Carmen Rohrbach im Interview
Manchmal schließen sich Kreise auf eine ziemlich schöne Weise. Während meiner Zeit in der Buchhandlung habe ich die Bücher von Carmen Rohrbach nicht nur verkauft, sondern auch gelesen. Für mich war sie damals so etwas wie die erste große Abenteurerin, lange bevor gefühlt jede und jeder mit Rucksack, Kamera und Notizbuch loszog, um anschließend darüber zu schreiben.
Carmen Rohrbach gehört für mich in eine Reihe mit den großen Reiseschriftstellerinnen: Frauen, die nicht nur unterwegs sind, sondern hinschauen. Die Landschaften, Menschen, Tiere und Stimmungen beschreiben können, ohne daraus bloß eine Aneinanderreihung von Reisezielen zu machen.
Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich plötzlich ihren Namen unter einem meiner Facebookpostings entdeckt habe. Hoppla, dachte ich mir. Die Carmen Rohrbach? Kurz darauf schrieb sie mich einfach so an. Und da lag die Idee eigentlich auf der Hand: Warum nicht ein Interview mit ihr machen?

Voilà – hier ist es: meine 17 Fragen an Carmen Rohrbach. Meine Fragen sind kursiv gesetzt, ihre Antworten folgen jeweils darunter.
17 Fragen an Carmen Rohrbach: unterwegs mit einer großen Reiseschriftstellerin
Du bist Biologin, Reiseschriftstellerin und Abenteurerin. Wenn du dich selbst beschreiben müsstest: Was davon steht für dich im Vordergrund?
Schreiben und Reisen gehören zusammen. Bei mir verbindet sich das Unterwegssein untrennbar mit dem Schreiben. Eines gibt es für mich nicht ohne das andere. Und das Abenteuer ist als Dritte immer mit dabei, ja und mein biologisches Wissen fließt in mein Schreiben ein, und lässt sich auch nicht trennen von meinem Blick auf die Umwelt, die Natur und die Menschen, denen ich begegne.
Gab es in deiner Kindheit oder Jugend einen Moment, in dem du gespürt hast: Ich möchte hinaus in die Welt?
Ich war erst drei Jahre alt und erinnere ich mich dennoch genau, obwohl man sonst in diesem Alter noch keine Erinnerungen speichert, außer etwas Außergewöhnliches passiert. Und das geschah in dem Moment, als mich mein Vater bei einer Bergwanderung auf seine Schultern hob – und ich den Horizont sah. Ich wusste nicht, wie diese Linie heißt, die Himmel und Erde trennt, aber in diesem Moment erwachte mein Bewusstsein, und ich wusste, ich muss dorthin und schauen was sich hinter dieser Linie verbirgt. Es war wie ein Auftrag.
Du hast erlebt, wie es ist, in der eigenen Bewegungsfreiheit massiv eingeschränkt zu sein. Hat diese Zeit dein späteres Unterwegssein und deine Sehnsucht nach offenen Landschaften noch stärker gemacht?
Obwohl ich in der DDR aufgewachsen bin, glaube ich nicht, dass dies mein späteres Leben und Handeln beeinflusst hat. Ich bin rechtzeitig geflüchtet, bevor dieses Gefühl der Unfreiheit von mir Besitz ergreifen konnte.
Du reist seit vielen Jahren oft allein. Was bedeutet Alleinsein unterwegs für dich?
Ursprünglich wollte ich nicht allein unterwegs sein. Doch Freunde und Bekannte waren gebunden durch Arbeit und Familie. Keiner hatte Zeit, ein Jahr im Jemen die Sprache zu lernen und mit einem Dromedar durch die Wüste zu ziehen, oder in der Mongolei mit Nomaden zu leben. Meine Ziele passten nicht in die Lebensplanung anderer Menschen.
Viele deiner Reisen führen in sehr abgelegene Regionen. Was suchst du dort: Stille, Begegnungen, Natur, Freiheit – oder etwas ganz anderes?
Fast alle meine Ziele entstanden in meiner Jugend. Es sind Reiseträume, die beim Lesen von Büchern über Expeditionen entstanden sind. So verwirkliche ich im Laufe meines Lebens einen dieser Träume nach dem anderen.
Wie entscheidest du, wohin deine nächste Reise geht? Was muss ein Ort, eine Landschaft oder eine Route haben, damit du sagst: Genau dorthin möchte ich?
Einmal sind es diese Reiseträume aus der Jugend, z.B wie der schwedische Forscher Sven Hedin mit Kamelen durch die Wüste zu ziehen, oder bei einem indigenen Volk eine zeitlang zu leben. Manchmal sind es aber auch neue Ziele, fast immer entstehen auch sie durch Bücher, wie meine Reise nach Namibia, wegen eines Buches über die deutschen Einwanderer. Also nicht eine bestimmte Landschaft oder eine Sehenswürdigkeit bestimmen meine Reiseziele, sondern eine Idee.
Du hast Meerechsen auf den Galapagosinseln erforscht. Was war das Besondere an dieser Zeit?
Ich lebte ein Jahr lang auf einer Insel, auf der es keine Menschen gab, nur Meerechsen, Seelöwen und Vögel. Es war ein Leben im Einklang mit der Natur.
Wenn du reist, beobachtest du Landschaften, Tiere und Menschen sehr genau. Ist dieses genaue Hinschauen für dich die Grundlage des Schreibens?
Ich mache es nicht geplant, es passiert einfach, dass ich alles beobachte und mir meine Gedanken mache, von denen später einiges in meine Bücher einfließt.
Du bist oft mit Tieren unterwegs gewesen – mit Dromedar, Pferd oder Esel. Verändert ein Tier als Begleiter das Reisen?
Tiere verändern das Reisen total. Das Tier bestimmt, wie die Reise verlaufen wird. Nicht man selbst und die Ziele und Pläne bestimmen das Reisen, sondern das Wohlergehen des Tieres, seine Nahrung, seine Ruhepausen, seine Sicherheit. Ein wenig wohl vergleichbar, wenn man mit Kindern eine Reise unternimmt.

Was macht für dich ein echtes Abenteuer aus? Braucht es dafür Gefahr, Ungewissheit oder einfach nur Offenheit?
Das ist eine schwierige Frage, weil wir erst mal Abenteuer definieren müssten. Jeder versteht etwas anderes, beim Wort „Abenteuer“. Ich suche beim Abenteuer nicht die Gefahr und das Risiko, doch ich weiß, dass mein Unterwegsein mich in Gefahr bringen kann. Ein echtes Abenteuer ist deshalb für mich, wenn nichts passiert, aber alles passieren könnte. So wie beim Felsklettern, man kann abstürzen, sichert sich jedoch mit Seil und Haken.
Gab es unterwegs Situationen, in denen du an deine Grenzen gekommen bist?
Schwierig zu beantworten, denn wenn ich spüre, es überfordert mich, kehre ich um. Ich war nur ein einziges Mal an einer Grenze, die mich fast das Leben gekostet hat, bei meiner Flucht in der Ostsee nach 35 Stunden Schwimmen.
Wie entstehen deine Bücher? Schreibst du schon während der Reise oder erst danach?
Meine Bücher schreibe ich, wenn ich zurück bin. Einmal weil das Unterwegssein zu anstrengend ist, um einen gut lesbaren Stil zu fabrizieren, ich benötige alle meine Kraft und Aufmerksam für die Reise. Und ich will mit allen Sinnen dort sein, wo ich bin. Zudem, wenn man unterwegs schreibt, fließt zu viel Überflüssiges in das Buch, dann ähnelt es eher einem Tagebuch.
Viele Menschen träumen vom Aussteigen und Unterwegssein. Was wird dabei deiner Meinung nach oft romantisiert?
Nun, es steht mir nicht zu, die romantischen Wünsche anderer Menschen infrage zu stellen. Ich selbst wurde ja in meiner Lebensgestaltung von Reiseträumen inspiriert. Nur waren es bei mir Expeditionsberichte und Bergsteigererlebnisse. In diesen Büchern ging es häufig ums Überleben. Deshalb habe ich schon als Jugendliche trainiert, mit wenig Nahrung auszukommen, habe getestet, wie lange ich Durst aushalte und bin bis zur Erschöpfung Treppen gestiegen, um später fit genug zu sein, die Entbehrungen auszuhalten.
Du hast fast die halbe Welt bereist. Gibt es eine Begegnung, die dir bis heute besonders nahegeht?
In Namibia bin ich zu Fuß in einem trockenen Flussbett gewandert, plötzlich – wenige Meter entfernt, stand da ein alter Elefantenbulle. Aug in Aug haben wir uns angesehen. Es war ein Gefühl, als wären wir auf unsichtbare Weise miteinander verbunden. Es war ein magischer Moment. Und dann ist er langsam davon gezogen.
Muss man weit reisen, um Abenteuer zu erleben – oder findet man es auch vor der eigenen Haustür?
Als ich der Donau vom Schwarzwald bis zur Mündung ins Schwarze Meer folgte, oder bei meinen Wanderungen entlang der Isar, bei meinen einjährigen Erkundungen im Elbsandsteingebirge und als ich mich ein Jahr lang der Natur am Ammersee widmete, wurde mir klar, es kommt nicht darauf an, wohin man reist, entscheidend ist, wie man unterwegs ist. Für mich heißt das: zu Fuß zu reisen, denn das ist für mich die richtige Geschwindigkeit, die Umwelt mit allen Sinnen wahrzunehmen.
Hat sich dein Blick aufs Reisen im Laufe der Jahrzehnte verändert?
Ich bin auf die gleiche Weise nach wie vor unterwegs, aber die Erde ist für mich kleiner geworden durch Kriege, die einige Länder für mich nicht mehr bereisbar machen. Ein Traumziel war für mich Kamtschatka, die Halbinsel in Sibirien. Ich hatte alles fertig geplant, war gerade dabei, ein Flugticket zu lösen, da überfiel Russland die Ukraine, und ich kann nicht mehr dorthin. Ja, auch der zunehmende Tourismus verändert meine Reiseziele, denn dort, wo zu viele Menschen sich ansammeln, verändern sie die Natur und das Verhalten der Menschen, die dort wohnen.
Gibt es noch einen Ort, eine Landschaft oder eine Reise, von der du sagst: Dorthin möchte ich unbedingt noch?
Durch meine Art das langsamen Reisen und der monatelangen Aufenthalte sind noch sehr viele Reiseziele übrig geblieben. Meine nächsten Ziele befinden sich im Baltikum, vor allem Estland zieht mich an, und dann Skandinavien. Mein Traum ist es, einige zeitlang bei den Sami zu leben, den Rentiernomaden in Finnland.

Liebe Carmen, vielen herzlichen Dank fürs Beantworten meiner Fragen!
Infobox: Carmen Rohrbach
Carmen Rohrbach wurde 1948 in Bischofswerda geboren und zählt zu den bekanntesten Reiseschriftstellerinnen im deutschsprachigen Raum. Sie studierte Biologie, promovierte am Max-Planck-Institut für Verhaltensforschung in Seewiesen und erforschte unter anderem das Leben der Meerechsen auf den Galapagos-Inseln.
Bekannt wurde sie durch ihre Reisebücher, in denen sie von Expeditionen und langen Reisen nach Asien, Afrika, Südamerika, Arabien und Europa erzählt. Viele ihrer Reisen unternahm sie allein – manchmal begleitet von einem Dromedar, Pferd oder Esel.
Zu ihren Büchern zählen unter anderem:
Unterwegs sein ist mein Leben, Auf der Insel der Gletscher und Geysire, Wildes Kasachstan, Mein Ammersee, Abenteuer Elbsandsteingebirge und Solange ich atme.
Neues Buch:
Ihr aktuelles Buch heißt „Der Kernbeißer“. Darin geht es nicht um eine klassische Reise in die Ferne, sondern um eine innere Erfahrung. Im Mittelpunkt steht Steffi, eine Forschungsreisende, die das Alleinsein kennt und gewohnt ist, sich durch unwirtliche Gegenden zu bewegen.
Mehr über Carmen Rohrbach:
Informationen zu ihren Büchern, Vorträgen und Reisen findest du auf ihrer offiziellen Website.
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GUDRUN KRINZINGER
Reiseblog von einer reiselustigen, strickbegeisterten, lesesüchtigen und fotografiewütigen Oberösterreicherin mit Hauptsitz Wien und Alte Donau.
Seit 2010 schreibe ich über meine Reisen auf dem Blog Reisebloggerin.at.
ein sehr schönes und interessantes interwiev, obwohl ich carmen gut kenne, erfahre ich trotzdem immer noch neues. ja, sie hat auch schon einen langen weg hintersich und hoffentlich noch einiges vorsich… sie ist einfach eine einzigartige, liebenswerte person
und für mich eine bereicherung. danke auch an sie, dass sie so interessante fragen stellten.
Liebe Inge, vielen Dank für Dein Kommentar!