Circus- und Clownmuseum Wien
Als ich das Circus- und Clownmuseum Wien im zweiten Gemeindebezirk betrete, erwarte ich rote Nasen, übergroße Schuhe und vielleicht ein paar alte Zirkusplakate. Bekommen habe ich etwas anderes. Nämlich eine Reise durch die Wiener Unterhaltungsgeschichte – von den großen Varietés über die Zirkusse des Praters bis hin zu Zauberkünstlern, Schaustellern und Wiener Originalen.

Die Geschichte beginnt in einer Privatwohnung
1927 begann der Wiener Journalist, Clown und Sammler Heino Seitler damit, Erinnerungsstücke aus der Welt des Zirkus und der Clownerie zusammenzutragen. Programme, Plakate, Fotografien, Kostüme und Requisiten fanden nach und nach ihren Weg in seine Sammlung. Zunächst waren diese Schätze in seiner Privatwohnung untergebracht.
Die Sammlung wuchs stetig. Im Zweiten Weltkrieg ging zwar vieles verloren, doch Heino Seitler begann danach erneut zu sammeln.
1968 wurde schließlich das Österreichische Circus- und Clownmuseum Wien gegründet und im Bezirksmuseum Leopoldstadt untergebracht. Seit damals gehört das Museum zur Arbeitsgemeinschaft der Wiener Bezirks- und Sondermuseen.
In den folgenden Jahrzehnten kamen immer neue Objekte hinzu. Viele bekannte Künstlerinnen und Künstler, Artisten, Zauberkünstler und Zirkusdirektoren spendeten Erinnerungsstücke. So wuchs nicht nur die Sammlung, sondern auch das Archiv des Museums, das heute sogar von Historikern und Universitäten genutzt wird.
Ein wichtiger Meilenstein war das Jahr 2011. Nach langer Suche konnten am Ilgplatz neue Räumlichkeiten bezogen werden. Dort stehen heute rund 400 Quadratmeter Ausstellungsfläche zur Verfügung.
Besonders beeindruckend finde ich, dass das Museum bis heute ehrenamtlich geführt wird. Andreas Swatosch und sein Bruder Michael setzen die Arbeit fort, die Heino Seitler vor fast hundert Jahren begonnen hat und Andreas ist es auch, der mich heute durch das Museum führt.

Erste Station: Der Wiener Prater als Vergnügungswelt
Das Circus- und Clownmuseum erzählt nicht nur die Geschichte von Clowns und Artisten. Es erzählt auch die Geschichte des Wiener Praters.
Andreas Swatosch führt mich zu einigen eher unscheinbaren Holzköpfen. Auf den ersten Blick wirken sie wie alte Jahrmarktfiguren. Tatsächlich stammen sie aus einer Praterattraktion, bei der Besucher mit sogenannten „Fetzenlaberln“ auf Hüte werfen mussten. Traf man den Hut, klappte er nach hinten.
Heute wirken diese Figuren fast skurril. Doch sie erzählen von einer Zeit, in der der Prater das Zentrum der Wiener Unterhaltung war. Lange bevor es Fernsehen, Internet oder Streamingdienste gab, kamen die Menschen hierher, um sich zu amüsieren, zu staunen und Neues zu entdecken.
Menschen ließen sich von Artisten verblüffen, besuchten Kuriositätenkabinette oder sahen zum ersten Mal Kunststücke, die ihnen unglaublich erschienen.
Während Andreas erzählt, wird mir bewusst, wie eng die Geschichte des Zirkus mit jener des Praters verbunden ist. Viele Künstler, die später in den großen Varietés und Zirkussen auftraten, begannen ihre Karriere genau hier.

Als Wien eine Stadt der Varietés war
Von den Praterattraktionen führt Andreas den Bogen zu einer weiteren Welt der Unterhaltung: den Varietés.
Heute denke ich beim Ronacher zuerst an Musicals. Früher war das anders. Wien war über viele Jahrzehnte eine Stadt der Varietés, der kleinen Theater und Unterhaltungslokale. Namen wie Ronacher, Orpheum oder Colosseum gehörten zu einer Vergnügungskultur, die das Stadtleben prägte.
Die Menschen gingen gerne ins Varieté. Dort wurde gegessen, getrunken und gleichzeitig zugeschaut. Unterhaltung war nicht still und ehrfürchtig, sondern laut, lebendig und manchmal ziemlich direkt. Wenn eine Nummer gefiel, wurde applaudiert. Wenn nicht, konnte es auch passieren, dass ein rohes Ei oder eine Tomate auf der Bühne landete.
Selbst das Kabarett Simpl begann als Bierkabarett – also als Ort, an dem das Publikum nebenbei aß und trank, während auf der Bühne gespielt wurde. Im Grunde war das die damalige Form von Abendunterhaltung: nicht im Wohnzimmer vor dem Fernseher, sondern mitten im Geschehen.
Wie der moderne Zirkus entstand
Vom Varieté ist es im Museum nur ein kleiner Schritt zur eigentlichen Zirkusgeschichte. Andreas führt mich zu den Anfängen des modernen Zirkus – und plötzlich lande ich nicht mehr im Wiener Prater, sondern im England des 18. Jahrhunderts.
Dort begründete Philip Astley in den 1770er-Jahren eine Reitschule, in der Kunstreiter ihre Vorführungen zeigten. Das Entscheidende dabei war die runde Manege. Durch ihre Form konnten die Reiter ihre Balance besser halten und Kunststücke auf dem Pferd zeigen. Die Manege, wie wir sie heute kennen, war geboren.
Zehn Jahre später entstand in Paris ein erstes festes Zirkusgebäude, und 1808 folgte in Wien mit dem Circus Gymnasticus bereits eines der frühen Zirkusgebäude auf dem europäischen Kontinent. Wien wurde damit früh zu einem wichtigen Ort in der Geschichte des modernen Zirkus.

Circus Renz und die große Wiener Zirkuszeit
Spätestens beim Circus Renz wird klar, welche Bedeutung Wien im 19. Jahrhundert für die Zirkuswelt hatte.
Eine große Rolle spielte dabei Ernst Renz, ein Zirkusunternehmer aus Berlin. Er ließ 1853 in der heutigen Zirkusgasse – damals noch Große Fuhrmanngasse – ein eigenes Zirkusgebäude errichten. Und das war durchaus beeindruckend: Der Circus Renz bot Platz für mehr als 3.000 Zuschauerinnen und Zuschauer.
Heute ist vom Gebäude nichts mehr übrig. Im Zweiten Weltkrieg wurde es beschädigt und später abgerissen. Im Museum haben aber einige Erinnerungsstücke überlebt – darunter ein Pferdekopf, der einst an der Fassade des Gebäudes befestigt war, ein Stuhl aus der Direktion und ein Prunkgeschirr aus dem Circus Renz.
Hinter dem Vorhang: Die Welt der Clowns
Irgendwann stehen Andreas und ich vor einem Vorhang. Dahinter beginnt der Raum der Clowns – und damit jener Teil des Museums, den ich wohl am ehesten erwartet hatte.
Hier begegnet man dem Dummen August und seinem Gegenspieler, dem Weißclown. Der Dumme August ist der Tollpatsch, der scheitert, stolpert, sich blamiert und trotzdem weitermacht. Der Weißclown dagegen ist der Besserwisser, der Obergescheite, derjenige, der dem August erklärt, wie es richtig geht.
Charlie Rivel und andere Clownlegenden
Natürlich gibt es in diesem Raum auch konkrete Namen. Andreas zeigt mir Kostüme und Erinnerungsstücke bekannter Clowns, darunter Charlie Rivel.
Der spanische Clown wurde im deutschsprachigen Raum mit seinem Ausspruch „Akrobat schöööön“ berühmt. Im Museum hängt ein Originalkostüm von ihm.
Von der Lotusflöte zur Salami-Klarinette
Spätestens bei den Musikinstrumenten wird es im Museum dann endgültig schräg – im allerbesten Sinn.
Andreas zeigt mir nicht nur eine Ratsche, ein Flexaton, verschiedene Pfeifen und eine winzige Mundharmonika, sondern auch Instrumente, die von Clowns in ihren Nummern verwendet wurden. Besonders stolz ist er auf die Lotusflöte, die offenbar so laut gespielt werden kann, dass Eltern, Nachbarn und Lehrerinnen gleichermaßen „Freude“ daran haben.
Und dann gibt es da noch eine Salami-Klarinette. Die müsst ihr euch bitte selbst anschauen, die ist wirklich witzig.

Artisten, Tiere und große Namen
Im nächsten Raum geht es um die große Welt des Zirkus. Hier steht ein Zirkusthron, auf dem Besucherinnen und Besucher Platz nehmen dürfen. Ich sehe ein Originalkostüm von Josephine Baker und eine goldene Jacke von Louis Knie Senior.
Letztere wiegt acht Kilogramm und wurde mit echten Goldfäden gefertigt. Knie trug sie einst bei seinen Auftritten als Raubtierdompteur. Heute ist sie ein Erinnerungsstück an eine Zirkuswelt, die sich stark verändert hat. Wildtiere sind im österreichischen Zirkus seit 2005 verboten – und auch das ist Teil der Geschichte, die im Museum erzählt wird.
Zu sehen sind außerdem alte Fotos, Plakate, Tierrequisiten und Hinweise auf große österreichische Zirkusse wie Medrano, Rebernigg, Althoff-Jacobi, Louis Knie oder Roncalli. Man könnte in diesem Raum vermutlich stundenlang stehen und immer neue Details entdecken.
Wien als Stadt der Zauberkünstler
Ein weiterer Bereich des Museums widmet sich der Zauberkunst.
Andreas erzählt von berühmten Zauberkünstlern wie Ludwig Döbler, Johann Nepomuk Hofzinser oder Kratky-Baschik. Im Museum sind alte Zauberkästen, Requisiten und Modelle von Zaubertheatern zu sehen, darunter auch eines aus dem Wiener Prater.
Zu den klassischen Illusionen gehört etwa der Degenkorb, bei dem eine Assistentin scheinbar mit Schwertern durchbohrt wird und am Ende natürlich unversehrt wieder herauskommt. Auch solche Stücke kann man im Museum aus nächster Nähe betrachten.

Die Schattenseiten der Unterhaltung: Panoptikum und Schaubuden
So viel gelacht und gestaunt ich auf diesem Rundgang habe – es gibt auch Momente, in denen mir das Lachen kurz im Hals stecken bleibt.
Das passiert im Bereich über die Schaubuden des Wiener Praters und das Breuersche Panoptikum. Dort wurden früher Dinge und Menschen gezeigt, die man heute als verstörend bezeichnen würde.
Andreas erzählt von der „Dicken Mitzi“, die im Wiener Prater als Attraktion auftrat. Im Museum ist sogar eine nachgeschneiderte Unterhose von ihr zu sehen.
Die Mitzi war mit ihren 265 Kilogramm ein Wiener Original. Menschen zahlten Eintritt, um sie in der Schaubude zu sehen. Heute wirkt das befremdlich. Damals war es eine Möglichkeit, Geld zu verdienen und Teil einer Unterhaltungskultur, die mit unseren heutigen Maßstäben nur schwer zu vergleichen ist.

Nikolai Kobelkoff und die Praterdynastie
Noch eindrücklicher finde ich die Geschichte von Nikolai Kobelkoff.
Er wurde ohne Arme und Beine geboren, kam aus Russland nach Wien und wurde zu einer bekannten Figur im Prater. Kobelkoff heiratete in Wien, gründete eine Familie und legte den Grundstein für eine Praterdynastie, deren Nachfahren bis heute im Prater tätig sind.
Im Museum erinnern Fotografien, persönliche Gegenstände und Erinnerungsstücke an sein außergewöhnliches Leben.

Ein Museum zum Angreifen
Im Circus- und Clownmuseum verschwinden die Exponate nicht hinter Glas.
Man darf Clownschuhe in die Hand nehmen, durch einen Raubtiergang spazieren oder auf einem historischen Elefantenpodest stehen. Und dann gibt es da noch das berühmte Nagelbrett.
Ja, ein echtes Nagelbrett mit 600 Nägeln.
Andreas lädt Besucherinnen und Besucher ausdrücklich ein, darauf Platz zu nehmen.
Wenn das Museum lebendig wird
Das Circus- und Clownmuseum Wien bietet Führungen an. Zu jedem Rundgang gehört eine kleine Live-Show – mit Zauberei, Clownerie oder Artistik, je nachdem, welche Künstlerinnen und Künstler gerade anwesend sind.
Besonders neugierig gemacht hat mich außerdem die Veranstaltung „Nachts im Circus- und Clownmuseum“. Dabei wird der Museumsbesuch zur kleinen Inszenierung: Das Licht verändert sich, Figuren aus der Zirkusgeschichte werden lebendig, und plötzlich scheint der Raum selbst zu erzählen.

Mein Fazit zum Circus- und Clownmuseum Wien
Ich nehme aus dem Circus- und Clownmuseum drei Dinge mit: Respekt vor einem Nagelbrett mit 600 Nägeln, den dringenden Wunsch nach einer Lotusflöte – und die Erkenntnis, dass hinter einem Clownmuseum erstaunlich viel Wiener Geschichte steckt.
Wer sich für den Prater, für Zirkusgeschichte, Zauberkunst und Wiener Originale interessiert, sollte sich dieses Museum unbedingt anschauen. Ganz in der Nähe befindet sich auch das Pratermuseum, das ebenfalls einen Besuch wert ist.
Und wer wissen möchte, was es mit der Dicken Mitzi, Charlie Rivel, der Salami-Klarinette und dem Nagelbrett genau auf sich hat, hört am besten auch in die Folge meines Podcasts „Wien auf den zweiten Blick“ hinein.
Dort nehme ich euch mit auf meinen Rundgang durch das Circus- und Clownmuseum.
Circus- und Clownmuseum Wien: Praktische Infos
Adresse: Ilgplatz 7, 1020 Wien
Öffnungszeiten: Sonntag von 10 bis 12 Uhr
Eintritt: Eintritt frei, Spenden sind willkommen
Führungen: Führungen sind nach Voranmeldung möglich. Zu jeder Führung gehört auch eine kleine Live-Show mit Zauberei, Clownerie oder Artistik.
Besonderes Highlight: Die Veranstaltung „Nachts im Circus- und Clownmuseum“, bei der Figuren aus der Zirkusgeschichte lebendig werden.
Website: Hier findet ihr alle aktuellen Informationen zum Circus- und Clownmuseum Wien
Mein Tipp: Unbedingt eine Führung buchen – erst durch die Geschichten von Andreas Swatosch wird aus dem Museumsbesuch eine kleine Reise durch die Wiener Unterhaltungsgeschichte.
Reisebloggerin Gudrun Krinzinger im Circus- und Clownmuseum

📍 Persönlich besucht
Für diesen Beitrag habe ich das Circus- und Clownmuseum in Wien persönlich besucht und gemeinsam mit Andreas Swatosch einen Rundgang durch die Ausstellung gemacht. Mehr davon hört ihr in der passenden Folge meines Podcasts Wien auf den zweiten Blick.
GUDRUN KRINZINGER
Reiseblog von einer reiselustigen, strickbegeisterten, lesesüchtigen und fotografiewütigen Oberösterreicherin mit Hauptsitz Wien und Alte Donau.
Seit 2010 schreibe ich über meine Reisen auf dem Blog Reisebloggerin.at.