Schloss Kroměříž: Mein Besuch im barocken UNESCO-Juwel Mährens
Schloss Kroměříž in Tschechien hat mir wieder einmal meine persönliche Lieblings-Theorie bestätigt: Je unaussprechlicher der Name, desto größer die Chance, dass ich am Ende mit offenem Mund dastehe. Diese Theorie hatte sich für mich schon bei Schloss Ploskovice bewährt. Und nein – ich habe noch immer nicht herausgefunden, wie man Kroměříž elegant ausspricht, ohne dass es wie ein tschechischer Zungenbrecher klingt. Kroměříž ist der tschechische Name, Kremsier die deutsche Bezeichnung – ich bleibe im Text meist bei Kremsier, weil es mir einfach leichter über die Lippen geht.

Ankunft beim Schloss Kroměříž: Ein Tor, das neugierig macht
Vor dem Schloss stehe ich zunächst einmal vor einem riesigen, verschlossenen Tor. Von außen gibt sich das Schloss zurückhaltend. Ja, da ist dieser Turm, der über allem wacht, und ich notiere mir innerlich sofort: Den will ich später hinauf. Aber ansonsten? Kein großes barockes Spektakel.
Dann erscheint unsere engagierte Führerin und öffnet die schwere Pforte. Ein paar Schritte – und alles ändert sich. Wir stehen im Innenhof, und der ist groß. Ich habe das Gefühl, nicht nur ein Schloss zu betreten, sondern eine in sich geschlossene Welt, abgeschirmt von der Stadt.

Der Innenhof: Barocke Inszenierung von Macht und Ordnung
Der große Innenhof von Schloss Kremsier wirkt natürlich nicht zufällig so weitläufig und offen, sondern ist Teil einer bewussten barocken Inszenierung. Er entstand im 17. Jahrhundert im Zuge des Wiederaufbaus unter Bischof Karl II. von Liechtenstein-Kastelkorn und sollte vor allem eines vermitteln: Größe, Ordnung und geistliche Macht. Die Engelsfiguren im Hof unterstreichen diesen Anspruch. Sie stehen sinnbildlich für Schutz, göttliche Führung und die religiöse Autorität der Olmützer Erzbischöfe, die hier residierten.
Besonders auffällig ist das geschmückte Wappen über dem Eingang, gehalten von zwei Putti. Es verweist klar auf den kirchlichen Rang der Schlossbewohner und macht deutlich, dass es sich hier nicht um eine weltliche Adelsresidenz, sondern um den Sitz mächtiger Kirchenfürsten handelte. Selbst architektonische Details wie die kleinen Balkone über dem Innenhof folgen dieser Logik. Sie dienten weniger dem privaten Rückzug als vielmehr der repräsentativen Präsenz – sichtbar sein, ohne sich unter das Volk zu mischen.



Advent im Schloss
Nach den Erklärungen im Innenhof gehen wie ins Innere des Schlosses – und weil Advent ist, empfängt uns gleich eine festliche Weihnachtsdeko mit warmem Licht und einem geschmückten Baum. Im Treppenhaus steht eine große Figur, unser Guide hat natürlich erklärt, wen sie darstellt – und ich habe es mir prompt nicht gemerkt. Während wir die Stiegen hinaufsteigen, kommt uns eine Schulgruppe entgegen, laut und lebendig und ein ziemlicher Kontrast zur historischen Eleganz.

Der erste Saal: Zarte Farben statt überwältigender Pracht
Oben bekommen wir dann Patschen zum Überziehen, was in tschechischen Schlössern ziemlich üblich ist, und schon stehen wir im ersten Saal – bereit für den Prunk, der hier drinnen beginnt.

Der Raum wirkt dann in seinen zarten Pastelltönen überraschend gemütlich. Gemalte Girlanden ziehen sich über die Wände, dazwischen hängen ovale Porträts und unter dem Kronleuchter steht ein Christbaum, der in der Adventzeit dazugehört.
Der Reichstagssaal: Bühne der Geschichte – und auf einem Geldschein verewigt
Der historisch bedeutsamste Raum in Schloss Kroměříž ist ohne Zweifel der nächste: der Große Speisesaal, besser bekannt als Reichstagssaal. Schon beim Eintreten bleibe ich fasziniert stehen, denn dieser Raum überwältigt allein durch seine Dimensionen. Er erstreckt sich über zwei Stockwerke. Mein Blick geht automatisch nach oben zu den hohen Rundfenstern, den vergoldeten Stuckornamenten und den funkelnden Kristalllüstern, die den Saal in ein fast unwirkliches Licht tauchen. Dass der Raum so hoch wirkt, ist kein Zufall, sondern eine Folge des großen Brandes von 1752 – ein ganzes Stockwerk wurde danach nicht mehr aufgebaut, was dem Saal seine heutige Monumentalität verleiht.

Im Reichtagssaal wurde Geschichte geschrieben: 1848/49 tagte in diesem Saal der Reichstag, nachdem er aus dem revolutionären Wien nach Kremsier verlegt worden war. Politik, Macht und große Worte – all das scheint noch immer in der Luft zu liegen. Gleichzeitig wirkt der Raum elegant, wie eine perfekte Bühne.
Das Faszinierende: Viele kennen den Reichstagssaal, obwohl sie noch nie in Kroměříž waren – denn er prangt auf dem tschechischen 1000-Kronen-Schein. Und als wäre das nicht genug, hatte der Saal auch schon seinen Auftritt als Filmkulisse.


Kroměříž als Filmkulisse
Unser Guide erzählt uns von den Filmen, die hier gedreht wurden – und man merkt sofort, wie stolz man in Kroměříž darauf ist. Allen voran natürlich der oscarprämierte Film Amadeus. Miloš Forman nutzte den Reichstagssaal als Kulisse, und nach dem, was wir gerade gesehen haben, überrascht das kein bisschen. Aber es blieb nicht bei diesem einen Film. Auch weitere internationale Produktionen und Serien wie Maria Theresia fanden hier ihr perfektes Setting.
In den Sälen, den Gärten und sogar im Stadtzentrum entstanden außerdem der dänische Historienfilm „Eine königliche Affäre“, eine französische „Napoleon“-Serie mit Gérard Depardieu, ein „Angélique“-Remake, ein biografisches Porträt über Katharina die Große sowie die Fortsetzung der Serie „Das Erbe“ (mit Bolek Polívka). Viele Szenen vom Großen Platz und den Gärten tauchen auch in der TV-Serie „Četnické humoresky“ auf – und wer mit Märchen groß geworden ist, erinnert sich vielleicht an „Die Hölle mit der Prinzessin“.

Jeder Raum erzählt seine eigene Geschichte
Nach dem beeindruckenden Reichstagssaal wirken die nächsten Räume viel intimer – und doch sind sie nicht weniger voll mit beeindruckenden Details. Wir spazieren von Saal zu Saal, von Raum zu Raum und ich habe ständig das Gefühl, irgendwo ist wieder eine neue Geschichte versteckt: einmal politische Bühne, dann wieder privater Rückzugsraum.
Dann gibt es Räume, in denen sich Macht geradezu verdichtet. Im Thronsaal wird das besonders spürbar – hier ging es um Repräsentation und um Rang. In einem weiteren Raum – dem Salon, in dem Kaiser Franz Joseph einst auf den russischen Zaren traf – wird Geschichte greifbar.
Ganz anders, aber ebenso einprägsam ist das Jagdzimmer. Hier zeugen unzählige Trophäen von der Jagdleidenschaft. Ja, auch die Kirchenfürsten sind nicht nur Geistliche, sondern Menschen mit sehr weltlichen Hobbys und einem ziemlich ausgeprägten Sinn für Status.





Die Gemäldegalerie: große Namen, großer Kontrast
Mit den Prunkräumen sind wir durch – und ich muss kurz sortieren, wie viel Glanz und Geschichte da gerade auf einmal auf mich eingewirkt hat. Doch Schloss Kroměříž hat noch ein Ass im Ärmel: die Gemäldegalerie.
Diese Galerie zählt zu den bedeutendsten der Tschechischen Republik. Zu sehen sind rund 85 ausgewählte Originale europäischer Meister vom Mittelalter bis zum Rokoko. Das unbestrittene Herzstück ist das berühmte Gemälde „Apollo und Marsyas“ von Tizian.

Sala Terrena: der schönste Übergang nach draußen
Schließlich lässt uns der Guide wählen, was wir noch besichtigen wollen: den Schlossturm oder die Sala Terrena. Dass es im Schloss auch eine Bibliothek gibt, muss ich wohl überhört haben – sonst hätten mich keine zehn Pferde davon abgehalten, die Gruppe zu einem Abstecher dorthin zu überreden. So landen wir allerdings in der Sala Terrena, und ganz ehrlich: auch schön. Von hier aus öffnet sich der Blick in den Garten, und man spürt sofort, dass dieser Raum genau dafür gedacht ist – als elegante Übergangszone zwischen drinnen und draußen. Nach dem Mittagessen, das wir in einem Lokal in Kroměříž einnehmen, geht es schließlich hinaus ins Grüne.

Winterruhe im Schlossgarten
Der Schlossgarten ist nicht „ein Park“, sondern ein Garten mit Biografie. Er hat viele Umwandlungen erlebt: vom kleineren Zier- und Nutzgarten mit Gehegen über barocke, streng geometrische Partien bis hin zu einem aufklärerisch geprägten Landschaftspark. Im 19. Jahrhundert bekam er dann seine heutige Dimension – als große Landschaftskomposition, die nicht nur aus Grün besteht, sondern auch aus architektonischen Details, Blickachsen und bewusst gesetzten „Szenerien“. Und weil Hochwasser und Witterung dem Garten in den letzten Jahren zugesetzt haben, wurde und wird hier viel rekonstruiert und erneuert.
Die eine Stunde Besichtigungszeit vergeht viel zu schnell. Ich gehe langsamer als geplant, bleibe immer wieder stehen, schaue in diese winterliche Weite – und denke mir: Im Sommer ist das hier bestimmt noch prachtvoller.



Warum ich nach Kroměříž zurückkehren möchte
So sehr mich Schloss Kroměříž schon bei diesem ersten Besuch begeistert hat – ich weiß jetzt schon: Das war nicht mein letzter Aufenthalt hier. Beim nächsten Mal möchte ich mir unbedingt noch den berühmten Blumengarten in aller Ruhe ansehen, der gemeinsam mit Schloss und Schlossgarten zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Auch der Schlossturm steht noch auf meiner Liste – der Blick über Stadt und Gärten muss großartig sein. Und dann wäre da noch die Bibliothek, deren Existenz ich während der Führung überhört habe – ein Fehler, den ich definitiv korrigieren möchte.
Außerdem würde ich gerne mehr Zeit in der Stadt selbst verbringen: die beeindruckenden Kirchen von Kroměříž besuchen, durch die Gassen bummeln und mich durch die lokalen Köstlichkeiten kosten – Bier, Wein, Käse und Pralinen inklusive. Kroměříž ist kein Ort für einen schnellen Abstecher, sondern einer, der mehr Zeit verdient. Und genau diese Zeit werde ich mir beim nächsten Besuch nehmen.


Infobox Schloss Kroměříž (Kremsier)
Praktische Informationen für Besucher
- Ort: Schloss Kroměříž (Kremsier), Zlínský kraj, Tschechien
- Besichtigung: im Rahmen geführter Touren, Schlossturm ist auch individuell zu besichtigen
- Öffnungszeiten: saisonabhängig (Frühjahr–Herbst längere Öffnungszeiten, Winter eingeschränkt)
- Tickets: verschiedene Rundgänge (Prunkräume, Gemäldegalerie, Turm u. a.); Tickets vor Ort oder online erhältlich
- Dauer: je nach Führung ca. 60–90 Minuten
👉 Aktuelle Zeiten & Preise am besten vorab auf der offiziellen Schloss-Website prüfen.
Gut zu wissen: Anreise, Barrierefreiheit & Service
- Anreise: gut erreichbar mit Bahn oder Bus; vom Bahnhof Kroměříž fußläufig ins Zentrum
- Parken: öffentliche Parkplätze in der Nähe des Schlosses
- Barrierefreiheit: Teile des Schlosses und der Gärten sind barrierefrei, nicht alle historischen Räume
- Service vor Ort: Toiletten, Souvenirshop, Caféangebote in der Umgebung
- Tipp: Für Schloss, Garten und Stadtzentrum ausreichend Zeit einplanen – ideal ist ein ganzer Tag
GUDRUN KRINZINGER
Reiseblog von einer reiselustigen, strickbegeisterten, lesesüchtigen und fotografiewütigen Oberösterreicherin mit Hauptsitz Wien und Alte Donau.
Seit 2010 schreibe ich über meine Reisen auf dem Blog Reisebloggerin.at.