24 Stunden in Retz: Vom Reblaus Express bis zur Nachtwächterführung
Retz und ich, das ist eine Geschichte in Etappen. Bei meinen früheren Besuchen war ich schon im Sommer, im Herbst und im Winter hier. Ich bin über den Hauptplatz spaziert, zur Windmühle hinaufgewandert, war im Fahrradmuseum und im Retzer Erlebniskeller. Damals schrieb ich meinen Artikel „Kommt Zeit, kommt Retz“ – und der Titel passt immer noch ziemlich gut. Denn schon damals wusste ich: Irgendwann komme ich wieder.
Diesmal war es endlich so weit. Zum ersten Mal besuchte ich Retz im Frühling. Und ich hatte mir vorgenommen, ein paar Dinge nachzuholen, die bei meinen letzten Besuchen immer auf der Liste geblieben waren. Ganz oben standen eine Fahrt mit dem Reblaus Express und die Nachtwächterführung. Beides hatte ich mir schon lange vorgenommen, beides passte nun endlich in diesen kurzen Retz-Aufenthalt.
Ich war nur von Freitag bis Samstag in der Stadt. Eine Nacht also und eigentlich viel zu kurz. Und trotzdem passte erstaunlich viel in diese 24 Stunden im Weinviertel.

Ankommen in Retz und gleich weiter mit dem Reblaus Express
Kaum war ich in Retz angekommen, ging es auch schon weiter. Allerdings nicht hektisch, sondern ziemlich gemütlich: mit dem Reblaus Express von Retz nach Drosendorf und wieder retour.
Der Name Reblaus Express führt allerdings ein wenig in die Irre. Schnell ist der Reblaus Express nämlich nicht. Zumindest nicht, wenn man darunter einen Zug versteht, der möglichst flott von A nach B fährt.
Beim Reblaus Express geht es eben nicht darum, möglichst schnell anzukommen. Es geht ums Unterwegssein. Um alte Waggons, offene Fenster, das Ruckeln auf den Schienen, das Quietschen der Räder und den Blick hinaus in die Landschaft und dieses Gefühl, für ein paar Stunden aus dem Alltag auszusteigen.
Und dann gibt es noch ein Detail, das den Reblaus Express endgültig von einem normalen Zug unterscheidet: den Heurigenwaggon. Dort kann man sich während der Fahrt mit Wein, Mehlspeisen oder frisch belegten Speckstangerln versorgen. Also ehrlich: Zugfahren mit Weinviertler Verpflegung im Heurigenwaggon – das sollte wirklich jeder einmal gemacht haben.


Zur Windmühle Retz – und mitten hinein ins Windmühlenfest
Zurück in Retz führte mich mein Weg geradewegs zur Windmühle. Die Retzer Windmühle steht oberhalb der Stadt, mitten in den Weingärten, und ist eines dieser Motive, die man einfach fotografieren muss. Auch wenn man – so wie ich – schon öfter dort war.
Bei meinem Besuch war Windmühlenfest. Und da war richtig viel los.
Menschen, Musik, Essen, Handwerk, Kinderprogramm – die Windmühle war nicht nur Fotomotiv, sondern Mittelpunkt eines lebendigen Festes. Ich mag solche Momente, wenn eine Sehenswürdigkeit nicht nur „besichtigt“ wird, sondern Teil des Lebens vor Ort ist.
Die Windmühle ist für mich ohnehin ein besonderer Ort. Sie steht so schön oberhalb der Stadt, dass man schon beim Hinaufgehen merkt, warum sie zu den Wahrzeichen von Retz gehört. Rundherum die Weingärten, dahinter die Stadt, und schon sieht alles ein bisschen nach Bilderbuch-Weinviertel aus.
Wann immer man in Retz ist, sollte man eine Windmühlenführung einplanen (hier geht’s zur Online Buchung). Ich habe zwar gelernt, dass die Retzer Windmühle nicht mehr die einzige funktionstüchtige Windmühle Österreichs ist – eine weitere steht in Podersdorf am Neusiedler See –, aber das macht nichts. Besonders ist sie trotzdem. Und spätestens bei einer Führung merkt man, wie viel Handwerk, Technik und Geschichte in diesem Bauwerk stecken.


Am Abend mit dem Nachtwächter durch Retz
Am Abend stand einer der Programmpunkte auf dem Plan, auf den ich mich besonders gefreut habe: die Nachtwächterführung durch Retz. Ich habe solche Nachtwächterführungen schon in Linz und Freistadt gemacht, und es war jedes Mal ein Erlebnis.
Und ich nehme es gleich vorweg: Auch die Nachtwächterführung in Retz war sehr, sehr super.
Tagsüber wirkt Retz so hell und offen. Der Hauptplatz ist weit, die Fassaden leuchten in der Sonne, man schaut auf Häuser, Brunnen und den Rathausturm. Am Abend verändert sich die Stimmung. Die Gassen werden stiller, die Schatten länger und die Geschichten rücken näher.
Nachtwächter Robert war natürlich standesgemäß ausgestattet: mit Umhang, Hellebarde und Laterne. Schon allein dadurch hatte die Führung sofort die richtige Atmosphäre. Aber es blieb nicht bei der schönen Kulisse. Er erzählte vom Leben der Nachtwächter, von ihren Aufgaben, von der Stadtgeschichte und davon, wie Retz früher funktioniert hat. Gleichzeitig gab er auch Tipps, was man sich in Retz noch anschauen sollte.
Besonders angenehm fand ich, wie aufmerksam er durch die Führung leitete. Er hatte die ganze Gruppe im Blick, erzählte lebendig, baute immer wieder kleine Witze ein und verlor dabei trotzdem nie die Geschichte aus den Augen.
Für mich war die Nachtwächterführung einer der Höhepunkte meines Kurztrips. Retz bei Nacht zu erleben, mit Laterne, Geschichten und diesem besonderen Blick auf die Stadt, war wirklich etwas Besonderes.


Fahrradfahren rund um Retz – aber bitte die kurze Runde
Retz und Fahrradfahren passen sehr gut zusammen. Das Weinviertel ist eine Landschaft für Genussradlerinnen und Genussradler, aber durchaus auch für alle, die ihre Wadln ein bisschen spüren wollen.
Ich habe mir allerdings den kürzesten Radweg ausgesucht: den Wünschelrutenradweg.
Man muss ja realistisch bleiben.
Das eigene Fahrrad braucht man übrigens nicht unbedingt mitzubringen. Sowohl im Althof Retz, wo ich gewohnt habe, als auch bei der Retzer Gästeinfo kann man Räder ausleihen, E-Bikes gibt es natürlich auch. Praktisch ist außerdem, dass es unglaublich viele Radwege rund um Retz gibt. Kartenmaterial bekommt man vor Ort, die Routen kann man sich dann direkt aufs Handy laden.
Ich bin am Samstag recht früh gestartet. Da waren noch nicht so viele Radler unterwegs. Die kamen erst gegen Mittag. Und ich muss sagen: So ein ruhiger Start durch die Landschaft hat schon etwas.


Rauf auf den Rathausturm
Nach der Fahrradtour ging es wieder hinauf. Diesmal nicht zur Windmühle, sondern auf den Rathausturm.
Für mich ist das ein Pflichtbesuch in Retz. Ich habe auch auf Instagram geschrieben: Wer nicht am Rathausturm war, war nicht in Retz.
Ich mag generell Ausblicke von oben. Nicht unbedingt wegen der Stufen, aber wegen des Moments, wenn man oben ankommt. Plötzlich liegt die Stadt unter einem. Alles, was man vorher zu Fuß erlebt hat, setzt sich von oben noch einmal neu zusammen.
In Retz lohnt sich dieser Blick besonders. Der Hauptplatz wirkt von oben noch einmal größer, und auch die Windmühle rückt winzig klein in die Landschaft.
Außerdem ist der Rathausturm ein schöner Gegenpol zum Erlebniskeller, der später noch auf meinem Programm stand. Erst hinauf über die Dächer, dann hinunter unter die Stadt. Wenn man beides macht, hat man Retz gewissermaßen von oben und unten gesehen.


Hinunter in den Retzer Erlebniskeller
Nach dem Blick vom Rathausturm ging es in die Gegenrichtung: hinunter in den Retzer Erlebniskeller.
Der Retzer Erlebniskeller gehört zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Unter Retz liegt ein weit verzweigtes System aus Kellern und Gängen. Man geht durch eine unterirdische Welt, die viel über die Geschichte der Stadt erzählt: über Wein, Handel, Lagerung und Wohlstand, aber auch über die Bedeutung des Weins in unterschiedlichen Kulturen.
Die Führung beginnt direkt beim Rathausturm. Das fand ich besonders schön, weil man dort zuerst ein paar Eckpunkte zur Stadtgeschichte erfährt. Außerdem wurden uns die Belüftungen des Kellers gezeigt. Zuerst sahen wir sie von oben, später dann von unten.
Ich war schon früher einmal im Erlebniskeller und fand ihn auch diesmal wieder beeindruckend. Die Führung endet schließlich mit einer Weinprobe in der Gebietsvinothek Retzer Land. Und damit schließt sich der Kreis: Die Vinothek befindet sich im Althof Retz – genau dort, wo ich bei diesem Kurztrip übernachtet habe, genau wie schon vor zehn Jahren.


Übernachten im Althof Retz
Meine Basis für diesen Kurztrip war der Althof Retz. Das passte perfekt, denn wenn man nur 24 Stunden in Retz hat, ist es angenehm, mitten in der Stadt zu wohnen. Der Hauptplatz ist schnell erreicht, die Nachtwächterführung startet praktisch vor der Haustür, und auch nach einem langen Besichtigungstag ist der Weg zurück ins Hotel nicht weit.
Bei der Nachtwächterführung erfuhren wir, dass der Althof in der ehemaligen Burg untergebracht ist. Auch im VinoSPA des Althof Retz begegnet einem diese Geschichte: Ein Becken befindet sich im ehemaligen Stadtturm.
Ich habe das VinoSPA diesmal nur kurz besucht. Ausführlich gepriesen habe ich es bereits in meinem letzten Artikel über den Althof Retz. Und ja, damals hatten dort auch die Weingeister ihren großen Auftritt. Ganz sicher bin ich mir nicht, ob sie noch immer in den Winzerzimmern wohnen. Aber in Retz sollte man solche Dinge besser nie ganz ausschließen. Hier geht es zum Artikel: Althof Retz: Wellness, Wein und Weingeister


Noch mehr Tipps für Retz
Auch wenn mein Kurztrip nach Retz ziemlich gut gefüllt war, blieb zwischendurch noch Zeit für ein paar kleine Entdeckungen. Für mich muss nicht jeder Programmpunkt groß sein. Oft genügt ein Marktbesuch, ein Kaffeehaus, ein Eis oder ein paar Minuten in einer Buchhandlung, damit mir eine Stadt noch sympathischer wird.
Genussmarkt am Hauptplatz
Wenn du an einem Samstag in Retz bist, lohnt sich ein Besuch am Genussmarkt am Hauptplatz. Dort gibt es regionale Produkte, man kann kosten, einkaufen und ein bisschen Weinviertel mit nach Hause nehmen.
Café am Znaimertor
Eigentlich war das Café am Znaimertor nur als Kaffeepause geplant. Am Ende wurde daraus eine Käseplattenjause mit Wein. Der Besitzer war super freundlich und hat mich auch bei der Weinauswahl beraten. Alles in allem war es ein sehr gemütlicher Stopp – genau richtig nach der Fahrt mit dem Reblaus Express und dem Windmühlenfest.

Buchhandlung am Hauptplatz
Natürlich musste ich auch in der Buchhandlung Frau Hofer am Hauptplatz stöbern. Buchhandlungen sind für mich auf Reisen ja immer gefährliche Orte. Eigentlich will ich nur kurz schauen – und bleibe dann doch länger als geplant.
Eis aus der Konditorei Wiklicky
Zum Abschluss holte ich mir noch ein Eis bei der Konditorei Wiklicky. Und was soll ich sagen? Es war eine Offenbarung.
Gelockt hatte mich das Schild „Konditoreis“. Die Sorten klangen außergewöhnlich: roter Traubensaft, Mohn und – auf Empfehlung des Besitzers – Granatapfel. Wobei ich zugeben muss: Auch die Cremeschnitten und Punschkrapferl lachten sehr verlockend aus der Mehlspeisevitrine.
Allein wegen dieses Eises muss ich wieder einmal nach Retz.

Kommt Zeit, kommt Retz
Vor Jahren schrieb ich: Kommt Zeit, kommt Retz.
Nach diesem Kurztrip würde ich ergänzen: Kommt wenig Zeit, kommt trotzdem Retz.
Denn eigentlich war ich nur von Freitag bis Samstag in der Stadt und habe trotzdem viel erlebt.
Andere Orte würden bei so einem Programm wahrscheinlich hektisch wirken. Retz nicht. Retz macht einfach weiter in seinem eigenen Tempo. Der Reblaus Express ist kein Express, der Nachtwächter hat Zeit für Geschichten, und selbst ein Eis wird zum Grund, wiederzukommen.
Vielleicht ist genau das das Schöne an Retz. Man muss nicht alles auf einmal sehen. Man kann wiederkommen: Im Sommer, im Herbst, im Winter – und natürlich auch im Frühling.



Offenlegung: Die Reise nach Retz erfolgte auf Einladung von den Niederösterreich Bahnen und vom TVB Retz.
GUDRUN KRINZINGER
Reiseblog von einer reiselustigen, strickbegeisterten, lesesüchtigen und fotografiewütigen Oberösterreicherin mit Hauptsitz Wien und Alte Donau.
Seit 2010 schreibe ich über meine Reisen auf dem Blog Reisebloggerin.at.