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Der Rest der Welt

Kriminelles Salzburg

„Wo legst du die erste Leiche hin?“ Wenn ich nicht wüsste, dass Manfred Baumann Krimiautor wäre, würde ich es spätestens jetzt mit der Angst zu tun bekommen. So aber wandere ich mit ihm ganz entspannt durch Salzburg und klappere die Schauplätze seiner Krimiromane ab. Am Domplatz machen wir unseren ersten Halt.

Manfred Baumann

„Ich wollte in dieser Stadt keine Geschichten erzählen von den Hinterhöfen in Lehen“, erklärt er, bevor er ein schwarzes Buch aus seiner Umhängetasche kramt. Auf dem Cover sind eine weiße Rose und ein kunstvoll verzierter Dolch abgebildet, Baumann klappt das Buch auf und beginnt zu lesen:

Montag, 31.Juli, 5.27 Uhr Die Tauben passten nicht ins Bild. Einfach grotesk. Geradezu komisch. Wenn schon Vögel, dachte Merana, dann Aasgeier. Aber keine Tauben. Allerdings – rein zoologisch betrachtet – war die Salzburger Altstadt sicher kein Biotop für Aasgeier. Zumindest nicht für gefiederte. Für andere schon eher. Für Aasgeier im Lodenmantel zum Beispiel. Nun hockten sich die nicht um fünf Uhr früh auf die Jedermann-Bühne vor dem Dom, um einer Leiche die Augen auszuhacken…

An Toten haben die Salzburger Aasgeier wenig Interesse. Tote geben nichts her. Kaufen keine Souvenirs. Essen keine Pommes frites. Zahlen keinen Eintritt. Tote interessieren die Salzburger Aasgeier nur, wenn sie so berühmt sind, dass man ihr Bild auf Marzipankugeln und Likörflaschen kleben kann. Und solche Tote sind meist 200 Jahre alt.

Aber die Leiche hier war frisch. Martin Merana, Kommissariatsleiter der Fachabteilung >Mord/Gewaltverbrechen< der Bundespolizeidirektion Salzburg gähnte, blinzelte zu den Tauben hinüber und musste kichern, was ihm einen leichten Schrecken einjagte…

Von den Lehener Hinterhöfen sind wir somit weit entfernt, Baumann legt seine Leichen am liebsten an den bedeutendsten Plätzen Salzburgs ab. Im ersten Krimi auf der „Jedermann“-Bühne vor dem Dom (der Tote ist übrigens nicht der Jedermann, das wäre viel zu fad, wie Baumann findet). Im zweiten Krimi „Wasserspiele“ platziert Baumann seinen Toten im römischen Theater in Hellbrunn. Die Bühne des Großen Festspielhauses ist Schauplatz seines dritten Krimis, wo die Sopranistin als Königin der Nacht inmitten der berühmten Arie „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen…“ tot zusammenbricht und im zuletzt erschienen Krimi „Mozartkugelkomplott“ lässt Baumann einen falschen Mozart ausgerechnet in Mozarts Geburtshaus an einer vergifteten Mozartkugel sterben.

Salzburger Dom

Römisches Theater Hellbrunn

Mozarts Geburtshaus

Original Salzburger Mozartkugel

Klingt theatralisch? Zu aufgesetzt? Klischeebeladen? Stimmt, aber in einer anderen Stadt als in Salzburg könnten diese Krimis auch gar nicht spielen. Salzburg ist Bühne und Kulisse zugleich.

Der Nebel, der an diesem frühen Morgen über die Salzach wabbert und die Festung in ein diffuses Licht taucht, die Zunftzeichen in der Getreidegasse, die gülden in der Sonne glitzern, die Statuen im Mirabellgarten, die sich in Pose werfen, die Hufe der Fiaker, die auf dem Straßenpflaster klappern, die Standler am Grünmarkt, die frische Buchteln verkaufen, das Knirschen und Knarren des Mühlrads am Kapitelplatz, alles fügt sich ineinander, ein perfektes Drehbuch für einen 43-jährigen Kriminalinspektor aus dem Pinzgau, der nach seinem Studium in Salzburg hängengeblieben ist und diese Stadt von außen betrachten kann wie ein Gast.

Salzburg im Nebel

Am Grünmarkt in Salzburg

Austro Ducks

Salzburg Altstadt

Da macht er es seinem Erfinder Manfred Baumann gleich, dieser ist in Hallein zu Hause.

Salzburg kennt er wie seine Westentasche, sein Wissen über Geschichte und Kunst ist enorm, und obwohl er mehrmals betont, kein Historiker zu sein, sind seine Geschichten historisch korrekt. Ein bisschen verdächtige ich ihn ja, sich die Figur des Kommissars auf den Leib geschrieben zu haben, wie er da so steht, mit seinem Buch in der Hand, wild gestikulierend, lachend, erklärend, dann wieder nachdenklich, ruhig, ein guter Beobachter und Zuhörer.

Mittlerweile sind wir bei unserem Spaziergang durch Salzburg vor dem Festspielhaus angekommen, Manfred Baumann lässt den Blick über den Platz schweifen, über die Rucksacktouristen, die knipsenden Japaner, die Salzburgerinnen im Dirndkleid, alles wurlt durch die Gegend, Baumann lächelt und sagt: „ Ich mag das, und mein Kommissar mag das auch.

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Bisher sind fünf Krimis mit Martin Merana von Manfred Baumann erschienen, alle im Gmeiner Verlag.

Der Band „Maroni, Mord und Hallelujah“ enthält kriminelle Weihnachtsgeschichten, besonders gut hat mir die Geschichte Stern.Taler.Kind (Seite 129) gefallen.

Der Krimi Drachenjungfrau spielt an den Krimmler Wasserfällen und wurde mit Manuel Rubey in der Rolle des Martin Merana verfilmt.

Die im Text kursiv gesetzten Zeilen stammen aus Baumanns erstem Buch „Jedermanntod“, Seite 9, Gmeiner Verlag, Meßkirch.

In wenigen Tagen erscheint ein neuer Band des Autors mit Kriminalgeschichten, in der Hauptrolle der Benediktinermönch und Hobbydetektiv Pater Gwendal.

Weitere lesenswerte Krimis, in denen Salzburg eine Hauptrolle spielt:
Wolf Haas, Silentium, Rowohlt Verlag
Tatjana Kruse, Bei Zugabe Mord, Haymon Verlag
Franz Zeller, Sieben letzte Worte, Knaur Verlag

Ein Klassiker, in dem Salzburg eine Nebenrolle spielt:
Patricia Highsmith, Ripley Under Grund, Diogenes

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Vielen Dank an die Stadt Salzburg, die mich zur kriminellen Reise eingeladen hat und die unendlich viel Geduld aufgebracht hat, um auf diesen Beitrag zu warten. Danke, Susanne!