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Der Rest der Welt

San Juan Chamula

Stell dir vor du gehst in eine Kirche. Du erwartest Bänke, einen Altar, Heiligenfiguren, ein Taufbecken und eine Orgel. Es ist andächtig still, vereinzelt sitzen Menschen in den Bänken, die Hände gefaltet. Ganz vorne kniet eine Frau vor dem Seitenaltar.

Doch als Du die Kirchentür in San Juan Chamula öffnest und in die Kirche blickst, schnappst du erstaunt nach Luft. Alles ist anders. Du siehst Kerzen, tausende brennende Kerzen. Die meisten davon stehen auf Holztischen, die ringsum im Kirchenraum aufgestellt sind. Sitzbänke gibt es nicht. Sie wurden entfernt. Bei jedem Luftzug flackern die Flammen der Kerzen, sie neigen sich einmal in die, und dann wieder in die andere Richtung. Das Sonnenlicht versucht sich einen Weg durch die schmutzigen Fenster zu bahnen. Es riecht nach Harz.

Die Heiligenfiguren sind in Holzkästen mit Glasfronten untergebracht. San Tomas, San Marco, San Cristobal, San Miguel. Manche von ihnen halten Spiegel in den Händen. Stumm blicken sie auf die brennenden Kerzen.

Kathedrale in San Juan Chamula

Plötzlich steht ein Mann mit einem weißen Schafwollumhang neben dir. Energisch wischt er die Piniennadeln, die den Boden der Kirche bedecken, zur Seite. Er öffnet das Packpapier, das er in den Händen hält, und holt Kerzen aus dem Paket. Er hockt sich auf den Boden und beginnt am Fußboden ein Quadrat aus Kerzen zu arrangieren. Zuerst zündet er eine dünne weiße Kerze an, tropft das Wachs auf den Boden und presst die Kerze in dieses Wachs.

Ein bestimmtes Muster entsteht. Nach fünf Reihen weißer Kerzen folgt eine Reihe roter Kerzen, dann kommt eine blaue Reihe, dann eine bunte Reihe. Die letzte Reihe besteht aus drei großen weißen Kerzen und zwei Dosen Coca-Cola. Man erzählt Dir, er sei ein Schamane.

Er treibe böse Geister aus. Geister, die sich in Form von Krankheiten in den Körpern festsetzen. Sie müssen besänftig werden.

Mittlerweile haben sich neben dem Schamanen zwei Frauen mit zwei Kindern niedergelassen. Die eine hält einen Karton in der Hand. Der Karton bewegt sich. Du drehst Dich um und siehst einer anderen Familie zu. Sie haben es sich ebenfalls vor einem Quadrat aus Kerzen gemütlich gemacht, die aber andersfärbig arrangiert sind. Zwischen den Personen in der ersten Reihe sitzt ein schwarzes Huhn. Es gackert.

Viva San Juan

Rechts von Dir kratzt jemand mit einer Spachtel das flüssige Wachs vom Fußboden. Ein Mann mit einem großen Plastiksack drängt sich dazwischen. Im Sack befinden sich Kiefernnadeln, die er mit ausholenden Handbewegungen auf den Fußboden streut. Du willst nicht im Weg stehen und gehst Richtung Altar. Nur findest Du statt dem Altar einen Holztisch vor, auf dem hunderte Kerzen in Glasbehältern brennen. Auf den Gläsern ist das Bildnis der Jungfrau von Guadeloupe abgebildet. Eine Frau kniet vor dem Tisch und betet. Zumindest kommt es dir so vor.

Du hörst einen lauten Pfeifton und drehst Dich wieder um. Du bist fasziniert. Was geht hier vor? Mindestens 15 Familien haben sich in dieser Kirche versammelt. Wobei Kirche? Doch, dein Guide bestätigt Dir Deine Annahme. Selten, aber doch, werden hier sogar noch Messen gelesen.

San Juan Bautista

Mittlerweile begehrt ein Huhn gegen sein Schicksal auf und gackert wütend vor sich hin. Der Schamane packt es, die linke Hand umfasst den Kragen des Huhns, mit der rechten hält er die Krallen zusammen. Er schwingt das Tier in einem bestimmten Rhythmus vor sich her, beginnt zu Murmeln, dreht sich zur Seite und wiederholt die Bewegungen vor einem Jungen, der sich aus der Gruppe seiner Familie erhoben hat. Ergeben steht er da, die Augen gesenkt. Auf seinem bunten T-Shirt prangt ein amerikanisches Logo, die Jeans ist an den richtigen Stellen zerrissen, das Handy zeichnet sich in seiner Gesäßtasche ab.

Der Schamane hält zum letzten Mal das Huhn in die Höhe, dreht es in einer blitzschnellen Bewegung am Kragen und legt es zu Boden. Das Huhn ist tot. Eine Touristin neben Dir schluchzt laut auf.

Bunte Fahnen

Die Zeremonie geht weiter. Du bahnst Dir vorsichtig einen Weg durch Kerzen, Schamanen, Hühnern und Touristen Richtung Ausgang. Wieder öffnest Du die schwere Kirchentür und wirfst noch einen letzten Blick zurück. Schließlich stehst Du draußen, die Sonne scheint, Du schnappst nach Luft. Das soeben Erlebte erscheint eigenartig weit weg. Dein Verstand kommt nicht nach. Am Platz draußen ist heute Markttag, ein kunterbuntes, farbenprächtiges Spektakel. Warst Du wirklich in einer Kirche, wo man Hühner geopfert hat?

Markttag in Chamula

San Juan Chamula liegt im Südwesten von San Cristóbal de las Casas. Touristen ist der Besuch der Kirche erlaubt,  Eintrittskarten bekommt man im Tourismusbüro.
Fotografieren im Innenraum der Kirche ist streng verboten. Auch am Marktplatz selbst ist die Kamera nicht gern gesehen. Man glaubt, dass ein Foto einen Teil der Seele stiehlt.

Meine Mexiko-Rundreise wurde von MexTROTTER aus der Welt von TROTTERmundo unterstützt. Vielen Dank.