Villa Tugendhat in Brünn: Eine Reise zu einer Ikone der Moderne
Vor mehr als zehn Jahren hörte ich zum ersten Mal von der Villa Tugendhat in Brünn. Damals stand ich im Park der Villa Löw-Beer und linste durch einen Zaun hinüber zu jenem Haus, das schon damals als architektonisches Wunder galt. Eine Besichtigung war zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht möglich. Warum genau die Villa geschlossen war, weiß ich heute nicht mehr. Was geblieben ist, war das Gefühl: Du musst du noch einmal zurückkommen.

Ein Vorsatz wird konkret
Ich nahm mir fest vor, die Villa Tugendhat eines Tages zu besichtigen. Dass es mehr als zehn Jahre dauern würde, bis ich diesen Vorsatz tatsächlich in die Tat umsetzte, hätte ich damals nicht gedacht. Ein kleiner, aber entscheidender Anstoß kam schließlich von Bloggerkollegin Angelika, die meinen Jahresrückblick las. Darin hatte ich mir für das Jahr 2026 vorgenommen, die Villa Tugendhat endlich zu besuchen. Kurz darauf meldete sie sich bei mir und fragte, ob wir gemeinsam fahren wollen.
Nur mit Führung: Tickets, Timing und Geduld
Ein Besuch der Villa ist ausschließlich im Rahmen einer Führung möglich. Die Termine sind stark limitiert und entsprechend begehrt, weshalb oft von Wartezeiten von mehreren Wochen, teils sogar bis zu zwei Monaten, die Rede ist. Für uns war klar: Wenn wir die Villa sehen wollen, dann im Jänner oder Februar. Also zögerten wir nicht lange und sicherten uns sofort Tickets.
Ankunft im Winter
Statt mit dem Zug nach Brünn zu fahren, entschieden wir uns für das Auto als Transportmittel. Das Wetter war ehrlich gesagt furchtbar: dichter Nebel, Schnee und Matsch am Straßenrand – zum Glück war ich nur die Beifahrerin. Trotzdem verlief die Anreise problemlos, und zu unserer Überraschung fanden wir sogar einen Parkplatz in Gehweite zur Villa Tugendhat. Wir waren rund eine Viertelstunde zu früh vor Ort. Ein Arbeiter, der gerade die vereiste Treppe enteiste, zeigte uns den Weg hinunter in den Garten. Die Führung selbst beginnt allerdings direkt vor dem Eingangstor der Villa.

Namen im Boden
Als ich vor der schwarzen Gittertür stehe, fallen mir die Stolpersteine auf – diese kleinen, goldenen Plaketten, die man so leicht übersieht. Der Schnee verdeckt zunächst den ersten Namen, doch nach und nach kann ich alle entziffern. Sie erinnern an Grete und Fritz Tugendhat sowie Hanna Lambeck, Ernst Tugendhat und Herbert Tugendhat. Menschen, die hier lebten, bis sie 1938 vor den Nationalsozialisten fliehen mussten. Ihre Wege führten sie ins Exil nach St. Gallen, Montreal, Freiburg im Breisgau und Caracas. Sie ließen nicht nur ihr Zuhause zurück, sondern auch ein Haus, das eigens für sie entworfen worden war.

Der erste Schritt ins Haus
Noch mit diesen Gedanken in meinem Kopf tritt eine junge Frau aus einer Tür im Anbau, begrüßt uns herzlich und kontrolliert unsere Eintrittskarten. Dann nimmt sie ihren Schlüsselbund zur Hand und öffnet die Eingangstür. Unsere Gruppe ist mittlerweile auf 12 Personen angewachsen, nur 16 Personen dürfen gleichzeitig ins Haus. Anspannung liegt in der Luft. Im Empfangsraum, den ich als klar und simpel bezeichnen würde, werden wir gebeten stehen zu bleiben. Wir betrachten die wirklich sehr große Eingangstüre aus Holz, zwei Stühle und die Treppe, die ins Untergeschoss führt, und lauschen den ersten Erklärungen. Welche Geschichte verbirgt sich in diesem Haus? Und wie kam Ludwig Mies van der Rohe zu dem Auftrag, es zu entwerfen?

Die Bauherren: Grete und Fritz Tugendhat
Auftraggeber der Villa waren Fritz Tugendhat und Grete Tugendhat, geborene Löw-Beer. Grete stammte aus einer wohlhabenden Brünner Industriellenfamilie; ihre erste Ehe wurde geschieden – ein Umstand, über den ihr Vater angeblich nicht unglücklich war. Sie heiratete ihren Jugendfreund Fritz, und damit stellte sich bald die Frage nach einem neuen gemeinsamen Wohnsitz.
Ein Grundstück, ein Geschenk, ein Neubeginn
Der Bauplatz im Brünner Stadtteil Černá Pole war von Beginn an vorgegeben, denn das Grundstück gehörte zur Villa Löw-Beer, dem Anwesen von Gretes Eltern. Im März 1929 überließ ihr Vater Grete das Grundstück und übernahm zugleich die Finanzierung des Neubaus – erst dadurch wurde der Bau der Villa überhaupt möglich.
Vertrauen in die Moderne
Die Tugendhats waren offen für neue Ideen, kunst- und architekturinteressiert und bereit, radikale Wege zu gehen. Genau diese Haltung führte sie schließlich zu Ludwig Mies van der Rohe, den Grete in Berlin kennengelernt hatte. Sie erteilten ihm den Auftrag zum Bau der Villa, sondern auch ein außergewöhnliches Maß an gestalterischer Freiheit einräumten.
Mies van der Rohe und die Idee des fließenden Raums
Der Auftrag für die Villa Tugendhat fiel in eine besonders produktive Phase seines Schaffens. 1928 begann Mies mit den Entwürfen, nur kurze Zeit nach dem Deutschen Pavillon für die Weltausstellung in Barcelona. Viele seiner Ideen konnte er in Brünn konsequent weiterdenken: den fließenden Raum, die Auflösung klassischer Zimmerstrukturen und die klare Trennung von tragender Konstruktion und Raumgestaltung. Möglich wurde dies vor allem durch das Vertrauen der Bauherren, die Mies weitgehend freie Hand ließen.

Private Räume: Wohnen als Alltag
Nach diesen ersten Erklärungen dürfen wir ausschwärmen. Hinter drei Türen verbergen sich die privaten Räume der Familie: getrennte Schlafzimmer, ausgestattet mit hochwertigen Einbaumöbeln, die bis ins Detail durchdacht sind. Auch die Kinderzimmer wirken großzügig und hell, mit viel Platz zum Spielen. Direkt angeschlossen ist jeweils ein Zimmer für das Kindermädchen – ein Hinweis auf den Alltag und die Lebensrealität der Familie. Auf der Terrasse war sogar eine Sandkiste vorgesehen, als Teil eines Hauses, das nicht nur architektonisches Manifest, sondern auch ein Familienwohnhaus war.
Ein Blick in die Gesichter der Besucher reicht aus, um zu sehen, wie sehr dieses Haus alle in seinen Bann zieht. Einige fotografieren, andere stehen zusammen, deuten in diese Ecke oder in die andere und murmeln leise vor sich hin. Ich selbst weiß gar nicht wo ich anfangen soll zu fotografieren und zu filmen. Ja, ich habe schon besondere Bauwerke besucht, zum Beispiel die Villen von Adolf Loos in Brünn oder in Paris die Villa La Roche von Le Corbusier, aber nichts hat mich auf die Schlichtheit und Eleganz dieser Villa vorbereitet.
Wohnlich oder steril?
Trotz des bedeckten Himmels wirken die Räume lichtdurchflutet, Blumen setzen fröhliche Akzente, es wirkt zugleich wohnlich und zugleich wieder steril. Ich weiß in diesem Moment nicht ganz, was ich davon halten soll – nur, dass dieses Haus außergewöhnlich ist und sich nicht sofort einordnen lässt.





Das Herz der Villa
Unser Guide ruft uns zusammen, gibt Erklärungen ab, beantwortet Fragen. Wir alle sind so geflasht, so fasziniert, so begeistert, dass wir nicht wirklich wissen, was wir sagen sollen.
Dann steigen wir die Treppe hinunter in das Herz des Wohnhauses. Plötzlich öffnet sich die Villa. Es gibt keine klassischen Zimmergrenzen, keine Türen, die trennen. Stattdessen fließt alles ineinander, gegliedert durch Materialien, Möbel und Licht. Die großen Glasflächen holen den Garten ins Innere, selbst an diesem grauen Wintertag bleibt die Verbindung nach draußen spürbar.
Wieder lässt uns unser Guide das Stockwerk zunächst ohne große Erklärungen erspüren. Wir dürfen schauen, stehen bleiben, wirken lassen und natürlich fotografieren. Erst nachdem wir uns sattgesehen haben, ruft sie uns zusammen und lenkt den Blick auf einige Besonderheiten: die berühmte Onyx-Wand und die versenkbaren Fenster.



Die Onyx-Wand: Licht als Material
Im Mittelpunkt des Wohnbereichs steht nämlich die berühmte Onyx-Wand. Sie ist weniger Wand als Raumteiler und verändert je nach Lichteinfall ihre Wirkung. Uns wird erklärt, dass der Onyx aus dem Atlasgebirge stammt und bewusst so eingesetzt wurde, dass das Licht durch den Stein schimmert. Besonders eindrucksvoll ist dieser Effekt in der Abendsonne, wenn der Stein fast zu glühen beginnt.
Direkt daneben liegt der Wintergarten, ein Übergang zwischen Innen und Außen. Pflanzen waren von Anfang an Teil des Raumkonzepts. Auch hier verschwimmen die Grenzen: Wohnen, Natur und Architektur greifen ineinander, ohne sich gegenseitig zu dominieren.

Technik als Vision
Ein technisches Highlight sind die großen Fensterfronten, die sich vollständig im Boden versenken lassen. Auf Knopfdruck verschwindet das Glas. Für die späten 1920er-Jahre war diese Technik spektakulär – und selbst heute wirkt sie erstaunlich modern.
Etwas zurückgezogen liegen Bibliothek und Esszimmer. Die Bibliothek wirkt ruhig, fast intim, ein Gegenpol zur Offenheit des Wohnbereichs. Der Essraum ist dem großen Wohnbereich zugeordnet, wirkt aber dennoch klar gefasst. Er ist kein abgeschlossener Raum, sondern Teil des fließenden Grundrisses. Mittelpunkt ist der große runde Esstisch, umgeben von eigens entworfenen Stühlen, alles aufeinander abgestimmt und bewusst reduziert.
Die Nähe zur Küche erleichterte den Alltag. Auch diese ist konsequent funktional eingerichtet – mit klaren Arbeitsabläufen, kurzen Wegen und fest integrierten Einbauten.



Unter der Oberfläche
Nach diesem Hauptstück ist die Führung allerdings noch nicht zu Ende. Obwohl ich glaube, bereits alles gesehen zu haben, steigen wir noch einmal eine schmale Wendeltreppe hinab ins Untergeschoss. Hier zeigt sich die Villa von ihrer funktionalen Seite: Maschinenräume für die versenkbaren Fenster, eine bis ins Detail ausgeklügelte Belüftungsanlage – und ein eigener Raum, der für die Lagerung der Pelzmäntel geplant wurde. Dass selbst dafür ein separater, klimatisch geeigneter Raum vorgesehen war, sagt viel über den damaligen Lebensstil aus, aber auch über die Konsequenz, mit der dieses Haus geplant wurde. Ergänzt wird dieser Bereich durch die Waschküche der Familie sowie die Dunkelkammer des Hausherrn. Spätestens hier wird deutlich, wie umfassend die Villa Tugendhat gedacht war – bis hin zu den unsichtbaren Abläufen des Alltags.



Neunzig Minuten, die nicht reichen
Nach 90 Minuten ist die Führung nun zu Ende. Ich bin beglückt – und zugleich überwältigt von den vielen Eindrücken, die sich in dieser kurzen Zeit kaum verarbeiten lassen. Neunzig Minuten Familiengeschichte, Architekturgeschichte und Zeitgeschichte, da bleibt kaum bleibt Raum, um das Gesehene wirklich verarbeiten zu können.
Zehn Jahre lang habe ich darauf gewartet, die Villa Tugendhat endlich zu besuchen. Jetzt, wo ich hier bin, weiß ich: Ein Besuch reicht nicht. Ich möchte dieses Haus auch im Frühling sehen, im Sommer und im Herbst. Bei anderem Licht, mit anderen Farben, in einer anderen Stimmung.
Dieses Gebäude ist einzigartig – von einer unglaublichen Schönheit und Klarheit. Und zugleich liegt über allem etwas Trauriges, das sich aus seiner Geschichte nicht lösen lässt.

Infobox: Villa Tugendhat
Ort: Brünn (Brno), Stadtteil Černá Pole
Architekt: Ludwig Mies van der Rohe
Bauherren: Grete und Fritz Tugendhat
Baujahr: 1929–1930
Architekturstil: Klassische Moderne
UNESCO-Welterbe: seit 2001
Besuch: nur im Rahmen einer Führung
Dauer: 90 Minuten oder 60 Minuten
Tickets: limitiert – frühzeitig online buchen
Tipp: Garten & Villa Löw-Beer & Villa Arnold lassen sich gut kombinieren
FAQ: Häufige Fragen zur Villa Tugendhat
GUDRUN KRINZINGER
Reiseblog von einer reiselustigen, strickbegeisterten, lesesüchtigen und fotografiewütigen Oberösterreicherin mit Hauptsitz Wien und Alte Donau.
Seit 2010 schreibe ich über meine Reisen auf dem Blog Reisebloggerin.at.