Das Billrothhaus in Wien: Wo Medizingeschichte geschrieben wurde

Im neunten Wiener Gemeindebezirk, nur wenige Minuten vom Schottentor und vom Alten AKH entfernt, steht ein Haus, in dem gleich mehrere Kapitel der Wiener Medizingeschichte geschrieben wurden: das Billrothhaus, Sitz der Gesellschaft der Ärzte in Wien.

Vor zwei Jahren war ich zum ersten Mal dort. Besonders beeindruckt haben mich damals zwei Räume: der historische Vortragssaal und die Große Bibliothek.

Als ich mit meinem Podcast „Wien auf den zweiten Blick“ gestartet bin, wusste ich sofort: Das Billrothhaus gehört unbedingt in eine meiner Episoden. Deshalb fragte ich bei Dr. Hermann Zeitlhofer an, ob er für eine Podcastaufnahme zur Verfügung stehen würde. Er betreut im Billrothhaus die Bibliothek, die historischen Bestände und das Archiv – und erzählte mir schließlich zwei Stunden lang von der Geschichte der Gesellschaft der Ärzte und damit auch von einem großen Stück Wiener Medizingeschichte.

Historischer Eingangsbereich im Billrothhaus in Wien mit Holztür und Glasfenstern
Herzlich Willkommen im Billrothhaus!

Die Cholera und die Anfänge der Gesellschaft der Ärzte in Wien

Die Geschichte beginnt nicht im Billrothhaus und auch nicht mit Theodor Billroth. Sie beginnt mit einer Epidemie.

1831 erreichte die Cholera Wien. Die Ärzte versuchten zunächst, die Krankheit mit Maßnahmen zu bekämpfen, die sie aus dem Umgang mit der Pest kannten. Doch die Cholera verhielt sich gänzlich anders. Gleichzeitig fehlte ein Ort, an dem Ärzte offen über neue medizinische Probleme, Beobachtungen und Behandlungsmöglichkeiten diskutieren konnten.

Wir befinden uns schließlich in der Metternich-Zeit. Staatskanzler Klemens von Metternich und die Regierung fürchteten politische Versammlungen und revolutionäre Ideen. Größere Zusammenkünfte wurden kritisch gesehen, und auch der wissenschaftliche Austausch war nicht so frei möglich, wie wir ihn heute kennen.

So entstand die Idee, einen eigenen Verein zu gründen, in dem Ärzte aktuelle medizinische Fragen diskutieren und ihre Erfahrungen miteinander teilen konnten.

Einfach war das nicht. Mehr als sechs Jahre vergingen, bis die Genehmigung erteilt wurde. Am 22. Dezember 1837 wurde schließlich die Gesellschaft der Ärzte in Wien gegründet. Anfangs war die Zahl der ordentlichen Mitglieder auf lediglich 40 begrenzt.

Was als Diskussionsforum begann, sollte bald eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Wiener Medizin spielen.

Schild der Gesellschaft der Ärzte in Wien am Eingang des Billrothauses
Das Billrothhaus in der Frankgasse 8 ist seit 1893 Sitz der Gesellschaft der Ärzte in Wien.

Wie Wien die Medizin neu dachte

Heute klingt es kaum vorstellbar, doch über viele Jahrhunderte bestimmte die sogenannte Viersäftelehre die europäische Medizin. Vereinfacht gesagt ging sie davon aus, dass bestimmte Körpersäfte im Gleichgewicht sein mussten. War dieses Gleichgewicht gestört, wurde der Mensch krank. Eine häufige Behandlungsmethode war der Aderlass.

In den 1840er-Jahren begann die Wiener Medizin radikal mit solchen Vorstellungen zu brechen.

Zwei Namen spielen dabei eine besonders wichtige Rolle: der Pathologe Carl von Rokitansky und der Internist Josef Škoda. Sie versuchten, Krankheiten auf eine anatomische Grundlage zu stellen und klinische Diagnosen mit den späteren Ergebnissen von Obduktionen zu vergleichen. Dieser neue naturwissenschaftliche Zugang wurde zu einer Grundlage der sogenannten Zweiten Wiener Medizinischen Schule.

Wien bot dafür besondere Voraussetzungen. Im Allgemeinen Krankenhaus standen sehr viele Patienten zur Verfügung, gleichzeitig konnten Verstorbene obduziert und Krankheitsverläufe systematisch untersucht werden.

Die Dimensionen sind beeindruckend: Rokitansky war im Laufe seines Lebens an knapp 60.000 Obduktionen beteiligt. Die dazugehörigen Aufzeichnungen ermöglichten es, Krankheiten und ihre Verläufe in einer bis dahin kaum gekannten Größenordnung zu vergleichen.

Aus dieser neuen Arbeitsweise entstanden und entwickelten sich auch medizinische Spezialgebiete weiter. Ferdinand von Hebra prägte etwa die wissenschaftliche Dermatologie, Josef Škoda die Innere Medizin. Wien erlangte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts internationalen Ruf als medizinisches Zentrum.

Historisches Treppenhaus im Billrothhaus in Wien mit rotem Teppich und schmiedeeisernem Geländer
Das repräsentative Treppenhaus führt hinauf zum Vortragssaal

Ein Who’s who der Wiener Medizingeschichte

Und die Gesellschaft der Ärzte?

Sie wurde zum Treffpunkt dieser neuen Medizin.

Freitagabends kamen Ärzte zusammen, hörten Vorträge, präsentierten Forschungsergebnisse und diskutierten neue Erkenntnisse. Viele Namen, denen ich während meines Besuchs begegne, kennt man heute aus der Medizingeschichte: Carl von Rokitansky, Josef Škoda, Ferdinand von Hebra, Ignaz Semmelweis, Theodor Billroth und Karl Landsteiner.

Zahlreiche medizinische Erkenntnisse wurden innerhalb der Gesellschaft erstmals präsentiert und diskutiert. Auch Semmelweis und Landsteiner stellten ihre Forschung hier vor.

Und auch die Entwicklung der Röntgentechnik erreichte Wien erstaunlich schnell. Nur wenige Wochen nach Wilhelm Conrad Röntgens Entdeckung Ende 1895 entstanden in Wien bereits medizinisch eingesetzte Röntgenaufnahmen. Im Billrothhaus wurden die neuen Möglichkeiten vor Medizinern präsentiert und diskutiert.

Historisches Schild „Zutritt untersagt“ vor der Galerie der Bibliothek im Billrothhaus
Ein Detail in der Großen Bibliothek: Manche Bereiche sind nicht frei zugänglich.

Warum die Gesellschaft der Ärzte ein eigenes Haus brauchte

Trotz ihrer wachsenden Bedeutung besaß die Gesellschaft zunächst kein eigenes Gebäude. In den ersten Jahrzehnten wechselte sie mehrfach ihren Standort.

Ein Grund dafür war ausgerechnet etwas, das später zu einem der größten Schätze des Billrothauses werden sollte: die Bibliothek.

Bereits seit 1840 baute die Gesellschaft eine medizinische Spezialbibliothek auf. Jahr für Jahr kamen Bücher und Fachzeitschriften dazu. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Mitglieder. Irgendwann reichte der Platz nicht mehr aus.

Unter dem Chirurgen Theodor Billroth, der 1888 Präsident der Gesellschaft wurde, nahm der Plan für ein eigenes Vereinshaus konkrete Formen an. Ein Baukomitee wurde eingesetzt, Mitglieder spendeten Geld, und nach Plänen des Architekten Ludwig Richter entstand in der Frankgasse ein eigenes Gebäude für die Gesellschaft.

Am 27. Oktober 1893 wurde das neue Vereinshaus eröffnet.

Historischer Vortragssaal im Billrothhaus mit roten Sitzreihen, Galerie und hohen Flügeltüren
Der historische Vortragssaal erinnert eher an ein Theater des 19. Jahrhunderts als an einen medizinischen Vortragsraum.

Der Vortragssaal: Ein medizinisches Theater

Das Herzstück des Billrothauses ist für mich der Vortragssaal.

Wer ihn betritt, könnte im ersten Moment glauben, in einem kleinen Wiener Theater des 19. Jahrhunderts gelandet zu sein. Genau diesen Vergleich zieht auch Hermann Zeitlhofer in unserem Gespräch.

Dabei wurde der Raum von Anfang an ausschließlich für medizinische Vorträge geplant. Bei der Planung dachte man erstaunlich praktisch.

Ärzte kommen aufgrund von Notfällen eben auch einmal zu spät oder müssen einen Vortrag früher verlassen. Theodor Billroth wollte deshalb, dass sie den Saal betreten und wieder verlassen konnten, ohne die anderen Zuhörer zu stören.

Die Lösung: 21 Flügeltüren.

Rund um den Vortragssaal verläuft ein Gang, und bei nahezu jeder zweiten Sitzreihe befindet sich eine Tür. So konnte man möglichst unauffällig kommen und gehen.

Der Saal selbst ist rund neun Meter hoch und besitzt eine ausgezeichnete Akustik. An den Wänden und im Raum erinnern Büsten an bedeutende Persönlichkeiten der Wiener Medizin – darunter viele Namen, die in der Geschichte der Gesellschaft bereits eine Rolle gespielt haben.

Seit 1893 werden hier medizinische Erkenntnisse präsentiert und diskutiert und bis heute dient das Billrothhaus der wissenschaftlichen Fortbildung.

Vortragssaal im Billrothhaus in Wien
Das ist der wunderbare und beeindruckende Vortragssaal

Die Große Bibliothek im Billrothhaus

So eindrucksvoll der Vortragssaal ist – der Raum, der mich persönlich fast noch mehr begeistert, liegt im Erdgeschoss.

Die Große Bibliothek muss man eigentlich mit eigenen Augen gesehen haben.

Hohe dunkle Holzregale ziehen sich an den Wänden entlang. Metallsäulen tragen eine Galerie, über die auch die oberen Regalreihen erreichbar sind. Bücher stehen bis weit hinauf unter die Decke. Vieles sieht heute noch so aus wie Ende des 19. Jahrhunderts.

Historische Fotografien aus der Zeit nach der Eröffnung zeigen, wie wenig sich an der Grundstruktur dieses Raumes verändert hat.

Doch die Bibliothek ist nicht nur schön. Sondern war über viele Jahrzehnte ein zentraler Arbeitsort für medizinische Forschung in Wien.

Im Alten AKH gab es lange keine vergleichbare zentral aufgebaute medizinische Fachbibliothek. Wer wissenschaftlich arbeitete und aktuelle Literatur benötigte, kam deshalb in die Gesellschaft der Ärzte. Noch bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts saßen hier täglich Forschende, Ärzte und Studierende und arbeiteten an wissenschaftlichen Publikationen und Dissertationen.

Die Bibliothek der Gesellschaft bestand bereits seit 1840 und wuchs kontinuierlich. Heute umfasst der historische Bestand unter anderem rund 100.000Zeitschriftenbände. Gleichzeitig hat sich die Nutzung längst ins Digitale verlagert: Mitglieder können auf mehr als 3.000 elektronische Fachzeitschriften zugreifen.

Die alten Bücher sind deshalb aber keineswegs überflüssig.

Nicht alles ist digitalisiert. Historikerinnen und Historiker, Forschende und sogar Unternehmen wenden sich noch heute an Bibliothek und Archiv, wenn sie nach medizinischen Publikationen, Personen oder Entwicklungen aus früheren Zeiten suchen.

Bibliothek im Billrothhaus
Ebenso beeindruckend: Die Bibliothek im Billrothhaus

Wie die Wiener U5 plötzlich Platz für Bücher schuf

Über Jahrzehnte hatte die Bibliothek vor allem ein Problem: Platz.

Dann kam ausgerechnet der Wiener U-Bahn-Bau zu Hilfe.

Die neue U5 wird unter dem Billrothhaus durchgeführt. Für die Bauarbeiten waren umfangreiche statische Sicherungen im Keller notwendig. Rund 30.000 Bücher mussten vorübergehend ausgelagert werden, alte Regale wurden entfernt und das Archiv neu organisiert.

Anschließend wurden moderne, verschiebbare Kompaktregale eingebaut.

Das Überraschende daran: Obwohl der Keller durch die baulichen Maßnahmen an Höhe verlor, gewann die Bibliothek insgesamt Platz.

Dadurch konnten erstmals wieder größere Schenkungen angenommen werden.

Eine davon ist besonders interessant: die historische Ärztebibliothek vom Steinhof. Die Fachliteratur war über Jahrzehnte von Psychiatern und Neurologen verwendet worden und konnte als geschlossener Bestand in das Billrothhaus übernommen werden.

Damit wurde eine bedeutende historische Psychiatriebibliothek erhalten und als medizinhistorisches Kulturgut gesichert.

Große Bibliothek im Billrothhaus mit historischen Bücherregalen, Galerie und Holztisch
Die Große Bibliothek hat mich schon bei meinem ersten Besuch begeistert: Bücherregale reichen bis unter die Decke, eine Galerie führt an den historischen Beständen entlang.

Im Archiv warten noch viele Geschichten

Im Archiv des Billrothauses sind nicht nur große Bestände interessant. Oft sind es einzelne Dokumente, die plötzlich eine fast vergessene Geschichte wieder ans Licht bringen.

Hermann Zeitlhofer erzählt mir beispielsweise von einer handschriftlichen Autobiografie eines 1938 vertriebenen Radiologen, die er im Keller entdeckte. Zunächst war gar nicht klar, was für ein Dokument er da gefunden hatte. Erst nach und nach ließ sich die Geschichte dahinter rekonstruieren; später tauchte sogar noch der dazugehörige Brief auf.

Solche Funde zeigen, wie viel in Bibliotheken und Archiven noch zu entdecken ist – und dass es jemanden braucht, der dieses Material einordnet, erforscht und wieder sichtbar macht.

Eingang zur historischen Bibliothek im Billrothhaus mit der Aufschrift Bibliothek
Hinter diesem Eingang verbirgt sich einer der eindrucksvollsten Räume des Billrothauses: die Große Bibliothek.

1938: Auch die dunklen Kapitel gehören zur Geschichte

Zur Geschichte der Gesellschaft der Ärzte gehört allerdings auch ein Kapitel, das nicht ausgeblendet werden darf.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die Gesellschaft 1938 aufgelöst. Jüdische und politisch verfolgte Ärzte wurden entrechtet und aus dem medizinischen Leben Wiens verdrängt. Die Gesellschaft hat diese Geschichte in den vergangenen Jahren intensiv aufgearbeitet.

Seit Dezember 2025 ist ein Digitales Gedenkbuch öffentlich zugänglich. Nach den bisherigen Forschungen konnten 623 der damals 890 Mitglieder als Verfolgte identifiziert werden; ein großer Teil wurde aus antisemitischen Gründen ausgeschlossen.

Auch dafür sind die historischen Mitgliederverzeichnisse, Briefe und Dokumente im Archiv von großer Bedeutung.

Ausstellung im Billrothhaus über die Geschichte der Gesellschaft der Ärzte in Wien während der Jahre 1930 bis 1960
Im Billrothhaus setzt man sich auch mit den dunklen Kapiteln seiner Geschichte auseinander – darunter mit der Rolle der Gesellschaft der Ärzte während der NS-Zeit

Das Billrothhaus heute besuchen

Das Billrothhaus ist kein Museum mit regulärem täglichen Besichtigungsbetrieb. Trotzdem kann man die historischen Räume kennenlernen.

Die Gesellschaft der Ärzte bietet Führungen durch das Billrothhaus an, verbunden mit einem Vortrag über die Geschichte der Gesellschaft und der Wiener Medizin. Die Führungen dauern ungefähr eine Stunde; Termine werden auf der Webseite des Billrothauses angekündigt. Aktuell werden auch eigene Medical History Tours angeboten

Außerdem finden im Haus wissenschaftliche Veranstaltungen und immer wieder medizinhistorische Ausstellungen statt.

Billrothhaus Wien – praktische Informationen

Adresse: Frankgasse 8, 1090 Wien
Öffentliche Verkehrsmittel: U2 Schottentor sowie mehrere Straßenbahnlinien in der Umgebung
Führungen: nach Termin bzw. im Rahmen der Medical History Tours
Dauer einer Führung: etwa eine Stunde
Tipp: Termine unbedingt vorab auf der Webseite des Billrothauses prüfen und gegebenenfalls anmelden.

Das Billrothhaus im Podcast

Viele Geschichten und Details rund um das Billrothhaus, die Gesellschaft der Ärzte und die Wiener Medizingeschichte konnte ich in diesem Artikel nur anreißen.

Wenn du noch tiefer eintauchen möchtest, hör dir meine Podcastfolge „Wien auf den zweiten Blick“ über das Billrothhaus an. Darin erzählt Dr. Hermann Zeitlhofer ausführlich über die Geschichte des Hauses, die Bibliothek und das Archiv.

Noch mehr Wien auf den zweiten Blick

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1 Kommentar

  1. Veröffentlicht von Anette am 13/09/2026 um 19:09

    Wow, klasse, was ein interessanter Beitrag! Vielen Dank dafür – das Billrothhaus kommt auf meine Bucket-Liste!
    Viele Grüße Anette

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GUDRUN KRINZINGER

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