Die Ankeruhr in Wien

Kurz vor zwölf Uhr wird es eng am Hohen Markt. Immer mehr Touristen bleiben stehen, richten den Blick nach oben und warten. Als ich gemeinsam mit Austria Guide Ina Hauer hier unterwegs bin, haben sich schließlich bestimmt hundert Menschen vor der Ankeruhr versammelt.

Dann schlägt es zwölf.

Eine Viertelstunde lang ziehen Kaiser, Herrscherinnen, Feldherren, ein Minnesänger, ein Dombaumeister und schließlich Joseph Haydn über eine Brücke zwischen zwei Häusern. Dazu erklingt Musik. Danach löst sich die Menschenmenge langsam wieder auf.

Natürlich kannte ich die Ankeruhr. Aber erst bei meinem Rundgang mit Ina habe ich gemerkt, wie viele Geschichten sich an diesem Wiener Jugendstilkunstwerk entdecken lassen. Denn wer genauer hinschaut, findet hier nicht nur zwölf historische Figuren. Es geht um Leben und Tod, um einen Basilisken, Adam und Eva, einen Teufel – und um eine Versicherung, die mit diesem Kunstwerk vor mehr als hundert Jahren ziemlich geschickt für ihr wichtigstes Produkt geworben hat.

Prinz Eugen von Savoyen als zehnte Figur der Ankeruhr am Hohen Markt in Wien
Die Nummer zehn der Figurenparade ist Prinz Eugen von Savoyen gewidmet.

Der Hohe Markt: Einer der ältesten Plätze Wiens

Bevor wir uns die Ankeruhr genauer ansehen, lohnt sich ein Blick auf den Platz.

Der Hohe Markt gilt als ältester Markt Wiens. Bereits 1208 wird in einer Urkunde ein „Marckt zu Wienn“ erwähnt, womit nach Ansicht der Forschung der heutige Hohe Markt gemeint ist. 1223 taucht die Bezeichnung „forum altum“ auf.

„Hoch“ bezieht sich dabei nicht darauf, dass wir uns hier auf einer besonderen Anhöhe befinden. Austria Guide Ina Hauer erklärt mir den Namen vielmehr mit der Bedeutung dieses Marktes.

Im Mittelalter wurden hier Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs verkauft. Für 1282 ist ein Fischmarkt am Hohen Markt dokumentiert. Später kamen unter anderem Brot, Schmalz, Talg, Bienenwachs, Textilien und Schuhe dazu. Erst 1753 wurde die Verlegung des Fischmarktes aus der Innenstadt angeordnet. Als Wochenmarkt bestand der Hohe Markt sogar noch bis 1939.

Ina erzählt mir bei unserem Rundgang auch von den Fischen und Krebsen aus der Donau. Sie waren eine günstige Eiweißquelle und standen entsprechend häufig auf dem Speiseplan.

Unter dem Hohen Markt liegt das römische Wien

Die Geschichte dieses Ortes beginnt allerdings lange vor dem mittelalterlichen Markt.

Unter unseren Füßen befinden sich Spuren des römischen Legionslagers Vindobona, das vor fast 2.000 Jahren im Bereich der heutigen Innenstadt lag. Gleich am Hohen Markt befindet sich deshalb das Römermuseum.

Im Untergeschoß sind Reste von zwei Häusern erhalten, in denen hochrangige Militärtribunen lebten. Die Gebäude waren entsprechend komfortabel ausgestattet. Archäologen fanden dort unter anderem Reste von Boden- und Wandheizungen – sogenannten Hypokausten.

Wer heute zwischen Ankeruhr, Geschäften und Lokalen über den Platz spaziert, steht also mitten auf einem Gebiet, das bereits zur Zeit der Römer eine wichtige Rolle spielte.

Und damit passt die Ankeruhr eigentlich hervorragend an diesen Ort. Schließlich erzählt auch sie Geschichte.

Historische Kellergewölbe der Porta Dextra in Wien
Die Porta Dextra: Die weitläufigen Kellergewölbe gehören zu den spannendsten verborgenen Orten Wiens.

Die Ankeruhr in Wien ist eigentlich eine Brücke

Wer zum ersten Mal vor der Ankeruhr steht, könnte sie tatsächlich für eine besonders aufwendig gestaltete Uhr an einer Hausfassade halten.

Doch eigentlich ist sie eine Brücke.

Sie verbindet die beiden Gebäudeteile Hoher Markt 10–11 und Hoher Markt 12. Hinter dem Bau stand die damalige Versicherungsgesellschaft „Der Anker“, deren Geschichte am Hohen Markt bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht.

1861 kaufte die Versicherung den sogenannten Galvagnihof, 1869 wurde die Hauptverwaltung an den Hohen Markt verlegt. Als das Unternehmen immer größer wurde, entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts Pläne für einen repräsentativen Neubau.

Gleichzeitig sollte der Bauernmarkt über den Hohen Markt hinaus verlängert werden. Dadurch mussten die beiden Gebäudeteile voneinander getrennt werden.

Die Lösung: eine Brücke.

Und aus einer bloßen Verbindung zwischen zwei Bürogebäuden sollte ein Kunstwerk werden.

Skulpturales Detail an der Ankeruhr am Hohen Markt in Wien
Franz Matsch stattete die Verbindung zwischen den beiden Gebäuden mit zahlreichen Figuren und Symbolen aus.

Franz Matsch und die Entstehung der Ankeruhr

Mit der Gestaltung wurde Franz von Matsch beauftragt.

Sein Name ist heute deutlich weniger bekannt als jener von Gustav Klimt. Dabei arbeiteten die beiden gemeinsam mit Ernst Klimt, Gustavs Bruder, jahrelang zusammen. Als sogenannte Künstler-Compagnie waren sie Ende des 19. Jahrhunderts äußerst gefragt.

Gemeinsam schufen sie unter anderem Deckengemälde für die Feststiegen des Burgtheaters. Auch an der Ausstattung des großen Stiegenhauses im Kunsthistorischen Museum waren Gustav und Ernst Klimt sowie Franz Matsch beteiligt.

Für die Versicherung „Der Anker“ entwickelte Matsch schließlich eine musikalische Figurenuhr. Sie sollte die Geschichte Wiens darstellen und gleichzeitig an die Vergänglichkeit des Lebens erinnern.

Das passt gut zu einem Unternehmen, das Lebensversicherungen verkauft.

Die Ankeruhr wurde zwischen 1911 und 1914 errichtet. Die Brücke hat eine Spannweite von zehn Metern, der Mittelbau mit der eigentlichen Uhr ist 7,5 Meter hoch.

Eine Uhr, die niemals offiziell eröffnet wurde

Die Fertigstellung der Ankeruhr fällt in ein bedeutendes Kapitel der österreichischen Geschichte.

Im Frühsommer 1914 waren das neue Gebäude und die Uhr fertig, der Bezug der neuen Räume war für den 29. Juni geplant.

Doch am 28. Juni 1914 wurden der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie in Sarajevo ermordet.

Die Ankeruhr wurde deshalb nie offiziell eröffnet und wenige Wochen später begann der Erste Weltkrieg.

Adam, Eva, Teufel und ein Basilisk

Wer vor der Ankeruhr steht, sollte nicht nur auf die vorbeiziehenden Figuren schauen. Es lohnt sich, die gesamte Brücke von unten nach oben abzusuchen.

Vier figurale Konsolen tragen das Kunstwerk: vorne Adam und Eva, dahinter ein Engel und der Teufel. Auch sonst steckt die Ankeruhr voller Symbole.

Unterhalb der Figuren finden sich Sternenhimmel und Tierkreiszeichen. Bei unserem Besuch macht mich Ina außerdem auf einen Basilisken aufmerksam – jenes sagenhafte Wesen, das in vielen Wiener Geschichten vorkommt und tief unten in einem Brunnen leben soll.

Noch deutlicher wird die Symbolik ganz oben.

Dort befindet sich die Sonne. Auf der einen Seite sehen wir ein Kind mit einem Schmetterling. Es steht für das Leben. Auf der anderen Seite wartet bereits der Tod mit einer Sanduhr.

Die Botschaft ist kaum zu übersehen: Unsere Zeit ist begrenzt.

Und genau hier kommt wieder der Auftraggeber ins Spiel.

Franz Matsch verband die Vergänglichkeit des Lebens ganz bewusst mit dem Gedanken der Vorsorge. Eine ziemlich elegante Werbebotschaft für eine Lebensversicherung – und zugleich ein außergewöhnliches Stück Wiener Jugendstilkunst.

Verzierte Unterseite der Brücke der Ankeruhr mit Reliefs am Hohen Markt in Wien
Auch unterhalb der Ankeruhr setzt sich die aufwendige Gestaltung fort – ein Detail, das beim Vorbeigehen leicht übersehen wird.

Wo ist bei der Ankeruhr eigentlich das Zifferblatt?

Das Ablesen der Zeit funktioniert bei der Ankeruhr anders als bei einer gewöhnlichen Uhr.

Die 60 Minuten sind nicht kreisförmig angeordnet, sondern auf einer horizontalen Strecke. Eine historische Figur benötigt eine Stunde, um von einer Seite der Brücke zur anderen zu wandern. Über ihrem Kopf zeigt eine römische Zahl die jeweilige Stunde an.

Im Hintergrund befinden sich keine gewöhnlichen Ziffern, stattdessen sind Wappen und Symbole zu sehen.

Besonders auffällig ist das große Mosaik aus Glas, Metall und Marmor. In seiner Mitte befindet sich das Wappen der alten Wiener Bürgerfahne. Rundherum verweisen zwölf Wappenschilder unter anderem auf Wissenschaft, Kunst, Musik, Handel und Gewerbe.

Kaiser Marc Aurel als erste Figur der Ankeruhr am Hohen Markt in Wien
Den Anfang der Figurenparade macht Kaiser Marc Aurel – eine Erinnerung an die römische Vergangenheit Wiens.

Die zwölf Figuren der Ankeruhr

Jede Stunde gehört einer anderen Persönlichkeit oder einem Figurenpaar. Franz Matsch wählte die dargestellten Personen selbst aus. Sie sollten unterschiedliche Epochen und Bereiche der Wiener und österreichischen Geschichte repräsentieren.

Täglich um zwölf Uhr ziehen alle zwölf in chronologischer Reihenfolge über die Brücke:

  • Kaiser Marc Aurel erinnert an die römische Vergangenheit. Der Philosoph und Kaiser hielt sich während der Markomannenkriege im Donauraum auf und verfasste Teile seiner „Selbstbetrachtungen“ in den Garnisonen Carnuntum und Vindobona.
  • Karl der Große steht für den Beginn des mittelalterlichen Herrschaftsraums im Osten.
  • Leopold VI. der Glorreiche und Theodora von Byzanz repräsentieren die Babenberger. Unter Leopold VI. erhielt Wien 1221 das Stadtrecht.
  • Walther von der Vogelweide erinnert an die kulturelle Bedeutung des Babenbergerhofes. Der Minnesänger hielt sich zeitweise in Wien auf.
  • Rudolf von Habsburg und Anna von Hohenberg stehen für den Beginn der langen habsburgischen Herrschaft.
  • Hans Puchsbaum war Dombaumeister von St. Stephan und arbeitete unter anderem an den Plänen für den unvollendet gebliebenen Nordturm.
  • Kaiser Maximilian I. führt uns in die Zeit der Renaissance und zum Aufstieg der Habsburger.
  • Johann Andreas von Liebenberg war während der zweiten Osmanischen Belagerung Wiens 1683 Bürgermeister der Stadt.
  • Graf Ernst Rüdiger von Starhemberg leitete während dieser Belagerung die militärische Verteidigung Wiens.
  • Prinz Eugen von Savoyen wurde zu einem der bedeutendsten Feldherren der Habsburger und ließ später das Schloss Belvedere errichten.
  • Maria Theresia und Franz Stephan von Lothringen stehen für das 18. Jahrhundert und die große Zeit der habsburgischen Residenzstadt.
  • Joseph Haydn beendet schließlich die Parade und erinnert an Wien als Musikstadt. 1797 komponierte er die Kaiserhymne.

Zu jeder Figur gehört ein eigenes Musikstück aus der jeweiligen Epoche oder mit einem historischen Bezug.

So werden aus zwölf Stunden plötzlich fast 2.000 Jahre Geschichte.

Steinerner Figurenschmuck an der Brücke der Ankeruhr am Hohen Markt in Wien
Auch abseits des eigentlichen Uhrwerks lohnt sich der Blick auf die vielen Details der Ankeruhr. Im Bild ist Eva zu sehen, die einen Apfel isst.

Die Ankeruhr um 12 Uhr

Wer die Ankeruhr in Wien besuchen möchte, sollte versuchen, kurz vor zwölf Uhr am Hohen Markt zu sein. Täglich um zwölf beginnt die große Parade.

Dann ziehen alle zwölf Figuren innerhalb von ungefähr 15 Minuten über die Brücke.

Bei unserem Besuch wird es kurz davor immer voller. Rund um uns stehen schließlich bestimmt hundert Menschen. Einige filmen, andere fotografieren, viele schauen einfach nach oben.

Dann schlägt die Uhr zwölf und die Reise beginnt bei Marc Aurel.

Ich würde allerdings nicht erst Punkt zwölf kommen. Wer die Details der Ankeruhr in Ruhe betrachten möchte, sollte zumindest 15 oder 20 Minuten früher da sein. Sobald die Figurenparade beginnt, wird der Platz ziemlich voll.

Die Musik der Ankeruhr

Ursprünglich befand sich hinter der Sonnenscheibe sogar eine richtige Orgel mit rund 1.000 Pfeifen.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Ankeruhr schwer beschädigt. 1945 brannte der Ankerhof aus, auch die ursprüngliche Orgel ging verloren. Nach dem Krieg wurde die Uhr restauriert und in den 1950er-Jahren wieder in Betrieb genommen.

Die heute verwendete Orgelfassung der zwölf Musikstücke stammt aus dem Jahr 1978. Der Organist Hans Haselböck arrangierte dafür die historischen Stücke neu.

2005 wurde die gesamte Ankeruhr unter der Patronanz des Bundesdenkmalamtes noch einmal umfassend restauriert. Heute steht sie unter Denkmalschutz und gehört weiterhin der Versicherung, inzwischen Helvetia, die auch für ihre Erhaltung zuständig ist.

Brücke der Ankeruhr mit der Aufschrift Der Anker und der Jahreszahl MCMXIV in Wien
Die Ankeruhr verbindet zwei ehemalige Gebäude der Ankerversicherung. Die römische Jahreszahl MCMXIV verweist auf das Jahr 1914.

Noch mehr Geschichte am Hohen Markt

Wenn man schon einmal hier ist, sollte man nicht gleich nach der Figurenparade weitergehen.

Nur wenige Schritte von der Ankeruhr entfernt steht der Vermählungsbrunnen, eines der bedeutenden barocken Brunnendenkmäler Wiens.

Seine Geschichte geht auf ein Gelübde Kaiser Leopolds I. aus dem Jahr 1702 zurück. Nachdem sein Sohn Joseph glücklich aus dem Spanischen Erbfolgekrieg zurückgekehrt war, sollte zu Ehren des heiligen Joseph ein Denkmal errichtet werden. Zunächst entstand 1706 eine hölzerne Josephssäule. Zwischen 1729 und 1732 wurde sie durch die heutige Anlage ersetzt. Die Skulpturen stammen vom venezianischen Bildhauer Antonio Corradini.

Damit liegen am Hohen Markt tatsächlich mehrere Schichten Wiener Geschichte direkt nebeneinander: tief unten das römische Vindobona, darüber einer der ältesten Marktplätze Wiens, ein barocker Brunnen – und darüber wiederum eine Jugendstiluhr aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Mein Tipp für die Ankeruhr in Wien

Die Ankeruhr kann jederzeit besichtigt werden, und das kostet keinen Eintritt. Die große Figurenparade findet täglich um 12 Uhr statt.

Am besten erreicht man den Hohen Markt zu Fuß vom Stephansplatz oder vom Schwedenplatz.

Und mein wichtigster Tipp: Schaut nicht nur auf die zwölf Figuren.

Schaut nach Adam und Eva. Sucht den Teufel. Entdeckt den Schmetterling und den Tod mit seiner Sanduhr. Wer nur auf die vorbeiziehenden Persönlichkeiten wartet, übersieht einen großen Teil dessen, was Franz Matsch hier geschaffen hat.

Maria Theresia und Franz Stephan von Lothringen als Figuren auf der Ankeruhr in Wien
Maria Theresia und Franz Stephan von Lothringen gehören zu den zwölf historischen Figuren der Ankeruhr.

Gut zu wissen

Adresse: Hoher Markt 10–11, 1010 Wien
Figurenparade: täglich um 12 Uhr
Dauer: rund 15 Minuten
Eintritt: kostenlos, Besichtigung von außen
Tipp: spätestens gegen 11.40/11.45 Uhr kommen und vorher die Details der Uhr ansehen

Die Ankeruhr im Podcast „Wien auf den zweiten Blick“

Für meinen Podcast „Wien auf den zweiten Blick“ habe ich den Hohen Markt gemeinsam mit Austria Guide Ina Hauer erkundet. Ina war mit mir bereits bei der Porta Dextra unterwegs und kennt unglaublich viele Geschichten über Wien.

Unsere Führung am Hohen Markt war wesentlich ausführlicher, als ich sie in einer Podcastfolge wiedergeben kann. Wir sprechen über den alten Fischmarkt, das römische Vindobona, Franz Matsch, die versteckten Symbole der Ankeruhr und natürlich über jene zwölf Persönlichkeiten, die jeden Mittag über die Brücke ziehen.

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GUDRUN KRINZINGER

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