Porta Dextra in Wien: Drei Schätze unter der Innenstadt

Nur wenige Schritte vom Stephansplatz entfernt führt mich mein Weg diesmal nicht durch die Gassen der Wiener Innenstadt, sondern unter die Stadt, zur Porta Dextra Wien. Gemeinsam mit Austria Guide Ina Hauer steige ich in den historischen Keller von Haas & Haas hinab. Vier Ebenen geht es nach unten – vorbei an Weinflaschen, Ziegelgewölben und alten Mauern.

Hier, tief unter der Wiener Innenstadt, befinden sich Spuren des ehemaligen östlichen Haupttores des römischen Legionslagers Vindobona. Doch bevor wir diesen besonderen Ort erreichen, macht mich Ina neugierig. Sie verspricht mir zwei besondere Schätze. Oder eigentlich drei. Was genau sich dahinter verbirgt, verrät sie allerdings noch nicht.

Eingang zur Porta Dextra im Wein und Genuss Haas & Haas in Wien
Der Zugang zur Porta Dextra befindet sich im Haas & Haas Wein und Feinkost in der Ertlgasse.

Ein historischer Keller mitten in Wien

Von außen lässt sich kaum erahnen, was sich unter dem Geschäft von Haas & Haas Wein verbirgt. Von den Verkaufsräumen aus steigen wir Stufe für Stufe hinunter in ein weitläufiges System aus historischen Kellern, das mehrere Ebenen tief unter die Wiener Innenstadt reicht.

Mit jeder Etage verändert sich die Umgebung. Rings um uns stehen Regale voller Weinflaschen. Einige Räume werden heute für Weinverkostungen und kleinere Veranstaltungen genutzt. Andere wirken mit ihren niedrigen Gewölben, steilen Treppen und dicken Mauern deutlich älter.

Das Geräusch der Belüftungsanlage begleitet uns fast während des gesamten Abstiegs. Sie ist notwendig, um die historischen Räume trocken zu halten.

Schon nach wenigen Minuten fühlt sich der Keller wie ein kleines Labyrinth an.

Historische Kellergewölbe der Porta Dextra in Wien
Die weitläufigen Kellergewölbe gehören zu den spannendsten verborgenen Orten Wiens.

Warum Wien auch nach unten gebaut wurde

Bis 1850 bestand Wien im Wesentlichen aus dem Gebiet des heutigen ersten Bezirks. Innerhalb der Stadtmauern lebten zeitweise deutlich mehr Menschen als heute. Der Platz war knapp, deshalb wurde nicht nur in die Höhe, sondern auch in die Tiefe gebaut.

Unter den Häusern entstanden mehrere Kellergeschosse. Sie dienten als Lagerraum, zur Kühlung von Lebensmitteln und in kriegerischen Zeiten auch als Schutzräume.

Bevor es Kühlschränke gab, boten die gleichmäßig kühlen Keller ideale Bedingungen für Vorräte und Wein. Teilweise waren die Kellerräume verschiedener Häuser sogar miteinander verbunden. Erst im Zweiten Weltkrieg wurden viele dieser Durchgänge zugemauert, als man die Keller als Luftschutzräume nutzte.

Unter der Wiener Innenstadt befindet sich daher beinahe eine zweite Stadt aus Kellern, Gängen, Treppen und zugemauerten Durchgängen.

Backsteingewölbe der historischen Porta Dextra in Wien
Die weitläufigen Gewölbe der Porta Dextra zeigen eindrucksvoll die historische Bausubstanz.

Wiener Gemischter Satz zwischen alten Mauern

Bevor mir Ina die historischen Geheimnisse des Kellers zeigt, begleitet uns Daniel Meyer von Haas & Haas ein Stück hinunter. Er erzählt, was heute in den Regalen lagert: österreichischer Wein, mit einem besonderen Schwerpunkt auf dem Wiener Gemischten Satz.

Beim Wiener Gemischten Satz wachsen unterschiedliche Rebsorten gemeinsam in einem Wiener Weingarten. Sie werden zur selben Zeit gelesen und anschließend gemeinsam verarbeitet. Darin liegt auch der Unterschied zu einem Cuvée, bei der bereits getrennt ausgebaute Weine miteinander verschnitten werden.

Je nach Wetter und Reife der einzelnen Trauben kann ein Gemischter Satz in jedem Jahr etwas anders schmecken. Für Daniel Meyer ist das kein Nachteil, sondern ein Qualitätsmerkmal: Der Wein bildet den jeweiligen Jahrgang ab.

Dass ausgerechnet in einem historischen Keller mitten in Wien Wein lagert, passt gut. Schon über Jahrhunderte zählte Wein zu den wichtigsten Gütern, die in den Kellern der Stadt aufbewahrt wurden.

Historischer Veranstaltungsraum in der Porta Dextra Wien
Heute werden Teile der historischen Gewölbe für Veranstaltungen genutzt.

Der erste Schatz: ein mittelalterlicher Brunnen

Bevor wir noch tiefer hinuntersteigen, zeigt mir Ina den ersten verborgenen Schatz: einen alten Brunnenschacht.

Im mittelalterlichen Wien besaßen viele Häuser einen eigenen Brunnen, um ihre Wasserversorgung zu sichern. Eine zentrale Trinkwasserversorgung, wie wir sie heute kennen, gab es noch nicht. Allerdings lagen Brunnen, Abwasser und Abfälle in der dicht besiedelten Stadt oft gefährlich nahe beieinander.

Kein Wunder also, dass Brunnen in Wiener Sagen nicht immer als besonders einladende Orte erscheinen.

Blick auf den mittelalterlichen Brunnen in der Porta Dextra
Unter den Gewölben befindet sich ein mittelalterlicher Brunnen, der Jahrhunderte überdauert hat.

Der Basilisk in der Schönlaterngasse

Der Basilisk gehört zu den bekanntesten Wiener Sagenfiguren. Der Legende nach lebte das Mischwesen aus Hahn, Kröte und Schlange in einem Brunnen in der Schönlaterngasse, nicht weit von unserem Keller entfernt.

Sein Blick oder sein Atem soll tödlich gewesen sein. Besiegt wurde das Ungeheuer schließlich mithilfe eines Spiegels: Als es sein eigenes Spiegelbild sah, erstarrte es vor Schreck.

Angesichts der hygienischen Probleme alter Hausbrunnen bekommt die Sage einen durchaus realen Hintergrund.

Ebene für Ebene tiefer in den Keller

Wir steigen weiter hinunter. Dabei erklärt Ina, dass die oberste Kellerebene die älteste ist. Sie wurde gemeinsam mit dem Haus angelegt. Brauchte man später mehr Platz, grub man sich von dort aus noch tiefer in den Untergrund.

Auf Ebene minus zwei erwarten uns schöne Ziegelgewölbe. Eine Etage tiefer befinden sich Räume, die heute für Veranstaltungen und Verkostungen adaptiert sind.

Dann geht es noch einmal über eine Treppe nach unten.

Auf Ebene minus vier verändert sich der Keller. Zwischen den Ziegeln fallen plötzlich große Steinquader auf. Und genau hier erreichen wir jenen Ort, um den es bei meinem Besuch eigentlich geht.

Ziegelgewölbe im historischen Keller der Porta Dextra
Die mächtigen Ziegelgewölbe vermitteln einen Eindruck vom mittelalterlichen Wien.

Der zweite Schatz: die Porta Dextra in Wien

Wir befinden uns nun im Bereich des ehemaligen römischen Legionslagers Vindobona. Ungefähr an der Ecke Kramergasse und Ertlgasse lag die Porta Dextra, das östliche Lagertor. Hier begann die Via principalis, eine der Hauptstraßen durch das Lager. Eine Reliefplatte der einst aufwendig ausgestalteten Toranlage ist heute im Römermuseum am Hohen Markt zu sehen.

Der vollständige Name lautet Porta principalis dextra. Übersetzt bedeutet das ungefähr „rechtes Haupttor“. Die Bezeichnung bezog sich auf die militärische Ordnung des Lagers und nicht auf unsere heutige Orientierung im Stadtplan.

Das Legionslager war eine annähernd rechteckige, befestigte Anlage mit mehreren Toren und zwei wichtigen Straßenachsen. Der heutige Stephansdom lag damals bereits außerhalb des Lagerbereichs.

Ist das römische Tor noch erhalten?

Wer bei der Porta Dextra an ein vollständig erhaltenes Tor mit Durchfahrt und Torbogen denkt, wird im Keller keines finden.

Zu sehen sind große Steinquader und Baumaterialien aus römischer Zeit, die später erneut verwendet und in jüngere Mauern eingebaut wurden. Die römischen Gebäude waren nach dem Ende Vindobonas über lange Zeit dem Verfall ausgesetzt. Ihre Steine verschwanden jedoch nicht. Sie waren wertvolles Baumaterial und wurden in späteren Jahrhunderten für neue Gebäude und Fundamente genutzt.

Archäologische Untersuchungen in der Kramergasse und ihrer Umgebung ermöglichten es, die Lage der östlichen Lagermauer und der Porta principalis dextra zu rekonstruieren. Bereits im 19. Jahrhundert wurden Teile der Toranlage dokumentiert; weitere Grabungen ergänzten später das Bild.

Die Porta Dextra ist deshalb heute weniger ein einzelnes sichtbares Bauwerk als ein Puzzle aus Mauerverläufen, archäologischen Funden und wiederverwendeten Steinen.

Historische Kellergewölbe der Porta Dextra in Wien
Die weitläufigen Kellergewölbe gehören zu den spannendsten verborgenen Orten Wiens.

Wie groß war das römische Lagertor?

Die Porta Dextra war keine schlichte Öffnung in der Lagermauer. Archäologische Funde deuten auf eine repräsentative Toranlage mit zwei Durchfahrten hin. In der Nähe wurden Bauteile wie Reliefplatten, Gesimsstücke, Säulenbasen und Teile eines Waffenfrieses gefunden.

Auch Fragmente einer monumentalen Bauinschrift werden dem Tor zugerechnet. Die Toranlage dürfte daher wesentlich aufwendiger ausgesehen haben, als man sich ein rein funktionales Militärtor vielleicht vorstellt.

Heute braucht es eine Zeichnung, um sich die Dimensionen und die Lage der Anlage vorstellen zu können. Gerade das macht den Ort so typisch für Wien: Ein bedeutender Teil der Stadtgeschichte liegt verborgen unter späteren Bauwerken.

Der dritte Schatz: eine josephinische Säule

Nach dem Besuch der tiefsten Kellerebene steigen wir wieder hinauf. Ina hat am Anfang schließlich von drei Schätzen gesprochen. Den mittelalterlichen Brunnen und die Porta Dextra haben wir bereits gesehen.

Der dritte Schatz ist eine Säule aus dem frühen 18. Jahrhundert.

Ina nennt sie eine josephinische Säule und verbindet ihre Geschichte mit der alten Pummerin des Stephansdoms. Die erste große Pummerin wurde nach der Zweiten Türkenbelagerung gegossen. Für ihren Transport zum Stephansdom musste die schwere Glocke durch die von Kellern durchzogene Innenstadt bewegt werden.

Um zu verhindern, dass Kellergewölbe unter dem Gewicht nachgaben, wurden betroffene Bereiche zusätzlich abgestützt. Eine dieser Stützen ist in diesem Keller erhalten geblieben.

Die alte Pummerin hing ursprünglich im Südturm des Stephansdoms. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs fing der Dom Feuer. Die Glocke stürzte ab und zerbrach. Aus ihrem Material wurde später die heutige Pummerin gegossen.

Die Säule im Keller wirkt unscheinbar. Ohne Erklärung wäre ich vermutlich an ihr vorbeigegangen. Doch auch sie zeigt, wie eng das Wien über und unter der Erde miteinander verbunden ist.

Historische Säule im Kellergewölbe der Porta Dextra in Wien
der Porta Dextra in Wien
Eine erhaltene Säule erinnert an die lange Geschichte der Porta Dextra unter der Wiener Innenstadt.

Kann man den Keller der Porta Dextra besichtigen?

Bei meinem Besuch war die erste Kellerebene während der Geschäftszeiten grundsätzlich zugänglich. Wer den Keller sehen möchte, sollte sich vor Ort bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Haas & Haas erkundigen.

Die tieferen Ebenen sind nicht jederzeit frei zugänglich. Besichtigungen können unter anderem im Rahmen von Führungen oder Weinverkostungen möglich sein. Da sich Zugänglichkeit und Bedingungen ändern können, empfiehlt sich eine vorherige Anfrage.

Eine Möglichkeit bietet die Tour „Römer, Juden, Griechen“ von Austria Guide Ina Hauer. Der Stadtspaziergang führt auf multikulturellen Spuren durch die Wiener Innenstadt – von Vindobona über die jüdische Gemeinde bis zum Griechenviertel. Die Führung dauert ungefähr zwei Stunden, mit einer kleinen Weinverkostung rund zweieinhalb Stunden. Aktuelle Informationen und Buchungsmöglichkeiten gibt es direkt bei Lila Tilla Tours.

Porta Dextra im Podcast „Wien auf den zweiten Blick“

Bei meinem Besuch habe ich Ina Hauer und Daniel Meyer mit dem Mikrofon begleitet. In der Podcastfolge hört ihr unseren Weg durch den Keller: das Brummen der Belüftung, unsere Schritte auf den steilen Treppen und Inas Erklärungen zu den drei verborgenen Schätzen.

Infobox: Porta Dextra Wien

Ort: Bereich Ertlgasse/Kramergasse, 1010 Wien
Historische Bedeutung: Östliches Haupttor des römischen Legionslagers Vindobona
Heute sichtbar: Wiederverwendete römische Steinquader und historische Kellerstrukturen
Besichtigung: Zugänglichkeit vorab bei Haas & Haas erfragen; tiefere Ebenen nur nach Vereinbarung, im Rahmen ausgewählter Führungen oder Veranstaltungen
Führung: „Römer, Juden, Griechen“ mit Ina Hauer, Lila Tilla Tours
Podcast: „Wien auf den zweiten Blick – Porta Dextra“

Noch mehr römische Spuren entdecken

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GUDRUN KRINZINGER

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Seit 2010 schreibe ich über meine Reisen auf dem Blog Reisebloggerin.at.

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