Mit der Waldviertelbahn durchs Waldviertel
Schon als Angelika und ich am Bahnhof in Gmünd ankommen, ist klar, dass dieser Tag anders wird als eine normale Zugfahrt. Von Wien aus ist das Waldviertel schließlich doch ein gutes Stück entfernt, und weil wir möglichst viel vom Tag haben wollen, stehen wir bereits gegen neun Uhr am Bahnhof – also ungefähr eine Stunde vor der eigentlichen Abfahrt der Waldviertelbahn. Einerseits wollen wir natürlich viele Fotos und Filme machen, andererseits sind wir einfach neugierig: Ist schon viel los? Und vor allem: Ist die Dampflok schon da?
Genau diese zusätzliche Stunde ist eine richtig gute Entscheidung.
So können wir zusehen, wie die historische Lok langsam in den Bahnhof fährt. Rundherum laufen Menschen mit Kameras herum, die ersten Kinder staunen über die Dampfwolken der Lok, und manche Fahrgäste wirken, als würden sie sich seit Wochen genau auf diesen Tag freuen. Unsere Fahrt ist nämlich nicht irgendeine Fahrt der Waldviertelbahn, sondern eine Jubiläumsfahrt. Die historische Dampflok feiert an diesem Tag ihren 120. Geburtstag – und entsprechend besonders ist die Stimmung am Bahnhof.


Ein Blick in den Lokführerstand
Noch bevor wir unsere Plätze in der Waldviertelbahn suchen, werden wir vom Heizer eingeladen, einen Blick in den Führerstand zu werfen. Natürlich kraxeln wir sofort hinauf. Zwischen Kohle, Hebeln, Kolben und viel Hitze erklärt er uns geduldig, wie eine Dampflok funktioniert. Ganz ehrlich: Das meiste ist technisch deutlich komplexer, als ich gedacht hätte. Eine Prüfung würde ich danach vermutlich nicht bestehen, aber spannend ist es trotzdem.
Vor allem eine Zahl bleibt hängen: Rund 1,5 Tonnen Steinkohle braucht die Lok für die gesamte Fahrt – 1,5 Tonnen, die der Heizer Schaufel für Schaufel in den Heizkessel füllt.
Aber noch etwas bleibt hängen: seine Warnung, besser nichts anzugreifen. Nicht nur, weil wir sonst wegen des Kohlenstaubs schwarz werden, sondern auch, weil man sich am Dampfkessel verbrennen kann.

Im Führerstand der historischen Dampflok

Es quietscht, ruckelt und dampft
Als der Schaffner schließlich sein Signal gibt und sich die Waggons langsam in Bewegung setzen, ist plötzlich dieses Geräusch da, das wahrscheinlich viele noch aus Kindheitstagen kennen: das Quietschen und Ruckeln, das Scheppern zwischen den Waggons und irgendwo vorne das Zischen der Dampflok. Nichts daran wirkt modern oder effizient – und genau das macht den Reiz aus.
Wir haben unseren Platz direkt vor dem Jausenwaggon gefunden, was sich im Laufe des Tages noch als ziemlich gute Entscheidung herausstellen wird.


Langsam unterwegs Richtung Litschau
Während wir ganz gemütlich Richtung Litschau tuckern, fällt mir auf, wie gut dieses langsame Reisen eigentlich tut. Niemand hat Stress, niemand muss irgendwo schnell hin. Stattdessen sitzen Menschen am Fenster, schauen hinaus oder unterhalten sich über die Strecke. Und dann gibt es jene Fahrgäste, die offenbar jede einzelne Kurve kennen. Sie wissen genau, welches Dorf als nächstes kommt, wo die Lok besonders arbeiten muss und an welcher Stelle sich ein Blick aus dem Fenster besonders lohnt.
Apropos Jausenwaggon: Früher oder später zieht es uns natürlich dorthin. Allein die Tatsache, dass es einen eigenen Jausenwaggon gibt, macht die Fahrt sympathisch. Dort gibt es klassische Kleinigkeiten wie Liptauerbrot, Schmalzbrot, Mohnzelten, Kaffee und Wein.

Alt Nagelberg: Glastradition am Weg
Unser erster längerer Halt ist Alt Nagelberg. Wer nicht – so wie wir – beide Strecken an einem einzigen Tag fährt, könnte hier gut mehr Zeit einplanen. Der Ort ist vor allem für seine Glastradition bekannt. Es gibt eine Glashütte, einen Glasschaugarten, und überhaupt passt dieser Halt gut zum Waldviertel. Denn die Bahn verbindet nicht einfach nur Orte miteinander – sie verbindet Geschichten, Handwerk und Ausflugsmöglichkeiten entlang der Strecke.

Litschau: Kulturbahnhof, Herrensee und Museumswaggon
Nach ungefähr zwei Stunden erreichen wir schließlich Litschau. Viel Zeit haben wir hier nicht, weil wir später – wie schon geschrieben – noch die zweite Strecke Richtung Groß Gerungs fahren wollen. Trotzdem bekomme ich den Eindruck, dass sich ein längerer Aufenthalt lohnen würde.
Der Bahnhof wird nicht umsonst Kulturbahnhof genannt. Es gibt einen Museumswaggon, in dem man viel über die Geschichte der Waldviertelbahn erfährt. Alte Schautafeln, Relikte aus dem Eisenbahnbetrieb und historische Gegenstände machen die Vergangenheit der Bahn begreifbar.
Auch sonst spielt Kultur in Litschau eine große Rolle. Besonders rund um den Herrensee ist immer wieder etwas los – vom Schrammel.Klang.Festival bis zum Theaterfestival Hin & Weg. Der See liegt ganz in der Nähe des Bahnhofs und eignet sich wunderbar für einen Spaziergang am Wasser.
Besonders spannend finde ich heute aber etwas ganz anderes: das Umhängen der Lok.
Damit die Dampflok für die Rückfahrt wieder vorne ist, muss sie rangiert werden. Und plötzlich stehen wieder überall Zuschauer bereit. Es wird fotografiert, beobachtet und diskutiert. Und ich bin natürlich mittendrin.



Ein Blick in die Geschichte der Waldviertelbahn
Während der Rückfahrt nach Gmünd habe ich endlich Zeit, ein bisschen durchzuatmen. Vielleicht auch deshalb, weil die erste Aufregung vorbei ist. Irgendwann beginne ich, mich näher mit der Geschichte der Waldviertelbahn zu beschäftigen – und die ist tatsächlich ziemlich spannend. Die Bahn wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut, um das Waldviertel besser zu erschließen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Gmünd geteilt, Teile der Bahnanlagen lagen plötzlich auf tschechoslowakischem Gebiet und die Züge mussten zeitweise als sogenannte Korridorzüge fahren. Später verlor die Bahn ihre Bedeutung im regulären Personenverkehr und wurde schließlich zu jener touristischen Nostalgiebahn, wie ich sie heute erleben darf.
Wer während der Fahrt oder auch zuhause mehr über die Waldviertelbahn erfahren möchte, sollte sich unbedingt die App Hearonymus herunterladen. Dort gibt es einen Audioguide zur Waldviertelbahn mit vielen Geschichten zur Strecke, zu den Stationen und zur wechselvollen Vergangenheit der Bahn.

Von Gmünd weiter nach Groß Gerungs
Zurück in Gmünd steigen einige Fahrgäste aus. Für sie endet die Fahrt hier – oder sie nutzen den Aufenthalt für einen Abstecher in die Stadt oder in die Blockheide mit ihren Granitblöcken und Wackelsteinen. Wir bleiben sitzen. Unser Tag mit der Waldviertelbahn ist noch nicht vorbei, und schon nach einer kurzen Pause geht es weiter Richtung Groß Gerungs. Kaum setzt sich der Zug wieder in Bewegung, merke ich, dass diese Strecke einen ganz anderen Charakter hat.
Während es Richtung Litschau eher ruhig und fast verträumt durch Wälder und Teichlandschaften geht, wirkt die südliche Strecke der Waldviertelbahn anders. Nicht umsonst wird dieser Abschnitt auch „Waldviertler Semmering“ genannt. Die Strecke führt über Viadukte und – so fühlt es sich für mich zumindest an – durch engere Kurven als am bereits befahrenen Nordast.

Eine Kuh auf den Gleisen
Von einem tierischen Erlebnis darf ich auf diesem Streckenabschnitt auch berichten: Eine Kuh hat den Fahrplan der Waldviertelbahn offenbar noch nicht verinnerlicht. Oder sie stellt sich bewusst als Fotomotiv zur Verfügung, so genau weiß man das nicht. Auf jeden Fall beschließt sie, die Gleise zu inspizieren, und für einen kurzen Moment gehört die Strecke ihr. Dann klettert sie erstaunlich geschickt wieder den Hang hinauf, und wir können weiterdampfen.

Weitra und Bruderndorf
Unterwegs kommen wir auch durch Weitra. Wer Zeit mitbringt, kann hier problemlos noch einen zusätzlichen Ausflug anhängen. Die älteste Braustadt Österreichs mit Schloss, Altstadt und Museen eignet sich eigentlich perfekt dafür.
Was man in Weitra alles erleben kann, hat Angelika auf ihrem Blog aufgeschrieben: Weitra: Wirklich ganz oben im Waldviertel

Spannend ist auch unser Halt in Bruderndorf, wo Wasser für die Dampflok aufgenommen wird. Doch auf dem Stationsschild steht „Mariefred“. Liegt das nicht eigentlich in Schweden? Der Name führt zu Kurt Tucholsky und seinem Roman Schloß Gripsholm. Für die Verfilmung des Buches wurde die Station Bruderndorf zur schwedischen Kulisse – inklusive Umfärbelung einiger Waggons – und der Name Mariefred ist geblieben.
Wir – beziehungsweise natürlich unsere Dampflok – nehmen in Bruderndorf nicht nur Wasser auf. Die Lok wird auch geschmiert und kontrolliert. Kein Wunder: Immerhin hat sie schon 120 Jahre auf dem Buckel. Und so ein Alter erreicht man als Dampflok wohl nur, wenn man sich ordentlich um sie kümmert.
Solche Momente machen mir erst bewusst, wie anders historisches Reisen funktioniert. Moderne Züge fahren einfach los. Bei der Waldviertelbahn merke ich dagegen, wie viel Arbeit dahintersteckt, dieses Gefährt überhaupt in Fahrt zu bringen – und unterwegs am Laufen zu halten.


Groß Gerungs: Pause, Apfelstrudel und Ausflugsideen
In Groß Gerungs bleibt Zeit für eine kleine Pause. Wir nutzen sie vor allem sehr pragmatisch: etwas essen, kurz durchatmen und schauen, was die Lok so macht. Das kulinarische Angebot ist eher bodenständig – Frankfurter, Käsekrainer und Apfelstrudel. Der Apfelstrudel schmeckt richtig gut.
Wer mehr Zeit mitbringt als wir, kann Groß Gerungs aber durchaus als eigenen Stopp einplanen. Direkt beim Bahnhof gibt es den Waldviertelbahn-Themenweg mit Schautafeln zur Geschichte der Bahn und eine Ausstellung im historischen Gütermagazin. Außerdem ist Groß Gerungs ein guter Ausgangspunkt für Ausflüge in die Umgebung, etwa zur Kraftarena mit den fünf Kraftplätzen oder im Sommer zum Naturschwimmbad Groß Gerungs.

Waldviertelbahn und Radweg kombinieren
Wer mehr Bewegung braucht, kann die Fahrt übrigens perfekt mit dem Waldviertelbahn-Radweg kombinieren. Gerade an einem schöneren Tag kann ich mir gut vorstellen, das Fahrrad in den Zug zu packen, bis Groß Gerungs zu fahren und dort vom Waggon auf den Fahrradsattel umzusteigen. Der Radweg führt zurück nach Gmünd und verbindet Bahnfahren und langsames Reisen auf eine besonders schöne Art. Das hat mir schon beim Reblaus Express gut gefallen: erst gemütlich mit der Bahn fahren und danach die Landschaft aus eigener Kraft erleben. Wichtig: Die Fahrradmitnahme ist zwar kostenlos, muss aber unbedingt vorab reserviert werden.

Die alte Dame gut durch den Tag bringen
Wir bleiben an diesem Tag ganz bei der Bahn. Natürlich schauen wir wieder zu, wie die Lok rangiert wird – unter den wachsamen Augen aller Fahrgäste. Und ich merke einmal mehr, dass diese Fahrt nicht einfach „läuft“, sondern dass ständig jemand damit beschäftigt ist, die alte Dame gut durch den Tag zu bringen.
Die Heimfahrt verläuft dann deutlich ruhiger. Es werden weniger Fotos gemacht, viele Fahrgäste lehnen sich einfach zurück und schauen aus dem Fenster. Die Waldviertelbahn ruckelt, zuckelt, dampft und schnauft durch die Landschaft, und irgendwann ist genau das der schönste Teil des Tages: nichts mehr müssen, nur noch sitzen, schauen und sich vom Rhythmus der alten Waggons mitnehmen lassen.

Infobox: Waldviertelbahn
Streckenverlauf
Die Waldviertelbahn startet in Gmünd und teilt sich dort in zwei Streckenäste:
- Nordast: Gmünd – Alt Nagelberg – Litschau
- Südast: Gmünd – Weitra – Bruderndorf – Groß Gerungs
Fahrplan
Die Waldviertelbahn fährt saisonal, zusätzlich gibt es zahlreiche Sonder- und Themenfahrten.
Den aktuellen Fahrplan gibt es auf der Website der Niederösterreich Bahnen
Wichtige Stationen entlang der Strecke
- Gmünd: Ausgangspunkt der Waldviertelbahn, Anschluss zur Blockheide
- Alt Nagelberg: Glastradition, Glasschaugarten
- Litschau: Kulturbahnhof, Herrensee, Museumswaggon
- Weitra: Schloss, Altstadt, Braukultur
- Bruderndorf / „Mariefred“: Wasserstation der Dampflok
- Groß Gerungs: Themenweg, Ausflugsziele in der Umgebung
Themen- und Sonderfahrten
Die Waldviertelbahn bietet das ganze Jahr über zahlreiche Themenfahrten an, darunter:
- Dampflokfahrten
- Advent- und Nikolauszüge
- Genussfahrten
- Familienfahrten
- Bier- und Gulaschzüge
- Nostalgiefahrten mit historischen Waggons
Tickets
Tickets können online, direkt am Bahnhof oder im Zug gekauft werden.
Fahrradmitnahme
Die Fahrradmitnahme ist kostenlos, muss aber vorab reserviert werden.
Offenlegung: Dieser Artikel entstand in entgeltlicher Kooperation mit den Niederösterreich Bahnen.
Reisebloggerin Gudrun Krinzinger fährt mit der Waldviertelbahn
GUDRUN KRINZINGER
Reiseblog von einer reiselustigen, strickbegeisterten, lesesüchtigen und fotografiewütigen Oberösterreicherin mit Hauptsitz Wien und Alte Donau.
Seit 2010 schreibe ich über meine Reisen auf dem Blog Reisebloggerin.at.
