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Der Rest der Welt

Das Ötztal, eine Zeitreise

„Wumm“. Und wieder: „Wumm“. Und noch einmal: „Wumm“. Rhythmisch, fast wie Musik. Ein weiteres mächtiges „Wumm“ ertönt, als die zwei Lärchenbalken auf den Stein donnern. Christian, der Museumswart im Ötztaler Heimat- und Freilichtmuseum, hat mit Wasserkraft den Pluil (Flachsbrecher) zum Laufen gebracht. Er schiebt Flachsstängel zwischen Balken und Stein. Nach einigen weiteren „Wumm“ ist der Flachs gebrochen, das heißt, die holzigen Teile lösen sich von der Faser.

Im nächsten Arbeitsschritt landet der Flachs in der Schwinghütte. Hier streifen die großen Holzmesser die holzigen Bastteilchen ab, der verkaufsfertige Flachs bleibt übrig.

Flachs (im Ötztal „Hoor“  also „Haar“ genannt) war bis ins 19. Jahrhundert eine der Haupteinnahmequellen im Tal. Die Qualität war so gut, dass er sogar an der Hamburger Börse gehandelt wurde. Hier im Museum, das aus insgesamt 10 Gebäuden besteht, erinnert man sich daran und wer eine Zeitreise unternehmen möchte, dem lege ich das Museum ans Herz.

Gemeinsam mit dem Obmann Hans Haid wandere ich durch die Räume im Paarhof  und betrachte altertümliche Gebrauchsgegenstände aus längst vergangenen Zeiten. Er zeigt mir auch den Gedächtnisspeicher, der im Haus Lehn 23b untergebracht ist.

Hier werden Erinnerungen gesammelt und vor dem Vergessen bewahrt. Zum Beispiel setzt man sich beim Ofnbonkpalaver (Ofenbankpalaver) zusammen und spricht über so alltägliche Dinge wie Brot.

Da hätte ich schon einige Fragen an die Ötztaler. Wann wurde gebacken? Wie oft? Einmal im Monat oder öfter? Wer entfachte das Feuer? Welches Holz wurde verwendet? Wie sahen die Brotbacköfen aus? Ab wann verschwanden sie? Solche Antworten werden aufgezeichnet und im Archiv gesammelt. Hans Haid erklärt den Gedächtnisspeicher so: „Man kann nur in eine gute Zukunft gehen, wenn man eine Vergangenheit hat, von der man zu erzählen weiß.“

Heimatmuseum

Heimatmuseum Ötztal

Ötztal Heimatmuseum

Lehnbach im Ötztal

den Löffel abgeben

Ötztaler Heimat- und Freilichtmuseum
Lehn 24
3444 Längenfeld
http://www.oetztal-museum.at/

 

Ebenfalls viel zum Erzählen hat Johannes Regensburger, der Senior Chef des Ötztaler Schafwollzentrums in Umhausen. Die Geschichte des von seinem Vater gegründeten Betriebes hängt ebenfalls mit dem Flachs zusammen, denn noch im Jahr 1948/49 wurden hier 50 Tonnen Flachsfaser verarbeitet. Im darauf folgenden Jahr sank jedoch der Flachsanbau in Tirol auf Null Kilo!

Die Lösung um den Betrieb weiterzuführen, fand man im anderen textilen Rohstoff der Region, der Schafwolle. So führt mich Johannes Regensburger durch die Betriebsanlage und startet die eine oder andere Maschine für mich. Die Schafwolle wird sortiert, gereinigt, gewaschen, gekämmt und gefärbt. Fast 90 Farbtöne stehen zur Verfügung und können als Flocke (lose Wolle), kardiert im Band oder Vlies, als Dochwollschnur und als Dochtgarn gekauft werden. Außerdem findet man im Werkstattladen Produkte der Kunden, die Wolle waschen lassen oder Wolle verarbeiten.

Dass ich Johannes Regensburgers Erklärungen nur mit einem Ohr zuhöre, liegt daran, dass ich als strickverrücktes Wesen in Gedanken bereits mein Budget überschlage. Wer mich kennt weiß, dass ich an keinem Wollgeschäft der Welt vorbei gehen kann, ohne mindestens ein Knäuel zu kaufen. So ist es auch kein Wunder dass ich im Anschluss der Führung das Schafwollzentrum mit zwei Sackerl Strickwolle und in glückseliger Stimmung verlasse.

An alle Strick-, Filz- und Handarbeitsenthusiasten: Hier werdet ihr ebenfalls glücklich, denn im Ötztaler Schafwollzentrum ist määähr drin!

Schafwolle

Schafwollzentrum

Maschinen im Schafwollzentrum

Filzwolle

Ötztaler Schafwollzentrum

Ötztaler Schafwollzentrum
Lehnpuit 2-4
6441 Umhausen
http://www.schafwolle.com/

Diese Reise ins Ötztal erfolgte auf Einladung vom Hotel Bergland Sölden. Die Kosten für die Anreise wurden vom Tourismusverband Ötztal übernommen. Vielen Dank!