Villa Primavesi: Jugendstil, Gustav Klimt und eine fast verlorene Geschichte
Schon einen Tag vor meiner geplanten Besichtigung bin ich neugierig um die Villa Primavesi herumgeschlichen und habe erste Fotos gemacht. Eine Stunde vor der Führung saß ich dann im Garten der Villa im kleinen Café und ließ die Atmosphäre auf mich wirken.
Doch erst beim Betreten der für mich beinahe heiligen Hallen wurde mir klar, dass mein Schritt über die Schwelle zugleich ein Eintritt in eine andere Welt war. Es war die Welt von Gustav Klimt, der Wiener Werkstätte, verschwundenen Kunstwerken und einer außergewöhnlichen Familie, die zu den wichtigsten Förderern des Wiener Jugendstils gehörte.


Ein Stück Wien mitten in Olmütz
Als ich die Villa von außen betrachte, fällt mir sofort auf, wie ungewöhnlich sie für Olmütz wirkt. Zwar ist der Jugendstil klar erkennbar, gleichzeitig finden sich barocke Elemente wie Rundbogenfenster oder das hohe Mansardendach. Die Villa sollte sich bewusst in die historische Umgebung einfügen. Dann steige ich die Stufen zur Eingangstür empor, wo bunte Mosaike sofort den Blick auf sich ziehen.
Doch mein erster echter Wow-Moment ist die unglaubliche Größe und Wuchtigkeit des ersten Raumes, der Halle. Trotz Kamin und dunklem Holz wirkt dieser Raum erstaunlich offen und auch luftig.
Diese Halle war das gesellschaftliche Zentrum des Hauses. Von hier aus verteilten sich die Räume der Familie – Esszimmer, Zimmer des Hausherrn, Salon der Dame des Hauses und sogar ein Krankenzimmer. Im Obergeschoss lagen einst die privaten Räume der Familie: die Kinderzimmer, das Schlafzimmer der Eltern, das Badezimmer und das Zimmer der Erzieherin. Unter dem hohen Mansardendach befanden sich außerdem Gästezimmer und die Räume des Personals.
Bei den Führungen werden allerdings nur die Räume im Erdgeschoss gezeigt, die restlichen Bereiche der Villa sind vermietet und daher nicht zugänglich. Trotzdem bekommt man ein gutes Gefühl dafür, wie modern die Villa damals war. Es gab einen eigenen Stromgenerator, ein zentrales Absaugsystem und sogar einen zweistöckigen Weinkeller, der heute allerdings ebenfalls nicht zugänglich ist.
Doch wer war eigentlich die Familie, die sich mitten in Olmütz eine derart außergewöhnliche Jugendstilvilla errichten ließ?




Die Familie Primavesi und die Wiener Werkstätte
Die Familie Primavesi stammte ursprünglich aus der Lombardei und kam über Umwege nach Mähren, wo sie in Olmütz ein Bankinstitut betrieb. In der fünften Generation wurde 1868 Otto Primavesi geboren, der mit 26 Jahren die Schauspielerin Eugenie Butschek heiratete.
Gemeinsam bewegten sie sich im kulturellen Umfeld der Wiener Secession und unterstützten Künstler und Kunsthandwerker der Wiener Werkstätte. Namen wie Josef Hoffmann, Koloman Moser oder Anton Hanak tauchen im Umfeld der Familie immer wieder auf. Otto Primavesi war dabei nicht nur Förderer, sondern übernahm später auch eine zentrale Rolle in der Wiener Werkstätte. Von 1915 bis 1925 stand sie unter seiner Führung.
Zwischen 1905 und 1906 ließen sich Otto und Eugenie Primavesi dann mitten in Olmütz ihre außergewöhnliche Jugendstilvilla erbauen.
Bis heute spürt man, dass dieses Haus nicht einfach nur repräsentativ sein sollte. Die Idee war vielmehr, Kunst und Alltag miteinander zu verbinden. Möbel, Fenster, Mosaike und selbst kleine Details wurden als Gesamtkunstwerk gedacht – ganz im Sinne der Wiener Werkstätte.



Gustav Klimt war hier zu Gast
Gustav Klimt war wohl einer der berühmtesten Gäste der Familie Primavesi und verbrachte die letzten beiden Silvester seines Lebens hier mit der Familie. Insgesamt besaßen die Primavesis 17 Werke des Künstlers und damit zeitweise die weltweit größte private Klimt-Sammlung.
Für die Familie malte Klimt mehrere Bilder, darunter auch die berühmten Porträts von Eugenie Primavesi und ihrer Tochter Mäda. Besonders die Geschichte rund um Mäda blieb mir in Erinnerung. Das Bild entstand zu ihrem neunten Geburtstag und gilt als einziges Kinderporträt, das Klimt je malte.
Heute hängen die Originale allerdings nicht mehr in der Villa. Das Porträt von Mäda Primavesi befindet sich heute im Metropolitan Museum of Art in New York, jenes von Eugenie Primavesi in einem Museum im japanischen Toyota.
Überhaupt wirkt die Geschichte der Kunstwerke der Familie fast wie ein Krimi. Viele Bilder wurden verkauft, andere gingen verloren oder wurden während des Zweiten Weltkriegs zerstört.

Anton Hanak und die vielen Details
Je länger ich mich in der Villa aufhalte, desto mehr entdecke ich. Neben Gustav Klimt war vor allem der Bildhauer Anton Hanak einer der prägendsten Künstler dieses Hauses. Der aus Brünn stammende Künstler war eng mit der Familie Primavesi verbunden und gestaltete zahlreiche Details der Villa. Er entwarf Möbel, Mosaike und dekorative Elemente.
Auffallend ist zum Beispiel das runde Mosaik neben dem Kamin in der Halle. Das Motiv stammt von Hanak, umgesetzt wurde es allerdings gemeinsam von der Familie und ihren Kindern.
Der Rundgang führt uns anschließend in den nächsten Raum, das Speisezimmer. Auch hier entwarf Anton Hanak die Möbel eigens für die Familie. Dass der Raum heute wieder so geschlossen wirkt, ist eigentlich ein kleines Wunder: Viele Möbelstücke galten lange als verschwunden und mussten mühsam wiedergefunden oder rekonstruiert werden.



Die Räume der Villa Primavesi
Nach dem Speisezimmer führt der Rundgang weiter in den Wintergarten. Früher war dieser Bereich eine teilweise verglaste Loggia. Später, in der Zeit der Poliklinik, wurde er wie das Speisezimmer ein Teil der Turnhalle. Heute erfährt man hier vor allem mehr über Anton Hanak und seine Arbeiten für die Villa. Fotografien zeigen einige seiner Werke, die einst Haus und Garten schmückten.


Schließlich geht es auf den schmalen Balkon und von dort aus lugen wir durch das Fenster in das Zimmer des Hausherrn, das wir als nächstes besichtigen.
Dieses ursprüngliche „schwarze Zimmer“ von Otto Primavesi gilt heute als verschollen. Es existieren nur noch historische Aufnahmen davon. Einst befanden sich hier ein schwarzes Bücherregal aus den Wiener Werkstätten, ein Schreibtisch, Sessel, Stühle und weitere Möbelstücke.

Danach folgt die sogenannte Galerie. Ursprünglich führte dieser Bereich hinaus auf die Terrasse. In den 1930er Jahren wurden hier Doppeltüren eingebaut, um den Raum abzutrennen. Später nutzte ihn der Leiter des Sanatoriums als privaten Wohnbereich. In der Zeit der Poliklinik diente die Galerie als Warteraum, mit Sprechzimmern auf beiden Seiten. Heute hängen hier Porträts des deutschen Künstlers William Unger. Besonders auffällig ist außerdem die Skulptur von Gustav Klimt mit Katze, die der Bildhauer Peter Steffan nach einer alten Schwarz-Weiß-Fotografie anfertigte.

Zum Schluss betreten wir den Salon von Eugenie Primavesi, das Zimmer der Dame des Hauses. Die ursprüngliche Einrichtung wurde nach Entwürfen von Josef Hoffmann von den Wiener Werkstätten gefertigt, später jedoch in das Schloss Úsov gebracht. Die heutige Einrichtung stammt aus dem Heimatmuseum in Olmütz und wurde möglichst originalgetreu arrangiert. Hier hängen auch Kopien der berühmten Klimt-Porträts von Eugenie Primavesi und ihrer Tochter Mäda.

Vom Familiensitz zum Sanatorium
Die Familie Primavesi lebte nur rund zwölf Jahre in der Villa. Nach dem Ende der Monarchie änderte sich für sie vieles. Sie verlor nicht nur einen großen Teil ihrer finanziellen Mittel, sondern auch ihren politischen und gesellschaftlichen Einfluss in Olmütz. Schließlich zog die Familie nach Wien und begann, ihren Besitz in Mähren nach und nach zu verkaufen.
1923 wurde dann die Villa verkauft. Wenige Jahre später bekam das Haus eine völlig neue Funktion: Es wurde in ein privates Sanatorium umgewandelt. Dafür veränderte man viele Räume grundlegend. Aus Kinderzimmern wurden Krankenzimmer, es kamen ein Kreißsaal und Operationsräume hinzu, und der einst so elegante Speisesaal wurde zeitweise sogar als Turnhalle genutzt.
Während der sozialistischen Zeit diente das Gebäude schließlich als Poliklinik. Von der ursprünglichen Wohnvilla war damals nicht mehr viel zu spüren. Erst nach 1990 begann langsam die Rettung des Hauses. Doch auch diese Phase war schwierig: Mehrfach wurde eingebrochen, Teile der Ausstattung verschwanden, Möbel wurden an unbekannte Orte gebracht, andere tauchten erst Jahre später wieder auf.
Die Eigentümerin versucht seit Jahren, die Villa zu erhalten, verlorene Details aufzuspüren und dieses außergewöhnliche Stück Jugendstilgeschichte wieder zum Leben zu erwecken. Umso schöner ist es, dass zumindest Teile der Villa heute wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sind.


Warum sich ein Besuch lohnt
Die Villa Primavesi war einer der Gründe, warum ich unbedingt nach Olmütz wollte. Tickets konnte ich ganz unkompliziert über die Homepage buchen. Die Führungen finden auf Tschechisch statt und dauern etwa 40 Minuten. Ich bekam allerdings ein Booklet auf Deutsch zur Verfügung gestellt und konnte jederzeit Fragen stellen, die dann auf Englisch beantwortet wurden. Die Dame vor Ort war sehr engagiert und hat viel erzählt.
Mich hat an der Villa Primavesi vor allem fasziniert, wie viele Geschichten hier zusammenkommen: Jugendstil, Wiener Werkstätte, Gustav Klimt, Architektur, Familiengeschichte und politische Umbrüche. Alles verdichtet sich in einem einzigen Haus. Gleichzeitig ist sie ganz anders als die Villa Tugendhat in Brünn, die ich ebenfalls in diesem Jahr besucht habe. Dort beeindruckten mich vor allem die klare Moderne, die Weite und die radikale Reduktion.
Für mich war die Villa Primavesi deshalb weit mehr als nur eine schöne Jugendstilvilla. Sie war einer der eindrucksvollsten Orte meines Aufenthalts in Olmütz – und ein Besuch, den ich besonders allen empfehlen würde, die sich für Architektur und Kunstgeschichte interessieren.


Infokasten zur Villa Primavesi
- Adresse: Univerzitní 224/7, Olomouc
- Besichtigung: nur im Rahmen einer Führung möglich
- Sprache: Führungen auf Tschechisch, deutsches Booklet verfügbar
- Dauer: ca. 40 Minuten
- Tickets: online über die Website der Villa buchbar
- Tipp: Vor oder nach der Führung im kleinen Café im Garten Platz nehmen
- Gut zu wissen: Besichtigt werden nur Räume im Erdgeschoss; andere Bereiche sind vermietet und nicht zugänglich.
Offenlegung: Die Einladung nach Olmütz erfolgte von der tschechischen Zentrale für Tourismus.
Reisebloggerin Gudrun Krinzinger in der Villa Primavesi
GUDRUN KRINZINGER
Reiseblog von einer reiselustigen, strickbegeisterten, lesesüchtigen und fotografiewütigen Oberösterreicherin mit Hauptsitz Wien und Alte Donau.
Seit 2010 schreibe ich über meine Reisen auf dem Blog Reisebloggerin.at.
