Wandern in Glencoe: schottische Geschichte auf Schritt und Tritt
Ein Gastbeitrag von Sonja Warter
Auch wenn Schottland geografisch nicht so groß ist, kann es dauern, bis man es von einem Ort zum anderen schafft. Um von Gairloch zur zweiten Station unserer Schottlandreise, in die Gegend von Glencoe zu kommen, saßen wir daher ziemlich lang im Auto. Am Weg lag allerdings ein echtes Highlight: das Highlander-Schloss Eilean Donan Castle. Es erwies sich nicht nur als sehr fotogen, sondern auch als Wetterscheide. Die nächsten Tage, die wir in der Nähe von Loch Leven verbrachten, gingen tatsächlich ohne den obligaten Regen vonstatten. Wer hätte das gedacht.

Eilean Donan Castle: Auch James Bond war da
Wenn sich hier nicht so viele Touristen tummeln würden, wäre die Kulisse geradezu grandios. Zugegeben, sie ist auch mit Touristen spektakulär. Das Schloss ist nicht ohne Grund eine der meistfotografierten Sehenswürdigkeiten Schottlands. Es befindet sich auf einer Art Insel, die nur durch eine Steinbrücke erreichbar ist und an der drei Seen in einander übergehen: Loch Duich, Loch Long und Loch Alsh. Als wir eintrafen, flog gerade ein sehr alt anmutendes Flugzeug im Tiefflug darüber. Keine Ahnung, ob es ein Marketing-Gag des lokalen Tourismus war oder nicht – es hat das Fotomotiv jedenfalls aufgepeppt.

Das Innere der Burg fand ich persönlich weniger aufregend, aber natürlich spricht nichts dagegen, sich mit einem Audioguide durch die Räumlichkeiten leiten, Geheimverstecke zeigen und Fotoausstellungen erklären zu lassen. Schließlich war James Bond (damals in Gestalt von Pierce Brosnan) auch schon einmal hier. In Die Welt ist nicht genug war das Schloss das schottische Hauptquartier des MI6. Davor (die Älteren unter uns können sich vielleicht noch daran erinnern) ist schon der Film Highlander hier gedreht worden. Filmgeschichte, wohin man schaut.
Und wer auf zufällig auf der Suche nach einem witzigen Weihnachtsgeschenk ist: Im Shop kannst du Weihnachtsmänner im Schottenrock als Christbaumschmuck käuflich erwerben!
Für die Verliebten habe ich noch einen Tipp: Wer möchte, kann in Eilean Donan Castle ganz romantisch den Bund fürs Leben schließen. Nachdem die Besucher gegangen sind, versteht sich.

Über die Three Sisters zum Lost Valley
Meine neue Unterkunft in Ballachulish am Loch Leven war ein hervorragender Ausgangspunkt für Wanderungen in der Gegend von Glencoe.
Für mich eine der schönsten Wanderungen überhaupt: Zwischen zwei der Three Sisters, das sind drei malerische in üppigem Grün bewachsene Berge, durch und hinauf in das Lost Valley, eine Art abgeschlossenen Talkessel. An diesem Tag im August hatte es für schottische Verhältnisse geradezu tropische Temperaturen: 27 Grad! Dementsprechend kamen wir auf dem gut ausgebauten, aber mit ein paar Hindernissen, die wir auf allen Vieren überwanden, versehenen Pfad nach oben ordentlich ins Schwitzen. Und leider waren hier auch deutlich mehr Touristen unterwegs als in Gairloch und Umgebung.
Die Touristen dürften wohl auch der Grund gewesen sein, warum sich schon am Ausgangspunkt ein Dudelsackspieler eingefunden hatte, dessen Klänge uns noch lange auf unserer Wanderung begleiteten. Ein bisschen inszeniert, aber trotzdem schön.

Das Massaker von Lost Valley
So schön und beschaulich das Lost Valley heute wirkt, so brutal ging es im 16. und 17. Jahrhundert hier zu. Der Name geht auf eine Legende zurück, die besagt, dass das Tal einst vom Clan der MacDonalds genutzt wurde, um sich hier mit dem Vieh zu verstecken, das er vorher ihren Nachbarn, dem Clan der Campbells, gestohlen hatte.
Viel schlimmer war allerdings das, was sich am 13. Februar 1692 hier abspielte. Schottische Regierungstruppen unter dem Befehl von Captain Robert Campbell, die bereits zwei Wochen als Gäste beim Clan der MacDonalds gelebt hatten, ermordeten im Auftrag von König Wilhelm III. 38 Clanmitglieder. Einige entkamen, viele Frauen und Kinder starben während der Flucht an Erfrierungen. Der angebliche Grund für das Gemetzel klingt geradezu absurd: Der Anführer der MacDonalds hatte den Treueeid auf den neuen König aufgrund eines Missverständnisses zu spät abgelegt.
Zurück aus dem Talkessel und entlang des River Coe auf dem Weg zu einem Pub marschierend, fanden wir noch heraus, was die Schotten, zumindest in der Gegend von Glencoe, so treiben, wenn es „heiß“ ist: Sie baden im Fluss! Und die älteren von ihnen sitzen im Schottenrock am Ufer und lassen sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Verständlich, so oft wird es diese Gelegenheit ja nicht geben!

Ein echtes Highlight: die Insel Lismore
Mein persönliches Highlight auf dieser Reise war eindeutig die Insel Lismore. Die süße kleine Insel, die zu den Inneren Hebriden gehört, erreicht man mit einer kleinen Fähre von Port Appin aus, nachdem man vorher etwa eine halbe Stunde Fahrzeit von Ballachulish bzw. Glencoe in Kauf nehmen muss. Die Überfahrt dauert nur etwa zehn Minuten und doch bringt sie einen in eine andere, beinahe verwunschene Welt.
Außer uns waren praktisch keine anderen Touristen hier, auch sonst sahen wir nur wenige Menschen. Aber die, die wir trafen, freuten sich über unsere Anwesenheit, obwohl wir offensichtlich nicht hierher gehörten, und kamen schnell in Plauderlaune. Vielleicht liegt das daran, dass derzeit unter 200 Menschen auf der Insel leben und sich die Einwohner über jede Abwechslung freuen. Die Möglichkeiten, hier Geld zu verdienen, sind naturgemäß begrenzt, was dazu geführt hat, dass viele Familien abgewandert sind und ihr Glück woanders versuchen.
Wir haben natürlich versucht, das Island zu erwandern, um am Ende des Tages festzustellen, dass wir nicht halb so viel geschafft hatten, wie wir wollten. Das liegt nicht nur, aber auch daran, dass unsere spezielle Highland-App uns immer wieder mal in die Irre geführt hat, Wege nicht klar ersichtlich oder durch ein Gatter verschlossen waren. Ein weiteres Zeichen, dass sich Touristen nur selten hierher verirren. Dafür umso mehr Schafe, die selbst in der Nähe des kleinen Fährhafens unbekümmert grasen und uns keines Blickes würdigten.

Vorbei an Enten und schottischen Hochlandrindern
Unser Weg führte an einem Bauernhof vorbei, wo wir zu unserer Freude gleich von einer Schar schnatternder Enten und aufgeregter Hühner begrüßt wurden. Als wir um die Ecke bogen, trauten wir unseren Augen fast nicht. Da waren sie: echte schottische Hochlandrinder (Highland Cattle). Unsere Freude war deswegen so groß, weil man diese zotteligen Tiere fast nirgends mehr zu sehen bekommt, da sie in der Vergangenheit allzu häufig von Touristen belästigt worden waren. Aber auf diesem einsamen Eiland gab es diese Angst offenbar nicht. Die Viecher selbst gaben sich absolut stoisch und ignorierten uns – wie schon vorher die Schafe – komplett.

Burgruinen mit alter und neuer Geschichte
Nachdem wir sie ausführlich bewundert hatten, marschierten wir weiter über sumpfige Wiesen und vorbei an Häusern mit grasbedeckten Dächern, bis wir die Burgruine Castle Coeffin erreichten. Man könnte meinen, dass die vor ihr grasenden Pferde vom Inselmarketing aufgestellt worden wären, da sie das Gesamtbild so perfekt abrundeten. Hätte noch die Sonne geschienen, wäre das Fotomotiv perfekt gewesen. Die Burg stammt aus dem 13. Jahrhundert und ist heute über und über mit Moos bewachsen. Das eher durchwachsene Wetter bei unserem Besuch ließ die schaurige Legende, die sich um die Burg rankt, vor meinem inneren Auge fast ein bisschen Wirklichkeit werden.
Doch bevor wir allzu tief in Schauermärchen hineingezogen werden konnten, wurden wir von einer Delphinschule abgelenkt, die sich direkt vor uns im Loch Linnhe vergnügte. Eine Delphin-Watchingtour konnten wir uns also sparen!

Es gibt noch eine weitere Burgruine auf Lismore, Achanduin Castle, die war allerdings zu weit weg, als dass wir sie im Rahmen eines Tagesaufluges noch hätten erreichen können. Nicht ausgelassen haben wir selbstverständlich das Heritage Center mit angeschlossenem Café, um unsere eigenen müden Geister wieder zum Leben zu erwecken.
Wieder zurück auf dem Festland machten wir noch einen kleinen Schlenkerer, bevor wir wieder zurück nach Ballachulish fuhren. Der Grund: ein herrlicher Blick auf eine andere Burgruine: Castle Stalker. Die stammt aus dem 15. Jahrhundert und ist heute aus ganz anderen Gründen bekannt. Sie war The Castle Aaaaarrrrrrggghhh in der Monty-Python-Komödie Die Ritter der Kokosnuss. Ein Bilderbuch-Motiv.

Devil’s staircase ist gar nicht so teuflisch
Im Rahmen unserer letzten Wanderung in den Highlands haben wir noch den Devil’s staircase bezwungen. Keine Sorge, der ist eher beschaulich als teuflisch. Am angsteinflößenden Namen ist – wie immer in den Highlands – eine Legende schuld. Und so schlimm kann es ohnehin nicht sein, denn dieser Weg ist eine Etappe des West Highland Way, des schottischen Fernwanderweges.

Der Pfad zwischen Glencoe und Kinlochleven war ursprünglich Teil einer Militärstraße, die im 18. Jahrhundert gebaut wurde. Doch der Teufel hatte erst etwas später seine Hände im Spiel, als der Blackwater-Staudamm in den frühen 1900er-Jahren gebaut wurde. Damals nutzten die Arbeiter den steilen Weg nicht nur im Rahmen des Projekts, sondern auch, um nach Feierabend in ein Lokal zu gehen und einen zu heben. Da sie danach – meist in betrunkenem Zustand – auch wieder zurückkehren mussten, forderte der Weg immer wieder seinen Tribut. Die Schuld wurde dem Teufel gegeben. Am Alkohol kann es ja nicht gelegen sein, oder?

Die Aussicht am Zenit des Weges ist ganz und gar nicht diabolisch, sondern geradezu himmlisch, vor allem, wenn plötzlich – wie in unserem Fall – die Wolken aufreißen und die Sonne die ganze Szenerie mit den sanften grün bewachsenen Bergketten und den schmalen Tälern dazwischen erleuchtet. Schottland at its best!
Bevor wir Kinlochleven erreichten, kamen wir noch an etwas sehr Irdischem vorbei: den Rohren eins alten Kraftwerks. Was für ein Kontrast!
Wer in Kinlochleven feststellt, dass er sich noch nicht genug ausgetobt hat, kann dann noch im Grey Mare’s Waterfall klettern (mit Ausrüstung und Guide versteht sich). Ich habe lieber zugesehen und mir einen Cider im Pub gegönnt. Slàinte Schottland! Auf ein baldiges Wiedersehen!

Seit 2024 schreibt Sonja als Gastautorin auf dem Blog der Reisebloggerin. Als PR-Profi und Ghostwriter beruflich eher sachlich unterwegs, genießt sie es, wenn sie hier auch über ihre Lieblingsspeisen oder unnützes Wissen berichten kann. Bisherige Lieblingsländer: Marokko, Island und Kanada. Sinnlosestes Wort in ihrem Wortschatz: Sää, das finnische Wort für „Wetter“. Sie liebt Fish & Chips mit kanadischem Wildlachs und hasst französische Austern.
Das ist der dritte und letzte Teil von Sonjas Schottland-Saga. Falls du die Reise von Anfang an mitverfolgen möchtest: Teil 1 findest du hier, Teil 2 hier.
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GUDRUN KRINZINGER
Reiseblog von einer reiselustigen, strickbegeisterten, lesesüchtigen und fotografiewütigen Oberösterreicherin mit Hauptsitz Wien und Alte Donau.
Seit 2010 schreibe ich über meine Reisen auf dem Blog Reisebloggerin.at.

Ein sehr eindrucksvoller Beitrag, der Wandern und Geschichte in Glencoe auf besondere Weise verbindet. Der Text macht deutlich, dass man sich hier nicht nur durch eine spektakuläre Landschaft bewegt, sondern ständig auf Spuren der Vergangenheit trifft. Beim Lesen entsteht das Gefühl, dass jeder Schritt Teil einer größeren Geschichte ist. Eine inspirierende Einladung, Glencoe bewusst und mit Aufmerksamkeit zu erleben.