese ruhigen, oft statischen Bilder geben einem Zeit, genau hinzuschauen: Maschinen, Abläufe, Routinen – und wie selbstverständlich „gemachter Winter“ inzwischen wirkt. Nicht die Katastrophe als Moment, sondern der Alltag als System: Das ist die eigentliche Wucht.
Und weil der Film ohne belehrenden Kommentar auskommt, fühlt es sich nicht wie Unterricht an. Eher wie ein stilles Danebenstehen, während etwas sehr Großes kippt.
Geyrhalters Handschrift: Beobachten statt kommentieren
Wer Geyrhalters Filme kennt, erkennt die Handschrift sofort: Geduld, Präzision und Distanz . Die Kamera urteilt nicht, sie schaut hin. Und genau das macht „MELT“ so wirkungsvoll: Der Film zeigt, wie wir Schnee konservieren, produzieren und inszenieren – und überlässt uns die Frage, wie lange das noch funktioniert.
Ein Film, der den Blick aufs Reisen verändert
„MELT“ ist mehr als ein Film über den Klimawandel. Es ist eine visuell überwältigende Reise in eine weiße Welt, die gleichzeitig magisch und erschreckend „gemacht“ wirkt. Und er trifft Weltenbummler an einer empfindlichen Stelle: Wir reisen oft dorthin, wo Natur besonders ist – und merken manchmal zu spät, dass „besonders“ auch „bedroht“ heißen kann.

GUDRUN KRINZINGER
Reiseblog von einer reiselustigen, strickbegeisterten, lesesüchtigen und fotografiewütigen Oberösterreicherin mit Hauptsitz Wien und Alte Donau.
Seit 2010 schreibe ich über meine Reisen auf dem Blog Reisebloggerin.at.