Ein Tag in Brünn: Die schönsten Sehenswürdigkeiten
Der Tag in Brünn war nicht langfristig geplant, er entstand aus einer spontanen Laune heraus. Ein freier Wochentag, eine Freundin, und von ihr kam der Satz: „Wie wär’s mit einem Tag in Brünn?“ Also stiegen wir kurzerhand in den Zug und fuhren von Wien aus hinüber. Oder sagt man hinauf?
Es war nicht mein erster Besuch in der zweitgrößten Stadt Tschechiens, genau genommen war es sogar schon mein dritter. Vielleicht war der Ausflug deshalb so angenehm entspannt. Ich hatte das Gefühl, die Stadt bereits ein bisschen zu kennen – und ließ mich trotzdem gerne überraschen.

Der Himmel war bei unserer Ankunft komplett grau. Und so zog es uns vom Bahnhof erst einmal hinauf zu dem Ort, der wohl am deutlichsten für Brünn steht: zur Kathedrale St. Peter und Paul auf dem Petrov.
Kathedrale St. Peter und Paul – Brünns Wahrzeichen
Der Petrov-Hügel ist ein Ort, der schon im Mittelalter strategisch wichtig war. Bereits im 11. Jahrhundert stand hier eine romanische Kirche. Der heutige Bau entwickelte sich vor allem im 13. und 14. Jahrhundert im Stil der Gotik.
Die neugotischen Türme – erst Anfang des 20. Jahrhunderts ergänzt – verleihen der Kathedrale eine markante Silhouette, aber im Inneren dominiert eine ruhige Klarheit.
Bevor wir allerdings eintraten, blieb ich an einem Detail hängen: den Türschnallen. Ornamental gearbeitet, glatt poliert an den Stellen, wo Generationen von Händen sie berührt haben. Ich weiß nicht genau, warum mich solche Dinge so faszinieren, aber ich sollte feststellen, dass es in Brünn viele wunderschöne Türschnallen gibt und das war nur die erste, die ich fotografierte.



Als wir aus der Kirche hinaustraten, hatte sich zu unserer Freude die Sonne durchgesetzt und wir spazierten zum berühmten Krautmarkt.
Zelný trh (Krautmarkt) – Markt seit dem 13. Jahrhundert
Komischerweise habe ich kein einziges Foto von diesem Platz gemacht – was im Nachhinein fast ein bisschen schade ist. Hängengeblieben bin ich gleich mal bei den Fassaden, denn diese sind sehr reich verziert.
Direkt ins Auge fällt das Palais Dietrichstein, einer der ältesten barocken Palastbauten der Stadt, heute Teil des Mährischen Museums. Mitten auf dem Platz steht auch der Parnass-Brunnen, ein monumentaler Barockbrunnen, erschaffen von Johann Bernhard Fischer von Erlach aus dem späten 17. Jahrhundert.

Schöner als jedes historische Detail ist allerdings das alltägliche Leben hier. Der Krautmarkt existiert seit dem 13. Jahrhundert und war schon im Mittelalter Handelszentrum der Stadt. Und genau das ist er bis heute geblieben. Er ist keine Kulisse für Besucher, sondern ein funktionierender Markt. Ältere Frauen mit Einkaufstaschen prüfen Paradeiser und lassen sich Karotten einpacken, Händler diskutieren laut, ein anderer verkauft Walnüsse. Es riecht nach Kräutern und duftet nach Blumen.
Das Alte Rathaus in Brünn
Vom Krautmarkt ist es nur ein kurzer Weg zum Alten Rathaus. Es gilt als das älteste säkulare Bauwerk der Stadt. Bereits im 13. Jahrhundert wurde hier Verwaltung betrieben, Urkunden besiegelt und Recht gesprochen.
Besonders auffällig ist das spätgotische Portal, das um 1510 entstand. Geschaffen wurde es vom Bildhauer und Baumeister Anton Pilgram, einem der bedeutendsten Künstler seiner Zeit. Wer näher hinsieht, entdeckt das berühmte „krumme Türmchen“ – leicht verdreht, das dem ansonsten gleichmäßigen Bau eine gewisse Eigenwilligkeit verleiht.
Im Bogengang hängt dann noch das legendäre Brünner Krokodil, der sogenannte „Drache“. Einer Sage nach wurde er von einem findigen Bürger besiegt; historisch betrachtet handelt es sich wohl um ein exotisches Geschenk aus dem 17. Jahrhundert.
Im Inneren des Rathauses befindet sich heute die Touristeninformation. Wir deckten uns mit Stadtplänen und Informationsmaterial ein, und erfuhren, dass man den Rathausturm besteigen kann.



Wollten wir hinauf? Aber natürlich!
Brünn von oben
Brünn von oben ist wunderbar ruhig: keine großartige Skyline, kein dominierender Wolkenkratzer. Stattdessen ein Meer aus roten Ziegeldächern, dazwischen Kirchtürme, kleine Innenhöfe, enge Gassen und dann doch ein etwas seltsam anmutendes Dach, das dürfte von einem Einkaufszentrum stammen. Die Stadt wirkt kompakt und insgesamt sehr überschaubar.
Natürlich fiel mein Blick auf den Petrov. Die Kathedrale St. Peter und Paul ragt mit ihren neugotischen Türmen über die Dächer hinaus und erinnert daran, wo wir gerade erst standen. Von hier oben wirkt sie immer noch monumental.


Aber auch andere Kirchtürme kamen in mein Blickfeld, vielleicht kann man auch dahinauf?
Bevor wir jedoch weiterzogen, brauchten wir dringend eine Pause.
Brünn als Kaffeestadt – Café-Kultur in der Altstadt
Brünn gilt nicht ohne Grund als Kaffeestadt. In der Touristeninformation im Rathaus hatten wir sogar einen eigenen Folder dazu entdeckt – eine kleine Broschüre nur für Cafés. Das fand ich sehr sympathisch. Eine Stadt, die ihren Kaffee ernst nimmt, hat in meinen Augen immer schon einen Pluspunkt.
Also suchten wir uns ein Café, setzten uns an einen kleinen Tisch in die Sonne und ließen die ersten Stunden des Tages Revue passieren.
Um uns herum saßen Studierende mit Laptops, zwei ältere Damen unterhielten sich leise, jemand blätterte in einer Zeitung. Es war kein aufgeregtes Szene-Café, sondern ein ganz normales Stadtcafé. Und genau das mochte ich daran.

Jakobskirche Brünn
Mit frischem Koffein und ein bisschen Sonne im Gesicht machten wir uns auf den Weg zur nächsten Kirche – der Jakobskirche Brünn.
Schon von weitem sieht man ihren Turm zwischen den Häusern auftauchen. Die Jakobskirche entstand im 14./15. Jahrhundert und gehört zu den bedeutendsten gotischen Bauwerken der Stadt. Im Gegensatz zur Kathedrale auf dem Petrov wirkt sie zurückhaltend.

Der Innenraum ist hoch und klar gegliedert, typisch für die Hochgotik. Uns erwarteten schlanke Pfeiler, die den Blick nach oben führen. Man spürt, dass diese Kirche für die Bürger der Stadt gebaut wurde.

Wir informierten uns anschließend über die Öffnungszeiten des Ossariums unter dem Platz und beschlossen zunächst den Turm zu besteigen.
Der Aufstieg kam mir anstrengender vor als im Rathaus. Die Stufen schienen endlos, das Licht war zudem spärlich. Aber oben angekommen eröffnete sich wieder eine wundervolle Perspektive. Von hier aus sahen wir die Stadt aus einer anderen Achse, wir erkannten Plätze, die wir eben noch durchquert hatten, und verstanden ein Stück besser, wie Brünn gewachsen war.


Und dann kam der Moment, an dem wir wieder hinunterstiegen – diesmal nicht vom Turm, sondern gleich unter die Erde.
Denn unter dem Jakobsplatz befindet sich das Beinhaus.
Beinhaus unter dem Jakobsplatz – Das Ossarium von Brünn
Lange Zeit war dieses Ossarium in Vergessenheit geraten, erst 2001 wurde es bei Bauarbeiten wiederentdeckt. Im 18. Jahrhundert, als aus hygienischen Gründen die innerstädtischen Friedhöfe aufgelöst wurden, brachte man die Gebeine der Toten hierher. Was heute zugänglich ist, ist also nur ein Teil dieses ehemaligen Begräbnisraumes.
Ich kenne die Pariser Katakomben und das Beinhaus in Kutna Hora, und doch fühlt sich jeder solcher Orte anders an. Man spürt die Enge des mittelalterlichen Brünns, die hohe Bevölkerungsdichte, die Notwendigkeit, Raum zu schaffen – selbst im Tod.


Durch die Altstadt treiben lassen
Nach diesem konzentrierten Moment unter der Erde brauchten wir wieder frische Luft. Und so ließen wir uns durch Brünn treiben.
Wir landeten auf dem náměstí Svobody, dem Freiheitsplatz. In der Mitte der runde Brunnen, rundherum Cafés – und davor diese pastellfarbenen Liegestühle. Wir nahmen Platz, lehnten uns zurück und beobachteten das Brünner Stadtleben.

Nach dieser Pause schlenderten wir weiter, bogen in kleinere Straßen ab und tauchten in Buchhandlungen ein.
An einer Hausecke entdeckten wir grafische Tiergesichter: kräftige Farben – Rot, Gelb, Blau –, schwarze Linien, expressiv, fast comicartig. Ein paar Schritte weiter dann ein großformatiges Wandbild. Brünn ist also nicht nur Kaffeestadt, sondern auch Streetart-Stadt! Das gefällt mir!



Schließlich standen wir erneut vor einem Kirchenportal. Eigentlich hatten wir nicht vorgehabt, an diesem Tag so viele Kirchen zu besichtigen. Aber wenn wir schon einmal da waren, warum nicht?
St.-Johannes-Kirche
Von außen wirkt sie fast zurückhaltend, eingebettet zwischen den Häusern, nicht so dominant wie die Kathedrale am Petrov.
Drinnen dann ein völlig anderer Eindruck. Barocke Fülle und viel Gold. Die Kirche gehört zum ehemaligen Minoritenkloster und geht ursprünglich auf das 13. Jahrhundert zurück. Ihr heutiges Erscheinungsbild verdankt sie vor allem dem 17. und 18. Jahrhundert, als sie nach den Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges neugestaltet wurde.
Mich irritierte zunächst die Raumwirkung. Nichts wirkt streng oder nüchtern, ganz im Gegenteil. Und dann diese Treppe, die seitlich hinauf zur Loretokapelle führt, ein eigenes architektonisches Element im Kirchenraum.
Die Loretokapelle ist eine Kopie des Heiligen Hauses im italienischen Loreto. Zu ihr gehört eben auch die Heilige Treppe, eine Nachbildung der Jerusalemer Treppe, die Jesus Christus zu Pilatus hinaufgestiegen sein soll.
Auch das monumentale Gedächtnismonument im Kirchenraum ist nicht zu übersehen. Während die Fresken an der Decke Leichtigkeit zeigen, steht dieses Werk schwer und massiv im Raum.





Schwer wog inzwischen auch unser Hunger.
Mittagessen in Brünn – Café Jean Paul
Unser spätes Mittagessen nahmen wir schließlich im Restaurant Jean Paul ein – eine willkommene Pause nach all den Eindrücken. Wir bestellten, lehnten uns zurück und merkten erst jetzt, wie viel wir an diesem Tag schon gesehen hatten.

Statuen in Brünn
Gestärkt zogen wir noch einmal los – ohne konkretes Ziel, einfach weiter durch die Straßen. Und dabei fiel uns etwas auf: In Brünn begegnet man beim Spazierengehen ständig Figuren und Denkmälern. Kaum hebt man den Blick, steht da schon wieder eine Statue.
Am Mährischen Platz etwa das moderne Reiterstandbild von Jošt von Luxemburg, einem mährischen Markgrafen des 14. Jahrhunderts. Die acht Meter hohe Skulptur erscheint kantig, beinahe sperrig, bewusst zeitgenössisch und ist ein spannender Kontrast zur St.Thomas Kirche.

Nur wenige Schritte entfernt steht die Statue der Gerechtigkeit (socha Spravedlnosti) von Marius Kotrba vor dem Obersten Verwaltungsgericht. Die grün patinierte Figur ist blockhaft und ruhig gestaltet; aus ihr fließt Wasser in das Brunnenbecken.

Brünner Untergrund – Das Labyrinth unter dem Krautmarkt
Zwar waren wir mit dem Ossarium unter der Jakobskirche bereits im Brünner Untergrund gewesen, doch es blieb uns noch Zeit für eine weitere berühmte Sehenswürdigkeit, bevor wir wieder in den Zug steigen mussten. Kirchen hatten wir für diesen Tag schließlich genug betrachtet.
Also ging es noch einmal hinab – diesmal nicht in einen Begräbnisraum, sondern in das Labyrinth unter dem Krautmarkt. Sechs bis acht Meter unter der Oberfläche erstreckt sich hier ein fast einen Kilometer langer Komplex aus Gängen und Kellern. Es ist kühl, leicht feucht, und man bekommt eine Ahnung davon, wie hier früher Lebensmittel, Wein und Bier gelagert wurden.


Abschied von Brünn
Bevor wir uns endgültig auf den Weg zum Bahnhof machten, fotografierte ich noch einmal alle Türklopfer und Türschnallen, die mir begegneten. Einige hatte ich schon am Vormittag entdeckt, andere erst jetzt. Und manche sind tatsächlich kleine Kunstwerke aus Metall.



In der Nähe des Bahnhofs kehrten wir noch im Café Lieselotte ein. Ein letztes Getränk, ein Blick auf die Uhr – schließlich war es an der Zeit, wieder nach Hause zu fahren.

Brünn: So nah an Wien – und doch jedes Mal wieder ein kleiner Perspektivwechsel.
Brünn Karte samt Sehenswürdigkeiten
Die Villa Tugendhat in Brünn
Und weil ein spontaner Besuch in der Villa Tugendhat nicht möglich ist – die Eintrittskarten muss man sich rechtzeitig sichern – , habe ich diese berühmte Sehenswürdigkeit einige Zeit später extra aufgesucht.

6 Kommentare
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GUDRUN KRINZINGER
Reiseblog von einer reiselustigen, strickbegeisterten, lesesüchtigen und fotografiewütigen Oberösterreicherin mit Hauptsitz Wien und Alte Donau.
Seit 2010 schreibe ich über meine Reisen auf dem Blog Reisebloggerin.at.
Hallo
Brünn? Wo ist Brünn? Euer Bericht macht Lust auf die Stadt, die ich so gar nicht kannte. Nun steht sie auf meiner ToDo Liste..
Mike
Da kann man immer wieder hinfahren, es lohnt sich!
Ich war schon ewig nicht mehr in Brno. Eigentlich habe ich gar keine Erinnerungen mehr daran, so lange ist das her. Danke für diese Erinnerung daran, dass die Stadt schön ist und sich zu besuchen lohnt. Auch bei nicht so gutem Wetter.
Von Wien aus ist es wirklich ein Katzensprung…
Liebe Gudrun,
mein Besuch in Brünn ist schon viele, viele Jahre her, aber ich kann mich noch gut erinnern, dass uns die Stadt sehr gefallen hat. Wenn ich deine Bilder sehe, werden die Erinnerungen wieder viel klarer. Gruselig fand ich die Kapuzinergruft mit den Mumien, aber neugierig bin ich damals trotzdem gewesen.
Danke für den schönen Artikel und viele Grüße
Elena
Mich hat die Stadt ebenfalls begeistert.